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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Mensch und Natur

Es klingt wie ein Sprechgesang: Creeper, Sleeper, Weeper. Dabei darf man nicht vergessen, Nat Meade, den Namen des Künstlers, hinzuzufügen. Er ist der Schöpfer einer bildnerischen Ausdrucksform, die zugleich…

Erschienen in Ausgabe Juli 2024
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© Nosbaum-Reding

Es klingt wie ein Sprechgesang: Creeper, Sleeper, Weeper. Dabei darf man nicht vergessen, Nat Meade, den Namen des Künstlers, hinzuzufügen. Er ist der Schöpfer einer bildnerischen Ausdrucksform, die zugleich individualistisch und universell ist. Er malt die Züge eines „ archetypischen Menschen “, das heißt, wie seit jeher.

Nat Mead, geboren in Portland, Oregon, lebt in Brooklyn, New York. Man kann nicht behaupten, dass es sich bei den gezeigten Bildern um Porträts handelt, die den Salonbildern ähneln, auf denen jene dargestellt sind, die das entstehende und schnell zu Reichtum gelangende urbane Amerika geprägt haben. In dem Begleittext zur Ausstellung stellt Sabine Dorscheid klar, dass im Elternhaus ein Porträt von Walt Whitman hing, „dem“ Dichter schlechthin des amerikanischen 19. Jahrhunderts, der „Leaves of Grass“ zunächst 1855 im Eigenverlag veröffentlichte.

„Creeper, Sleeper, Weeper“, der Titel der Ausstellung, verweist auf Whitmans Art, in freien Versen zu schreiben – zu Ehren der Großstadt – und insbesondere von Brooklyn –, die Einwanderer aufnahm. Es handelt sich also um eine moderne, sich im Wandel befindliche, rasante, kakophone Welt – das genaue Gegenteil, so könnte man meinen, von den Gemälden von Nat Meade. Denn der Künstler stellt das männliche Exemplar der menschlichen Spezies als einen Block dar. Dabei erinnert es auch ein wenig an das Bild von Walt Whitman, das man als Kind zu Hause gesehen hat. Dieser scheint etwas von jenen typischen Zügen gehabt zu haben, die wir Europäer den Eroberern der Neuen Welt zuschreiben. Dieses raue Gesicht hat die Natur als „Partner“.

Das scheint uns das Geheimnis der widersprüchlichen Anziehungskraft zu sein, die Nat Meades Werk auf den Betrachter ausübt. „Creeper“ zum Beispiel ist ein Gemälde auf Jute. Wir beschreiben es als Erstes, weil es dem ersten Wort des Ausstellungstitels entspricht und Nat Meade es direkt von Whitman entlehnt hat. Wie in „Sleeper“ sieht man hier einen Männerkopf mit geschlossenen Augen, der horizontal am unteren Rand des Bildes liegt. Im Gegensatz dazu scheint in „Weeper“ der Kopf – ebenfalls mit geschlossenen Augen – wie ein aufgeblasener Ballon am oberen Bildrand festzukleben, und sein langes Haar fällt auf eine Wasserfläche herab: natürlich die von Narziss.

Der Mann überschätzt sich offensichtlich. Ist das einer der Gründe für die geringe Größe der Bilder? Die Werke von Nat Meade sind keine großformatigen Arbeiten, mit Ausnahme von „Dandylion“ (91,4 x 78,7 cm), auf dem der Kopf des Mannes diesmal die Augen offen hat. Er lächelt, beleuchtet von einem Licht, das von außen kommt. Sinnt er nach vor dem Blumentopf mit den Löwenzahnpflanzen, die, wie man aus der berühmten Illustration im Larousse-Wörterbuch weiß, das Wissen in alle Winde verstreuen?

Neben dem violetten Farbton dieses Gemäldes und den ocker-goldenen Farbtönen von Creeper, Sleeper, Weeper, in denen Mensch und Natur eine Gesamtkomposition bilden, die einer Art imaginärer Landschaft gleicht, dominieren in den anderen Werken Grün- und Orangetöne. Die Natur im Vordergrund wird in Form eines einfachen, mit Blättern bedeckten Astes dargestellt, der vor dem Gesicht vorbeiläuft, als wolle er es schützen. Das Blätterdach wird zweimal dargestellt, darunter ein „Canopy“ auf Papier (ein kleines quadratisches Format), das in Tempera ausgeführt ist. Die glatte Oberfläche und der Glanzeffekt werden betont, während die Ölgemälde auf Leinwand die raue Struktur der Jute beibehalten. Die Technik besteht laut Sabine Dorscheid darin, Schicht für Schicht bewusst aufzurauen, damit das Werk etwas Raues behält. Zweifellos ruft das Thema Natur bei Nat Meade auch auf persönlicher Ebene all das in Erinnerung, was die Industrie und damit die von Whitman verherrlichte Urbanität an Schaden angerichtet hat. So lässt sich die Temperamalerei auf Stamper-Papier interpretieren. Der Mann sitzt mit dem Rücken zu uns auf einem Baumstamm vor einer Landschaft, die diesmal im Hintergrund zu sehen ist. Auch sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Doch seine Haltung erinnert an Rodins „Denker“…

Über alle Epochen der bildenden und bildhauerischen Kunst hinweg erinnern uns die monolithischen Köpfe sowohl an die hieratischen Gesichter der griechischen und römischen Bildhauerkunst als auch an die kantigen Züge der primitiven Kunst Südamerikas und des Pazifiks. Genau das macht die verführerische Bildsprache von Nat Meades Malerei so geheimnisvoll.