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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Materie einmal anders betrachtet

Der strenge Alexandre Clanis und die temperamentvolle Anni Mertens. Zu sehen in der Valerius Gallery

Erschienen in Ausgabe Juli 2023
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Vor dem Kunstwerk von Alexandre Clanis und der Installation von „Spiralis“, „Lavender Rock“ und „Cloudescape“ von Anni Mertens © MB

„Boundless Boundaries“ vereint zwei Künstler: Alexandre Clanis (geb. 1990 in Bordeaux) und Anni Mertens (geb. 1995 in Luxemburg). Ersterer arbeitet mit seinem Körper an der Zweidimensionalität seiner Gemälde und erzielt dabei ein Ergebnis von absoluter Strenge. Die zweite macht die Arbeit mit Ton zu einer spielerischen Übung, deren Keramiken letztlich von großer Meisterschaft in Form, Brennung und Glasur zeugen.

Man ging davon aus, dass die Valerius Gallery mit der Erforschung von Formen und Farben einen roten Faden gefunden hatte, wie kürzlich bei Julien Saudubray (d’Land 21.04.2023) oder bei den Untersuchungen zur Materialdicke von Natacha Mankowski (In Dust) sowie natürlich bei Eric Mangen, dem Lieblingskünstler der Galerie, mit seinen Sprühfarben und zerrissenen Papieren (Ritsch-Ratsch, d’Land 04.11.2022). Hier geht es jedoch um andere Dinge.

Das Architekturstudium, das Alexandre Clanis zunächst an der La Cambre in Brüssel und anschließend in Bordeaux absolvierte, lässt ihn dem Geist der Synthese und dem berühmten Grundsatz „Less is more“ von Mies van der Rohe nicht entkommen. Der aus Bordeaux stammende Künstler erinnert uns zudem an Richard Long, einen Vertreter der Land-Art-Bewegung, der an den Anfängen eines der ersten dezentralen Kunstzentren Frankreichs mitwirkte, nämlich dem CAPC in Bordeaux. Dort sind noch wunderschöne Wandmalereien aus Lehm sowie zwei Steinwege erhalten – einer weiß, der andere schwarz – auf den Dachterrassen dieses ehemaligen Lagerhauses für Kolonialwaren.

Es scheint fast so, als kehre Alexandre Clanis zu dieser Erfahrung der Arbeit mit dem Körper zurück, in seinem Atelier, wo er den Malgrund auf dem Boden ausbreitet. „Empreintes blanches“, ein Diptychon auf Kraftpapier und Holz, das mit dem Daumen aufgetragener weißer Farbe entstanden ist, erinnert übrigens an Longs „Riverlines“ im Hearst Tower in New York (1981). Alexandre Clanis ordnet die auf seinen Daumen aufgetragene Farbe Reihe für Reihe an, wie in einem Schreibheft; die Linien des Atelierbodens bilden regelmäßige Horizontalen.

Folgt man der Argumentation von Alexandre Clanis, so gilt: „Vor der Linie kommt der Strich“. Das ist das Prinzip seiner schwarzen Werke in der Valerius Gallery. Diese tragen übrigens den Titel „Avant le trait“. Die Körner eines großen Schleifpapierblatts werden mit dem Bleistift durch den Druck der Graphitmine entfernt, und wenn diese abgenutzt ist, durch den Holzteil. Im ersten Bild, das aus kurzen, freihändigen Strichen besteht, werden die horizontalen Linien des Atelierbodens wieder sichtbar. In einer zweiten Übung werden die Striche dann mit einem Lineal von oben nach unten über das Bild gezogen.

Erinnerungen an das Architekturstudium? Doch hier ist die Serie „Images en mouvement“. Es ist nicht mehr der Daumen, es ist nicht mehr die Hand, sondern der gesamte Körper von Alexandre Clanis, der zum Werkzeug wird. Diese Arbeit, bei der die Ellbogen und Hüften der Künstlerin, die in das Schleifpapier gewickelt ist, gegen die Härte der Steinmauern stoßen und reiben, erzeugt Bereiche, Flecken und weiße Punkte. Das Papier wird entgegen seiner üblichen Verwendung eingesetzt. Es wird abgeschliffen, geglättet, glatt gemacht. Man taucht in eine andere Dimension von Sternkonstellationen ein, wie man sie im Sommer in seiner Heimat, dem Südwesten Frankreichs, sehen kann.

Anni Mertens verfolgt einen ganz anderen Ansatz als die fast schon asketische Herangehensweise von Alexandre Clanis. Es ist, als hätten Gérard Valerius und Lou Philipps die Nüchternheit von Alexandre Clanis durch die verspielten Formen der jungen Luxemburgerin ausgleichen wollen. Zunächst auf dem Boden: die Inszenierungen von „Lagoon Cocoon“ auf einem Kunstrasenteppich. Die Skulpturen sind wie Installationen angeordnet. „Cloudscape“, Keramik mit himmelblauer Glasur, ist keine Vase; „Spiralis“, Keramik mit orangefarbener Glasur, ist wie eine Feder gespannt und könnte eine sein … „Lavender Rock“ ist schlicht durchgefärbt in Lavendelfarbe, gerillt und unglasiert. Ein Hinweis für Liebhaber formaler Freiheit und Sockel, bei denen das Werk nicht wie das Tüpfelchen auf dem i wirkt. „Aligator“, eines der neuesten Stücke, thront auf einem Sockel aus Zementblöcken, die zu einem Bündel umwickelt sind. Das Wagnis des Trios hat sich gelohnt, denn „Fossil Tube“, eine Art platter Reifen, der auf einer Stange zwischen den beiden Galerieräumen montiert ist, wird, wie Lou Philipps erzählt, vom Käufer unverändert bei sich zu Hause wieder aufgebaut. Er verfügt über eine schöne Deckenhöhe.

Anni Mertens, die in die Auswahl für den Robert-Schuman-Preis aufgenommen wurde, wirkt immer selbstbewusster. „Tangerine Dip“ (Keramik mit cremefarbener und orangefarbener Glasur) hängt an ihrem Haken wie auf dem Jahrmarkt, wo man weichen Zuckerstangen in kleine Stücke schneiden kann. Und hier ist „Palmera“, das mit den Unvollkommenheiten des Brennvorgangs, den Grenzen der Glattheit der Glasur und der Farbhomogenität spielt. Ist das der Grund, warum dieses jüngste Werk wie Fahnen an einem Fahnenmast an der Wand hängt?

„Bonbdless Boundaries“ von Anni Mertens und Alexandre Clanis ist bis zum 31. Juli sowie vom 1. bis 9. September in der Valerius Gallery zu sehen