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Bildende Kunst 8 Min. Lesezeit

Der Unfall und die bewusste Langsamkeit der Bilder

Die Ausstellung von John Baldessari in Brüssel verdeutlicht seinen aufmerksamen Blick

Erschienen in Ausgabe Januar 2026
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Die Hängung spielt mit den verschiedenen Maßstäben © KM

Betritt man die John-Baldessari-Ausstellung im Bozar in Brüssel, begibt man sich nicht in eine Retrospektive im klassischen Sinne, mit Datumsangaben, Epochen und Erläuterungstafeln, die Orientierung bieten und vorgeben, was und wo man hinschauen soll. Hier geht es vielmehr darum, eine Situation zu akzeptieren. Eine Situation des Blicks, des Ungleichgewichts und manchmal auch des Humors. „Paraboles, fables, et autres salades“ präsentiert sich nicht wie ein Mausoleum des amerikanischen Künstlers, eines Giganten der Konzeptkunst, der 1931 geboren wurde und 2020 verstorben ist. Die Ausstellung gleicht vielmehr einem großen Raum, in dem die räumlichen Verhältnisse ungewöhnlich und ungewiss sind. Metallstühle säumen den Durchgang und laden dazu ein, es sich in diesem seltsamen postmodernen Garten gemütlich zu machen, in dem Baldessari insbesondere auf die Fotografie zurückgriff. Man kommt hier mit seinen Gewohnheiten als Besucher an, wie dem Wunsch, etwas zu „verstehen“, sich etwas zu „merken“ oder „einen Rundgang zu machen“, und sehr schnell spürt man, dass diese Reflexe auf sanfte Weise untergraben werden.

Der Rundgang, der bewusst nicht chronologisch angelegt ist, entfaltet sich wie eine völlig offene Montage. Man bewegt sich von einem Raum zum anderen, ohne dass eine klare Abfolge erkennbar ist: Sprünge, Wiederholungen, Anklänge – als hätte jemand das Band durchgeschnitten und die Stücke wieder zusammengeklebt, ohne zu versuchen, die Naht unsichtbar zu machen. Man kann an einer Stelle verweilen und zum Anfang zurückkehren, weil man ein visuelles Echo entdeckt. Zunächst wirkt das verwirrend. Vielleicht sucht man nach einer klaren Linie, einem roten Faden, der einen an die Hand nimmt. Diese Entscheidung entspricht der tiefgreifenden Logik von John Baldessari, der stets misstrauisch gegenüber allzu glatt gestrickten Erzählungen und Bildern war, die ihre Autorität aufzwingen. Hier erzählt er seine Geschichte. Jedes Werk wirkt wie ein Schnittfehler: Etwas scheint Kontinuität anzukündigen, doch dann verschiebt das nächste Werk alles. Der Besucher wird seinerseits zum Cutter. Er verbindet, er vergleicht, er zögert. Und vor allem akzeptiert er, dass die Bedeutung niemals als Ganzes geliefert wird, sondern erst im Laufe des Rundgangs entsteht.

Was das Ganze zusammenhält und ihm etwas seltsam Vertrautes verleiht, ist die zentrale Rolle des Humors. Ein diskreter, trockener, manchmal fast unsichtbarer, aber stets präsenter Humor. Für den Künstler ist das Lachen kein bloßer Witz, der zur „Entspannung“ hinzugefügt wird. Es ist eine kritische Methode und eine Ethik des Blicks. Der Humor dient dazu, Selbstverständlichkeiten zu entschärfen, die Hierarchien zwischen bildender Kunst und Populärkultur aufzubrechen und das Bild leicht ins Wanken zu bringen – gerade so viel, dass man aufhört, ihm zu schnell zu glauben. Es ist ein Lachen, das öffnet, das eine Distanz zwischen uns und dem Gesehenen schafft, damit wir atmen und nachdenken können, kurz gesagt.

John Baldessaris Humor gleicht selten einem Witz. Er hat vielmehr etwas Minimalistisches an sich: ein verschmitztes Lächeln, eine auf den Kopf gestellte Selbstverständlichkeit, ein Satz, der scheinbar nichts aussagt und dadurch zu einem Ereignis wird. Er will nicht zum lauten Lachen anregen, sondern vielmehr in der Schwebe halten. Er durchbricht den schnellen Bildkonsum, diese zeitgenössische Art, von einem Bild zum nächsten zu springen, ohne dem Sinn Zeit zu geben, sich zu entfalten. Hier bringt uns das Lachen ins Stocken, es zwingt uns, etwas länger vor dem Bild zu verweilen. Und schon wird diese winzige Zeitspanne zu einer Form des Widerstands.

John Baldessari stellt sich nicht über den Besucher, er führt ihn nicht in die Irre, um seine Unwissenheit zur Schau zu stellen. Er teilt mit ihm seine Ratlosigkeit. Das Lachen wird zu einem gemeinsamen Raum, zu einem Ort des gemeinsamen Zögerns. Man hat das Recht, nicht sofort zu verstehen, sich zu irren, noch einmal von vorne anzufangen. Dieses Recht ist heute so wertvoll. In einer Gegenwart, die von autoritären Bildern und vorgefertigten visuellen Diskursen mit Werbe-, Social-Media- und algorithmisch generierten Bildern übersättigt ist, bietet die Ausstellung etwas anderes. Sie wird zu einem Raum, in dem man sein Urteil aussetzen und Assoziationen freien Lauf lassen kann, indem man akzeptiert, dass die Bedeutung der Werke fragil ist. Das wird deutlich, wenn Einbrüche aus dem Hollywood-Kino auftauchen. John Baldessari entnimmt Fragmente, die wir alle zu beherrschen glauben; man erkennt einen Blick, einen Körper, der mitten in der Spannung eingefangen wurde, oder eine unterbrochene dramatische Bewegung. Der Künstler entreißt diese Bilder ihrer narrativen Kontinuität und versetzt sie in einen anderen Kontext; dadurch werden sie ihrer dramatischen Funktion beraubt und verletzlich. Man erkennt sie zwar wieder, doch sie rufen nicht mehr die erwartete Emotion hervor. Die Erzählmaschine kommt ins Stocken, und genau hier entsteht der Humor: in dieser kleinen Panne. Man lächelt, weil man sieht, wie der Mechanismus versagt, und weil man plötzlich hinter die Kulissen blickt.

In diesem Sinne wird die Ausstellung fast schon intim. Man ertappt sich dabei, wie man mit einem Lächeln, einer gewissen Ungeduld oder einer Interaktion mit einem anderen Besucher reagiert. John Baldessari spiegelt uns unseren eigenen Blick wider, ohne dabei gewaltsam zu sein. Er sagt nicht, dass wir manipuliert werden, sondern zeigt uns vielmehr, wie unser Blick konstruiert ist. Das Lachen, das aus dieser Erkenntnis entsteht, verachtet weder die Bilder noch diejenigen, die sie betrachten. Im Gegenteil, es macht sie menschlich. Hinter dem konzeptuellen Ansatz spürt man eine echte Aufmerksamkeit für unser Bedürfnis, Geschichten zu erzählen – auch jene, die wir manchmal neu erfinden, um uns über Wasser zu halten. Die „Tall Tales“ des Titels sind diese übertriebenen, zu schönen oder zu unwahrscheinlichen Geschichten, und sie sind nicht nur Lügen. Es sind auch zusammengebastelte, aber notwendige Erzählungen, die wir uns erzählen, um in dieser Welt trotz ihrer Ungereimtheiten leben zu können.

Die Inszenierung unterstreicht hier diese gesamte verkörperte Erfahrung. Die Maßstabswechsel beziehen uns körperlich mit ein: Man tritt näher, um zu lesen, man tritt zurück, um zu sehen, man dreht sich, weil ein Bild ein anderes heraufbeschwört. Manche Werke, die auf Wandgröße vergrößert wurden, sind keine Darstellungen mehr, sondern werden zu Umgebungen, die uns übersteigen. Andere wirken wie Notizen, diskrete Fallen oder Atempausen. Der Blick ist hier nie bequem: Er schreitet voran, er weicht zurück, er vergleicht und er zögert. Ja, er wird sogar zu einem aktiven Akt.

Und dann ist da noch dieses wesentliche Element: die Sprache. Für John Baldessari dienen Worte nicht dazu, das Bild zu erklären, sondern sie verschieben es, beeinflussen es und verhindern, dass es sich in sich selbst erschöpft. Ein Satz kann als Bildunterschrift, als Gebrauchsanweisung, als Moral der Fabel oder als all das zugleich fungieren, ohne jemals endgültig festgelegt zu sein. Dieser Wechsel zwischen Lesen und Sehen, dieses fast schon körperliche Hin und Her, wird schließlich zu einem Atemzug. Als ob uns die Werke ganz einfach daran erinnern würden, dass das Betrachten auch eine Art ist, die Welt zu lesen, und dass Lesen manchmal schon eine Art des Zweifelns ist.

Vielleicht wird die Ausstellung genau hier am menschlichsten: Sie macht spürbar, wie sich Sinn beim Gehen, beim Innehalten, beim Zurückkehren und beim Akzeptieren von Zweifeln und Meinungsänderungen entwickelt. Sie verlagert die Intelligenz zurück in unseren Körper und in die Dauer und weg von der Leistung.

Diese Flexibilität der Bedeutung ist es auch, die John Baldessari so zeitgemäß gemacht hat. Wir leben in einer Welt, in der die Aufmerksamkeit ständig neu ausgerichtet wird: Wir schneiden aus, teilen, versehen mit Bildunterschriften und posten erneut. Sein Werk, das noch vor dem Zeitalter der digitalen Medien entstand, nimmt deren Logik vorweg, kritisiert sie aber vor allem von innen heraus. Er zeigt, dass die Bedeutung nicht im Bild selbst liegt, sondern aus der Montage, dem Kontext und den begleitenden Worten entsteht – aus dem, was der Betrachter mit seiner eigenen Geschichte mitbringt. Er erinnert zudem – und das alles mit Humor – daran, dass sich diese Bedeutung jederzeit umkehren lässt und dass ein Bild, wenn man es nur um einen Zentimeter verschiebt, etwas anderes erzählen kann, ja sogar zu etwas ganz anderem werden kann.

In diesem Zusammenhang entwickelt sich die Beziehung zu einer Tradition des Absurden – von Magritte bis Broodthaers – ganz ohne, dass dies besonders betont werden müsste. Aus einer Affinität zu dieser besonderen Art, das Ernste ins Lächerliche abgleiten zu lassen und das Lächerliche dann in ein Werkzeug zu verwandeln: das der Klarheit. Der Humor verhindert hier die Faszination, er bewahrt eine kritische Distanz und schützt den Blick vor jeder blinden Zustimmung. Er ermöglicht zudem eine seltenere Emotion: eine bewusste Emotion. Man kann das Bild lieben und ihm zugleich misstrauen. Man kann berührt sein und gleichzeitig die Struktur erkennen. Paradoxerweise bietet dieses doppelte Bewusstsein eine tiefgreifende Erfahrung des Betrachteten.

Wenn man die Ausstellung verlässt, nimmt man keine These oder klare Schlussfolgerung mit. Man geht mit einer gesteigerten Wachsamkeit gegenüber Bildern und einem feineren Bewusstsein für deren Mechanismen – und vielleicht, zweifellos, mit einer gewissen Bescheidenheit. John Baldessari erteilt uns keine Lektion, sondern vermittelt uns einen aufmerksamen, leicht spöttischen, aber niemals naiven Blick – jenen Blick, der weiß, dass Humor das Denken keineswegs schwächt, sondern vielmehr eine seiner anspruchsvollsten und zweifellos menschlichsten Formen sein kann.

John Baldessari, Parabeln, Fabeln und anderer Unsinn, Bozar Brüssel, zu sehen bis zum 26. Februar