Es ist schwer zu sagen, wo man den Rundgang durch die Ausstellung „Nets for Night and Day“ beginnen soll. Jeder wird dort etwas finden, das ihn ganz persönlich betrifft: von irgendwoher zu kommen, sich anderswo niederzulassen, dort zu leben und seine Identität zu finden. Vielleicht wieder aufzubrechen oder zum ersten Mal aufzubrechen, denn unsere Zeit ist von Unsicherheit geprägt.
Einen Besuch der Ausstellung „Nets for Night and Day“ von Lubaina Himid und Magda Stawarska bedeutet für viele auch, sich frei im Herzen Europas, in Luxemburg, in einer für alle zugänglichen Ausstellung zu bewegen – während die Hydra aus Verboten und binären Normen beginnt, die Toleranz zu ersticken. Man könnte fast glauben, dass wir – zumindest noch für eine Weile – Besucher einer Geschichte sein können, die von zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen erzählt wird. Lubaina Himid, Malerin und Dichterin, britische Staatsbürgerin, 1954 in Sansibar geboren, Preisträgerin des renommierten Turner-Preises 2017, und ihre Lebensgefährtin Magda Stawarska, multidisziplinäre Künstlerin, Fotografin, Videokünstlerin und Klangkünstlerin, 1976 in Polen geboren und seit zwei Jahrzehnten in Großbritannien ansässig.
Von der ersten werden vor allem Gemälde und Briefe zu sehen sein, die an Omar Kholeif gerichtet sind, den Leiter der Sammlungen der Sharjah Art Foundation in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Gastkurator der Ausstellung im Mudam. Der Rundgang beginnt in der Westgalerie, wo man zwischen neun Diptychen von Lubaina Himid umherwandert, die zwischen 1999 und 2023 entstanden sind. Es ist ein Rundgang zwischen den frei im Raum aufgehängten Gemälden, der die Reise von England nach Sansibar nachzeichnet, wo Lubaina Himid geboren wurde, das sie jedoch nach dem frühen Tod ihres Vaters sehr schnell zusammen mit ihrer Mutter verließ. Die komorischen Wurzeln ihres Vaters sowie die Kultur Tansanias und Ostafrikas machten Lubaina Himid zu einer Leitfigur der British Black Movement. Ihr vierzigjähriges Engagement hat zur Anerkennung einer von der westlichen Kunstgeschichte ignorierten Kultur beigetragen und ein sensibles Gedächtnis geschaffen – ihr eigenes –, in dem jeder Besucher einen Teil seiner eigenen Lebenserfahrung wiederfinden wird. Der Titel der neun Gemälde „Plaited Time/Deep Water“ verweist auf die Art und Weise, wie die Künstlerin das Reale und das Imaginäre miteinander verwebt. Dies versetzt uns, gleichsam als wäre es der Prolog, in die „Netze“ des Gesamttitels der Ausstellung, „Nets For Night and Day“.
Magda Stawarska begleitet den Besucher mit einem akustischen „Libretto“: Das Geräusch des Regens von England bis Sansibar, eine orientalische Melodie, gespielt auf der Oud, und ein Lamento, das Henry Purcell auf ergreifende Weise vertont hat: Didos Tod in „Dido und Aeneas“. „Die Klanginstallation ist wie die Tränen der Frauen, die den Ozean füllen“, kommentiert Omar Kholeif.
Der Rundgang kann in der Ostgalerie des Museums fortgesetzt werden. Im Skulpturengarten schien an dem Tag unseres Besuchs übrigens die Sonne so stark, dass wir uns die Videos von Magda Stawarska „In Transit“ leider nicht ansehen konnten. Von dort aus greifen die Karren von Lubaina Himid in Form von Objekten das auf, was viele Menschen einst erlebt haben: Aufbrechen und nur das Nötigste mitnehmen. Luxemburg war übrigens einst ein Land, das man verließ – heimgesucht von Hungersnöten und Krankheiten, noch bevor das Erz Wohlstand brachte –, um sich zu einem Einwanderungsland zu entwickeln, dessen vielfältige Nationalität heute von den Einwanderern geprägt wird.
Wir haben gesehen, dass Lubaina Himid neben unverzichtbaren Alltagsgegenständen auch Musikinstrumente auf diese osteuropäischen Karren gemalt hat. Hat der Komponist Béla Bartók (1881–1945) nicht ungarische Volksmelodien gesammelt und damit schon früh Musik aus aller Welt zusammengeführt? Denn worum es im zentralen Teil der Ausstellung geht, ist universell: die Migrationen der Vergangenheit, die Migrationen der Gegenwart und die Migrationen in eine ungewisse Zukunft.
In bildnerischer Hinsicht ist es, als hätten Lubaina Himid und Magda Stawarska die Rollen gewissermaßen vertauscht. Denn man umrundet die Ausstellung der Werke von Lubaina Himid vor einem Siebdruckhintergrund, der wie ein zu durchquerender Ozean wirkt. Der bläuliche Streifen von Magda Stawarska, der an die Malmotive der Westgalerie erinnert, gleicht einem Palimpsest, in das Einzelpersonen, Gruppen und Völker ihre Reise auf der Grundlage der vorangegangenen Migration eingetragen haben. Auf diesem Ozean und diesen übereinanderliegenden Geschichten befindet sich eine Armada von Booten, gemalt von Lubaina Himid. Schwimmende Märkte, Containerschiffe, ganze Städte… Die von Magda Stawarska fotografierten Netze, die sich dazwischen schieben, bedecken die Fassaden städtischer Gebäude oder sind die Netze einfacher Fischer, die auf ihren Booten leben. „Some Boats Wait Forever“ ist ein Zitat, das man am Eingang des Saals kaum bemerkt. Und wenn die Netze, wie bei Lubaina Himid, „die Orte symbolisieren, die wir in uns tragen, die wir aber nie wirklich verlassen“?
„Nets For Night and Day“ von Lubaina Himid und Magda Stawarska ist noch bis zum 24. August im Mudam zu sehen