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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Das Pastell in seiner Zerbrechlichkeit und seiner Kraft

Die Galerie Ceysson & Bénétière hat schon spektakulärere Ausstellungen gezeigt, David Tremlett hingegen setzt auf die Formen seiner Zeichnungen und deren Textur

Erschienen in Ausgabe Juni 2023
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Es mag zwar eine Binsenweisheit sein, dass die Werke einer Ausstellung die Räume, in denen sie präsentiert werden, prägen und manchmal sogar verändern. In nicht geringerem Maße gilt dies aber auch umgekehrt. Beide Feststellungen treffen auf die Ausstellung von David Tremlett bei Ceysson & Bénétière im Wandhaff zu, die noch bis zum 15. Juli zu sehen ist. Zwar hat uns die Galerie an spektakulärere Ausstellungen gewöhnt, die schon beim Betreten ins Auge fallen – mit energiegeladenen, suggestiven Gemälden oder lebendigen, dynamischen Skulpturen –, doch diesmal wirkt es, als hätten sich die Räume noch weiter vergrößert. Sie wirken weniger von den Werken eingerahmt, die uns ihrerseits größtenteils kaum überwältigen – weder durch ihre Größe noch durch ihre Formen oder Farben. Dennoch drängt sich ein Gesamtbild auf: drei, vier oder sogar fünf Abschnitte – das bedeutet, dass der Besucher den Weg selbst zurücklegen muss, sich diesen Papieren nähern muss; denn genau um dieses Material geht es hier, sowie um dessen Bearbeitung mit Pastell und Graphit.

Zunächst einmal ist hier eine Besonderheit dieses Künstlers und der Ausstellung zu erwähnen. Manche wären versucht, die Pastellmalerei vor allem auf ihre Blütezeit zu beschränken, also im Wesentlichen auf das 18. und 19. Jahrhundert. Als Jean Clair in seinen „Considérations sur l’État des Beaux-Arts“ die Pastellmalerei lobte und zu ihrer Wiederbelebung aufrief – was durchaus im Zusammenhang mit seiner Kritik an der Moderne stand –, hatte er eine zeitgenössische Anwendung kaum im Blick. Genau das geschieht jedoch bei David Tremlett, den man einer minimalistischen, ja sogar konzeptuellen Strömung zuordnen könnte.

Der Künstler reist viel, worauf die Titel seiner Werke oft anspielen, doch damit hört es auch schon auf. Die Formen der Zeichnungen tendieren zur Abstraktion, oft geometrischer Prägung, wobei er selbst betont, dass er Gedanken und Ideen zeichnet, woher sie auch immer kommen mögen. So herrscht in diesen Werken eine gewisse Strenge, die durch das Spiel der Variationen gemildert oder konterkariert wird. An anderer Stelle werden die Formen unregelmäßiger oder lebendiger, auch wenn sie im architektonischen oder konstruktivistischen Bereich bleiben; sie nähern sich dann einem Labyrinth an, um an anderen Stellen geradezu tierische Züge anzunehmen.

Das gilt beispielsweise für zwei bis drei der größten Arbeiten, die über zwei Meter hoch sind. Und David Tremlett versichert uns, dass dies sein Ziel ist; Wandzeichnungen und monumentale Pastellbilder fehlen in seinem künstlerischen Werdegang nicht, von einer Kapelle in den Weinbergen von Barolo bis zum Wartezimmer der Notaufnahme des Krankenhauses von Nizza. Im Wandhaff begeben Sie sich in den Raum ganz hinten rechts, wo Sie ein noch größeres Werk vorfinden werden: 450 cm x 995 cm – man könnte es als eine Art Amöbe bezeichnen, die eine ganze Wand einnimmt, mit ihren Konturen, die Mikroorganismen zu verschlingen scheinen. Aber auch hier muss man ganz nah herangehen – das ist der Vorteil von Werken, die nicht hinter Glas stehen: Man kann sie quasi durchstreifen, die Oberfläche mit den Augen ertasten, so wie man es mit den Händen tun würde.

Denn die Werke von David Tremlett führen ein Eigenleben, das aus den Pigmenten entsteht, und man könnte sich gar nicht sattsehen an ihrer Textur. Den Linien zu folgen, die sich zu bewegen scheinen, und sich innerhalb der Flächen mit den Nuancen zu beschäftigen. Was letztendlich den Stil von David Tremlett ausmacht, ist diese Spannung, die zwischen den Figuren in ihrer Präsenz und der Leichtigkeit, der Zartheit, mit der sie sich abheben, besteht. Das ist übrigens das Besondere an der Pastellmalerei: Ausgehend von zerbrechlichem Pulver entsteht am Ende des Kunstwerks eine Wahrheit, die zwar sensibel, aber auch anspruchsvoll und kraftvoll ist.