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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Das neue Zeitalter der Menschheit

Kunst & Geschichte

Erschienen in Ausgabe Januar 2025
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„Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde. Einige lachten, einige weinten, die meisten schwiegen “, erinnert sich der verstörte Mann mit gesenktem Blick vor der Kamera. Es handelt sich um eines der berühmtesten Zitate des Physikers J. Robert Oppenheimer. In diesem Interview, das zwanzig Jahre nach der Explosion der ersten Atombombe – dem Trinity-Test von 1945 in der Wüste von New Mexico – geführt wurde, sagte er, ihm sei in dem Moment der Explosion ein Auszug aus einem hinduistischen Lied, der Bhagavad-Gita, in den Sinn gekommen: „ Now, I am become Death, the destroyer of worlds. “ Dank des gleichnamigen Biopics, das Christopher Nolan 2023 gedreht hat und das nun auf den Streaming-Plattformen zu sehen ist, haben Oppenheimer, das Manhattan-Projekt, an dem er arbeitete, und die Forschung im Bereich der Kernenergie erneut an Bekanntheit gewonnen. Aufgrund der Kriege in Gaza und in der Ukraine sowie wegen des bevorstehenden Amtsantritts von Donald Trump in den nächsten Tagen scheint die nukleare Bedrohung erneut immer beunruhigender zu werden. Die Ausstellung, die die Kuratorinnen Maria Stavrinaki und Julia Garimorth im Musée d’art moderne de la Ville de Paris dem Atomzeitalter widmen, verbindet umfangreiche dokumentarische Recherchen aus verschiedenen Blickwinkeln mit der Sichtweise von Künstlern, die zwischen Faszination und Katastrophenstimmung oszilliert.

Während des Kalten Krieges war es in Luxemburg nicht anders: Während der Wirtschafts- und Energieminister Marcel Mart (DP) und seine Regierungen aus CSV und DP sowie später aus DP und LSAP Anfang der 1970er Jahre für den Bau eines Kernkraftwerks in Remerschen plädierten, da sonst „&die Lichter in Luxemburg 1980 erlöschen würden “ (Mart), so war dieser Moment zugleich die Geburtsstunde einer starken, parteiübergreifenden Bürgerbewegung, deren engagierter Kampf – an dem sich zahlreiche Künstler, Sänger, Autoren und Zeichner beteiligten – das Projekt schließlich zum Scheitern brachte. In den Tagen nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 bemühten sich Radio- und Fernsehsender, zu erklären, dass die radioaktive Wolke die Grenzen Luxemburgs umgehen würde, dass es jedoch aus reiner Vorsicht besser sei, keine Waldpilze zu essen, und dass man den Salat aus dem Garten vor dem Verzehr gründlich waschen müsse.

Diese Naivität, diese Unkenntnis der tatsächlichen Gefahr eines atomaren Unfalls sowie die Faszination für die Kernenergie stehen auch im Mittelpunkt der Pariser Ausstellung, die diesem „neuen Zeitalter der Menschheit“ gewidmet ist , wie die Kuratorinnen es nennen, und das mit der Entdeckung der Radioaktivität Ende des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm. Die Forschungen von Röntgen, Pierre und Marie Curie, Henri Becquerel oder auch Niels Bohr werden gleich am Eingang des Ausstellungsrundgangs präsentiert: Loïe Fuller feiert diese revolutionären Entdeckungen mit ihrem „Radium-Tanz“, Hilma af Klint drückt ihre Faszination für das Atom in einer Reihe von Zeichnungen aus, ebenso wie es auf ihre Weise Marcel Duchamp oder Wassily Kandinsky tun. Diese Begeisterung hielt bis 1945 an, bis zum ersten Atomtest im Juli und dem Schrecken der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Ein reichhaltiges Foto- und Textmaterial zeichnet diese wesentlichen Etappen der Atomgeschichte nach. Die Fotos und Zeichnungen von Hiroshima und Nagasaki sind bemerkenswert, da sie jeglichen Sensationalismus vermeiden: Ein Foto eines Unbekannten, der den Schatten eines Passanten auf dem Asphalt festgehalten hat, oder die metaphorischen Aufnahmen von Hiromi Tsuchida, die die vor Ort überlebenden Bäume zeigen, berühren durch ihre Aussagekraft.

Der Schrecken der Bombe scheint jedoch schnell von der Begeisterung für den Wiederaufbau und dem Wirtschaftsboom der „glorreichen Dreißiger“ verdrängt worden zu sein. Die Kernenergie verspricht damals eine Zukunft mit unbegrenzten Möglichkeiten für die Stromversorgung. Die Propaganda, insbesondere die amerikanische, passte sich dem an: Wahl zur „Miss Atom“, Kuchen in Form eines Atompilzes, Organisation öffentlicher Vorführungen von Atomtests.

An der Grenze zu Luxemburg errichtete Électricité de France Ende der 1970er Jahre das Kraftwerk Cattenom; eine in Paris ausgestellte Zeichnung von Claude Parent zeigt es in fast idyllischer Weise, so wie es später auch Jürgen Nefzger an anderer Stelle tun wird, in einer Fotoserie aus den frühen 2000er Jahren, die ganz normale Menschen zeigt, die sich neben den weißen Wolken von Atomkraftwerken sonnen oder ein Picknick machen.

Doch gerade Künstler sind es, die am wirkungsvollsten vor den Gefahren der Atomkraft warnen: Der Doku-Fiktionsfilm „The War Game“, den der Regisseur Peter Watkins 1966 für die BBC drehte, um zu veranschaulichen, was im Falle eines Atomangriffs mit der britischen Bevölkerung geschehen würde, war so realistisch – und das mit äußerst bescheidenen Mitteln –, dass der Sender beschloss, ihn niemals auszustrahlen. Mit ebenso sparsamem Einsatz ästhetischer Mittel schuf der amerikanische Künstler Bruce Conner 1976 das Werk „Crossroads“ aus den Aufnahmen der 500 Kameras der US-Armee, die 1946 die Atomtests auf dem Bikini-Atoll dokumentierten. Die Verwendung der Musik von Patrick Gleason zu diesen Zeitlupenaufnahmen lässt – gerade aus historischer Distanz – das ganze Ausmaß des Grauens spüren, das der Mensch dem Menschen – und der Natur – zufügen kann. Dieser nukleare Kolonialismus oder die „Nuklearisierung der Welt“ bilden den faszinierendsten Teil der Ausstellung, für deren Besuch man mindestens zwei Stunden einplanen sollte. Man verlässt sie als pazifistischer und atomkraftkritischer Aktivist.

Die Ausstellung