Es beginnt mit dem Ende. An der Wand, die die beiden Räume der Galerie Modulab verbindet, sind Ausschussstücke aus dem Atelier der Künstlerin Irma Kalt (geb. 1987) ausgestellt. Die Künstlerin, die bereits seit 2018 auf der Luxembourg Art Week vertreten ist und an der École des Beaux-Arts in Nantes ausgebildet wurde, reiste schon früh um die Welt (Frankreich, USA, China, Thailand). Jedes Mal behielt sie ein Fragment ihrer früheren Arbeiten zurück, das sie anschließend sorgfältig in einer Schachtel sammelte. So werden nun in Form einer Installation alle möglichen Materialien präsentiert, die sie seit ihrer Jugend gesammelt hat und die die Erinnerungen der Künstlerin festhalten: Skizzenbücher, Stoffreste, Farbtests oder Flaggenentwürfe, wie jene, die Irma Kalt für den Frac Bretagne angefertigt hat und die seitdem Teil seiner ständigen Sammlung ist. Die vollständig mit Restmaterialien bedeckte Bilderschiene zeigt einen Garten aus Formen und Farben und offenbart zugleich einen Teil kreativer Intimität. So findet das Ende einen neuen Neubeginn in einer Geste des Recyclings, bei der sich die Sichtbarmachung nicht auf das Endprodukt beschränkt. Dies ist im Übrigen eine vertraute Vorgehensweise der Galerie Modulab, deren vorheriger Gastkünstler sich dafür entschieden hatte, Skulpturen aus Restmaterialien auszustellen.
Zu beiden Seiten dieses Ateliers, das durch die Vorhänge hindurch zu erahnen ist, ziehen elegante Holzschnitte den Blick auf sich. Majestätisch und minimalistisch variieren sie alle Motive, die an der Grenze zur Abstraktion liegen, deren Streifen jedoch auf ein und dasselbe Textilmuster hindeuten. Dieses Motiv lässt sich insbesondere anhand der Verwindungen und Falten erahnen, die der Künstler mithilfe innovativer Techniken (Schablone, Linolschnitt, Holzschnitt, Tapete, Siebdruck) variiert und so ausgehend von ein und demselben Objekt vielfältige optische und strukturelle Effekte erzeugt. Es gibt das Regelwerk (das Maß, aber auch die Methodik), das bei der Wahl des Motivs vorherrscht, und es gibt die Ausnahme, die Knitterfalten, die Unregelmäßigkeit, die ihren geometrischen Kompositionen Leben und Bewegung einhauchen. Man denkt dabei im weiteren Sinne an die Gemälde von Ode Bertrand, neben deren Werken Irma Kalt an derselben Stelle ihr Werk „Piscine“ (2013) ausgestellt hat, in dem die Wellenbewegung des Wassers die Regelmäßigkeit der Fliesen ins Wanken bringt. Eine Rasterstruktur, die Kalt aufgreift, um sie an anderer Stelle in der Ausstellung auf zwei Handschuhe zu übertragen, die sie selbst aus Wolle genäht hat („Main dans la main“, 2020). Man könnte darin einen Einfluss erkennen, der durch den Kontakt mit der asiatischen Kultur und den dortigen Künstlergruppen geprägt wurde, wie die formale Ähnlichkeit mit der Kalligraphie belegt. Spricht Irma Kalt nicht selbst von ihren Werken als „sowohl einer Geste als auch einer Form des Schreibens“? Dabei würde man jedoch vergessen, dass Irmas Vater, Charles Kalt, selbst Künstler ist und einige Werke gemeinsam mit seiner Tochter signiert hat. Doch die sicherste Verbindung müssen wir eher auf der Seite der Mutter suchen, einer Kostümbildnerin an der Opéra du Rhin, die ihr Stoffreste mitbrachte. Darin liegt Irma Kalts Vorliebe für Farben und Textilien begründet. „In unserer Familie ist die Kunst eine gemeinsame Sprache“, bestätigt die Künstlerin.
Man bewundert die akribische, beharrliche Arbeit, bei der breite Streifen sich emporstrecken und durch den Kontrast auf den mit Tinte getränkten Holzstücken miteinander harmonieren. Feine Streifen, die durch Aushöhlung entstehen und laut der Künstlerin dazu dienen, „den Raum zu markieren und die Bewegung des Stoffes zu zeigen“, wie man es insbesondere an zwei erhabenen Werken der Serie „Étreinte“ (2025) erkennen kann. Auf die Holzplatten trägt der Künstler einfarbige Farbtöne auf, die die Tiefe von Gewürzen besitzen, wie das Preußischblau, dessen Nuancen je nach Lichteinfall zwischen Grün, Blau und Schwarz schwanken, je nach Lichteinfall, oder, noch seltener, dieses leuchtende Solferino-Violett, in das der Blick des Betrachters eintaucht (Ruban, 2021). Abgesehen von dem sinnlichen Genuss, den sie bereiten, heben diese Farbflächen die Maserung des Holzes hervor und stellen den streng geometrischen Kompositionen der Künstlerin ihre eigene, freie und zufällige Bildsprache gegenüber. „Ich mag die Idee, die Maserung des Holzes zum Vorschein zu bringen, die ich mir nicht aussuchen kann und die man erst sieht, wenn man sie mit Tinte nachzeichnet“, verrät Irma. Eine Möglichkeit, den Zufall einzubeziehen und ihn im Rahmen des Schaffensprozesses zum Vorschein zu bringen. Hinzu kommt, dass das Holz dem Betrachter eine Präsenz vermittelt, die Papier nicht bieten kann, da dieses üblicherweise mit einer Schutzscheibe abgedeckt ist.
Der Rundgang wird von Werken unterschiedlicher Formate geprägt, bei denen das textile Motiv stets im Vordergrund steht. Bemerkenswert sind jedoch zwei Werke, in denen das Geschriebene im Mittelpunkt steht; es handelt sich um zwei Radierungen, die den Betrachter direkt ansprechen: „ Wo bist du “, „ Was machst du ? “, ist dort zu lesen. Jede dieser Inschriften vermittelt den Eindruck, aus Stoff gefertigt zu sein. Schließlich sei daran erinnert, dass sich die Galerie Modulab seit zehn Jahren dem Kunstverlag widmet und heute über eine schöne Sammlung von Druckgrafiken verfügt. Davon zeugt das Triptychon, das Irma Kalt speziell für die Ausstellung angefertigt hat und das deren Titel aufgreift: Ja, nein, vielleicht (2025). Es handelt sich um drei Linolschnitte auf Papier, die in einer Auflage von 22 Exemplaren gedruckt wurden und eine letzte Variation auf der Grundlage der Übertragung des textilen Materials darstellen. p