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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Der extravagante Julian Rosefeldt

Großraum

Erschienen in Ausgabe Juli 2023
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Die Völkingler Hütte in Völklingen, direkt neben Saarbrücken, beherbergt die Ausstellung „When we are gone“ von Julian Rosefeldt. Eine lebendige Erinnerung an jene außergewöhnliche Ausstellung des Künstlers, die ich vor einigen Jahren in Berlin gesehen habe und in der der Film „In the land of the drought“ gezeigt wurde, der auch im Rahmen dieser Ausstellung zu sehen ist. Ein in Schwarz getauchter Raum, eine Leinwand im Hintergrund, auf der unglaubliche fremde Welten projiziert werden, und die ungeduldige, fast schon andächtige Erwartung des Kunstpublikums auf das, was folgen würde. Diesmal taucht man durch drei verschiedene Filme in andere Phantasmagorien ein.

Den Auftakt macht ein erster Film, der auf der großen Leinwand gezeigt wird und die so einzigartige Atmosphäre des Künstlers zwischen Kabarett-Szene, nackten und bekleideten Körpern einfängt – alles in Schwarz-Weiß: Deep Gold (2013/2014). Ein Mann im schwarzen Anzug taucht in einer trostlosen Szenerie auf, einem fast menschenleeren Berlin, wie nach einem Krieg oder einer Apokalypse. Fast surrealistische Bilder tauchen auf, wie etwa dieser weiße Ballon, den man mitten im Nirgendwo in den Himmel steigen sieht und den er eine Weile betrachtet. Dann betritt er dieses Kabarett, in dem sich nackte und bekleidete Menschen tummeln – ein Kabarett, das an die Vorstellungen erinnert, die man sich von den „Wilden Jahren“ macht. Berauscht von der Atmosphäre des Ortes betritt die Figur, der wir folgen, das Lokal und kommt wieder heraus, immer noch ebenso zerzaust. Der ästhetisierenden Schwarz-Weiß-Inszenierung stehen die Phantasmagorien des Künstlers gegenüber. Der Zuschauer bewegt sich zwischen Traum und Wirklichkeit. Deep Gold führt die surrealistische Filmkunst von Luis Buñuel fort. Zwischen Percussion und Tango, der Präsenz der Sängerin Peaches und Wagner-Melodien ist das, was man auch als Revival der Berliner 1920er Jahre interpretieren könnte, ebenso sehr eine Utopie wie ein Tanz am Rande des Abgrunds.

Es ist auch dieses Gefühl einer einzigartigen Fremdartigkeit, das den Film prägt, der im hinteren Bereich der Völklinger Hütte gezeigt wird. Die Installation umfasst vier Bildschirme: einen im Hintergrund und drei an den Seiten. Zunächst sehen die Zuschauer die ordentlich aufgereihten Regale eines Supermarkts, bevor – ebenso surreal wie in „Deep Gold“ – überraschend ein Tiger am Ende einer der Regalreihen auftaucht. Symbolisiert das Tier die Rückkehr einer Form von Natur in einen streng organisierten und kommerzialisierten Alltag? Als künstlerische Meisterleistung hinterfragt „Euphoria“ (2016–2022), warum der Kapitalismus bis heute alternativlos zu sein scheint. In dieser regelrechten Filmoper wird der Rhythmus von Schlagzeugern (den seitlichen Bildschirmen) und einem Chor junger Menschen vorgegeben. Untermalt von kraftvollen Bildern entfaltet die Textcollage Zitate, die von Adorno über Michel Houellebecq und Snoop Dogg bis hin zu Virginie Despentes und Einstein reichen.

Auch die Filme von Julian Rosefeldt nehmen manchmal eine eher historische Wendung, wie beispielsweise in „Meine Kunst Kriegt Hier Zu Fressen“ (2002), der in Zusammenarbeit mit Piero Steinle entstand. Der Krieg in Bildern bildet den roten Faden dieses Films, der dem Maler Max Beckmann Tribut zollt. In den Schwarz-Weiß-Bildern ziehen Soldaten wie Punkte am Horizont vorbei, gefangen in einer sich entziehenden, kollektiven Unendlichkeit – „sie, die man in der Ferne wiederfindet, unbewaffnet und unsicher“, wie Aragon es in einem von Brassens gesungenen Lied formulieren würde. Der Künstler verwendete historisches Archivmaterial, das die Schlachten des Ersten Weltkriegs, aber auch die Luftkämpfe des Zweiten Weltkriegs und die Stadt New York zeigt. Als Collage umspannt „Stationendrama“ das gesamte 20. Jahrhundert. Hier wird daran erinnert, dass der Krieg, lange Zeit Kulisse des Jahrhunderts, dazu beigetragen hat, es erheblich zu verdunkeln. Diese verschiedenen Filme zeugen von der Bedeutung der Bewegung für den Künstler, die er auch in all ihren Formen der Extravaganz oder kollektiven Maßlosigkeit darzustellen vermag.

Julian Rosefeldt, „When we are gone“ – noch bis zum 3. September im Weltkulturerbe Völklinger Hütte