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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Die Realität sehen

Fotografie

Erschienen in Ausgabe Dezember 2023
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Der allgemeine Titel der Ausstellung, „Hidden Narratives“, spricht für sich. Er deutet darauf hin, dass man diese Bilder nicht einfach nur als schöne Aufnahmen betrachten sollte. Denn hinter der Oberfläche der Fotografien verbergen sich Geschichten aus dem Leben. Die Aufnahmen entstanden während langer Aufenthalte von Isabel Muñoz in Kambodscha am Ende der repressiven Herrschaft der Roten Khmer, die 1999 endete, sowie im Kongo in den Jahren 2015 und 2016, wo zahlreiche Frauen Opfer von Vergewaltigungen als Kriegswaffe wurden. Susan Meiselas arbeitete in England in einem Haus, in dem die Bewohnerinnen, fernab von Gefahr und ihrer Angst vor häuslicher Gewalt, versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Ihre langjährigen Begleitberichte und die daraus resultierenden Aufnahmen basieren auf einem Vertrauensverhältnis und einem geduldigen Austausch, der sich nach und nach entwickelt hat.

Ohne die Ausstellung dieser Bilder würden diese Frauen nicht existieren. Und wenn es Ästhetik gibt – und die gibt es immer in der Art und Weise, wie eine Künstlerin ihr Motiv ins Bild setzt –, dann ist sie im Fall der spanischen Fotografin Isabel Muñoz ein bewusst eingesetztes Mittel und dient als technisches Hilfsmittel. 1951 in Barcelona geboren, entdeckte sie die Fotografie als Autodidaktin, bevor sie in den Vereinigten Staaten ihre Kenntnisse über die verschiedenen Druckverfahren vertiefte. Sie hegt eine Leidenschaft für den Ausdruck des Körpers, sei es durch klassischen und zeitgenössischen Tanz, aber auch durch Riten und Traditionen sowie Körperverzierungen, seien es Stammesverzierungen oder zeitgenössische Tätowierungen. Ihre Fotos waren bereits 2016 im Arendt House in der Gemeinschaftsausstellung „Stories of places and spaces, bodies and ties“ von Fotografinnen zu sehen.

In der Ausstellung „Hidden Narratives“ bringen seine großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts aus den Serien „Madness Congo“ (2016) und „Congo Women“ (2015) die Lebenserfahrungen der Frauen zum Ausdruck – durch ihren Blick, der von dem erzählt, was sie durchgemacht haben, oder ihr neues Leben bekräftigt. Man versteht es sofort: Die Frisuren, wie die geflochtenen Haare in „Madness Congo“, sind Elektroden. Noch im Jahr 2015 war es üblich, damit den Wahnsinn zu vertreiben, so wie man den Teufel austreibt. Seit der weltweiten Verbreitung dieser Erfahrungsberichte scheint sich die Art der Behandlung geändert zu haben. In „Congo Women“ ist beispielsweise dieses Zwiebelbündel, das traditionell auf dem Kopf getragen wird und als Broterwerb dient, aber – und hier kommt die Ästhetik ins Spiel – ebenso schön ist wie eine traditionelle Frisur.

Eine Parallele zu Isabel Muñoz’ Werk findet sich bei Susan Meiselas, in den Aufnahmen der Zimmer eines Frauenhauses in England. Die Serie „A Room Of Their Own“ stammt ebenfalls aus den Jahren 2015–2016. Die Bewohnerinnen – Ritu, Tia, Sam, Janet, Rabia und Dawn – sind nicht zu sehen. Hinweise auf ihre Anwesenheit finden sich in ihren persönlichen Gegenständen. „A Room Of Their Own“ zeigt durch die nebeneinander angeordnete Hängung, dass Ritu und Tia nacheinander Zimmer Nr. 12 bewohnt haben und Rabia und Dawn die Suite Nr. 7. Wenn man sich die Fotos nacheinander ansieht, wird deutlich, dass dies zum Zeitpunkt der Aufnahme durch Susan Meiselas Dawns Wohnort war, Rabia jedoch kurz vor dem Auszug stand: ein rotes Sofa und ein roter Ball, ein Blumenstrauß und Fotos an der Wand bei der einen, eine zum Wegwerfen bereitliegende Plastiktüte, ein Handfeger und ein Kinderroller auf dem Boden bei der anderen – das sind die „Hidden Narratives“.

Susan Meiselas, 1948 in Baltimore geboren, ist Fotojournalistin und Vorsitzende der Magnum Foundation. Was die Möbel, die Bettwäsche und der Farbton der Wände aussagen – die Fotos der Serie „A Room Of Their Own“ sind in Farbe –, gleicht die physische Abwesenheit aus, die üblicherweise im Mittelpunkt der Fotoreportage steht. Der Mensch wird hier ganz wörtlich durch die Tätowierung auf Barbaras Unterarm ersetzt: Familie ist nicht die Blutsverwandtschaft, sondern die Gemeinschaft der Menschen, die dich lieben und die du liebst. Doch die eigentliche Erzählung von „Barbara’s Tattoo“ ist ihre Hand. Ist sie im Begriff, sich zu öffnen oder zu schließen? Eine weitere Hand, die Bände spricht, ist die von Tia, die kurz vor der Abreise steht, ihr Zimmer aufgeräumt, ihr Gepäck gepackt. Draußen, im Garten der Einrichtung, spielt sie noch nachdenklich mit einer Locke ihres schweren, lockigen Haares.

Ganz anders ist die Haltung der Finger der Khmer-Tänzerin aus der Serie „Danza Khmer Cambodia“, die Isabel Muñoz 1996 in Kambodscha aufgenommen hat. Auf beiden Fotografien unendlich anmutig, grafisch perfekt durch die Verzierung der Manschettenarmbänder, erfahren wir von den Kuratoren der Ausstellung, Violeta Frank und Paul di Felice, dass die Auslöschung der Bräuche und ihrer Symbolik in einer alten, schönen und sinnlichen Gestik bis hin zur Erinnerung daran so weit ging, dass die Tänzerin ermordet wurde.

Das Engagement der Fotografen und Kuratoren im Arendt House ist sehr groß – ein weiterer Beweis dafür, dass dies ein wichtiger Aspekt der zeitgenössischen Fotografie ist. Nicht zu vergessen die Ästhetik. Dies zeigt sich beispielsweise bei einem farbigen Platinotypie-Abzug, einer seltenen Technik, die jedoch Isabel Muñoz besonders am Herzen liegt. Eine junge Frau, deren Wangen von einer Nadel durchbohrt werden, überwindet den Schmerz während eines schamanischen Rituals. Ihre geschlossenen Augen und ihre gelassenen Gesichtszüge, die ganz auf ihre innere Energie gerichtet sind, machen sie zur Ikone des Einsatzes für die Frauen von „Hidden Narratives“ und alle anderen Opfer von Gewalt.

„Hidden Narratives“, eine Fotoausstellung von Susan Meiselas und Isabel Muñoz, ist noch bis März im Arendt House zu sehen