Wie lässt sich dieser Eindruck erklären, dass die Räume der Galerie Ceysson & Bénétière in ihrer Weite noch nie so wenig dicht, so leicht, ja fast schwerelos gewirkt haben? Mit der Ausstellung von Gloria Friedmann schwebt hier eine Leichtigkeit. Sie liegt an den Werken, an ihrer Poesie, die von allen Seiten ausstrahlt, und die beiden großen Skulpturen, die man als Orientierungspunkte betrachten könnte, ändern daran nichts. An anderer Stelle haben die Werke Raum, sich zu entfalten, und die weißen Wände wirken wie die leeren Seiten eines Buches, in denen die gedruckten Zeilen eingebettet und integriert sind und von der Leere um sie herum profitieren. Ein Vergleich, der einem in den Sinn kommt, wenn man fast an der Schwelle der Ausstellung eine solche Seite aus einem Buch von Tolstoi sieht, eingerahmt von Erde und Stahl, den Titel einer Erzählung: „Wie viel Land der Mensch braucht“, in dem ein ehrgeiziger Bauer, um sich so viel Land wie möglich anzueignen, seine Kräfte überschätzt; er muss das Land an einem Tag zu Fuß umrunden und stirbt schließlich vor Erschöpfung. Ein kleines Stück Land reicht für sein Grab.
Gloria Friedmanns Werke bestehen aus Anspielungen und Andeutungen – das ist die Poesie. In den Skulpturen, die durch das Formen von Ton und Silikon entstehen, werden Austernschalen hinzugefügt, um so etwas wie einen Helm für eine Nymphe zu schaffen, an anderer Stelle Ammoniten, oder sie entstehen schlichtweg durch Hybridisierung. Während sich eine solche Kugel aus Ton als Matrix selbst genügt, gilt dasselbe auch für die Matrix, die vor ihrem Bauch eine schwere Kugel trägt. In den Gemälden unter Plexiglas, „Karaoke“, wo ausgestopfte Papageien auf der Vorderseite mit dem Gesang der Farben wetteifern ; nicht weniger in einem großen Gemälde aus echter Rinde oder an anderer Stelle, wo ein Spiegel mit der Aufschrift „Nature“ uns unser Bild in Teilen zurückwirft. In den Fotografien, schließlich in den Zeichnungen, Kohlezeichnungen auf Papier, in einer Art separatem Kabinett, aufgehängt wie Wäsche zum Trocknen ; man taucht darin ein, begegnet dort dem Menschen, den Tieren, in ebenso vielen Situationen, die zum Nachdenken anregen.
Es stimmt zwar, dass Gloria Friedmann in dieser Hinsicht niemals ihre Stimme erhebt. Man könnte vielleicht einwenden, dass ihre Kunst daher weit entfernt sei von jeglichem Aktivismus, wenn man damit bereitwillig direkte und gewalttätige Aktionen in Verbindung bringt. Dabei würde man jedoch vergessen, dass diese Künstlerin deutscher Herkunft, geboren in Kronach und seit Ende der 1970er Jahre in Frankreich ansässig, schon lange bevor das Thema in den Fokus der Aktualität rückte, eine Wegbereiterin war, die die Seele und das Bewusstsein für die schwierigen, aber so bereichernden Beziehungen zwischen Mensch und Tier und ganz allgemein für die Verbindung des Menschen mit der Natur geweckt hat. Ihr Aktivismus verbindet eine moralische Haltung mit dem treffendsten ästhetischen Ausdruck.
„ Ich mag es, wenn ein Werk etwas aussagt und der Betrachter etwas daraus mitnimmt. Das heißt aber nicht, dass ich eine Künstlerin bin, die eine Botschaft vermitteln will. Ich verstehe das nicht besser als andere, ich bin wie jeder andere auch, aber ich liebe es, die richtige Form für eine Idee zu finden – passend und unerwartet. “
Die Ausstellung im Wandhaff, die noch bis zum 1. März zu sehen ist, hätte den Titel des Tolstoi-Märchens tragen können. Sie trägt den Titel: „Die Zauberer der Zeit des Innehaltens“. Was die Magie angeht, muss man wohl nicht weiter darauf eingehen. Was die „Zeit der Stille“ betrifft, so ist es jene, die Gloria Friedmann uns schenkt – als Vergnügen, als Genuss –, die sie uns andererseits aber auch auferlegt – als Hinterfragen, als Nachdenken. Und mit der Ökosphäre ist alles unwiderruflich der Zeit unterworfen, allgegenwärtig, seit jeher. In Gloria Friedmanns Werk zeigt sich dies in seiner fernsten Ausprägung bei den Ammoniten, doch gerade in den „Zeitfängern“, einem ganz neuen Werk, sind diese fossilen Weichtiere mit Uhrwerken ausgestattet und verbinden so so vieles: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – und vermitteln zudem mit ihrer gewundenen Schale eine andere, nicht-lineare Vorstellung von Zeit.
Wir werden zum Ende kommen, aber ist man jemals fertig mit Werken, die – auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – nur so vor Assoziationen und Andeutungen strotzen, während ich Ihnen eine oder zwei sehr symbolträchtige Kohlezeichnungen beschreibe: Auf einem Möbiusband – der Ring sieht jedenfalls so aus – sieht man einen Mann laufen; auf einer geschwungenen Vertikalen steht ein anderer auf halber Strecke da, Sisyphos, der abrutscht oder versucht, wieder hinaufzuklettern. Wer weiß schon, wie das Dasein verläuft, was das Leben bereithält.