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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Das ist nicht…

Baptiste Rabichon bei Reuter Bausch: ein beunruhigendes Fotogemälde, das die bildende Kunst neu belebt und überrascht

Erschienen in Ausgabe März 2022
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Für ihre erste Einzelausstellung nach einer zweiteiligen Eröffnungs-Gruppenausstellung (siehe d’Land vom 04.02.2022) geht die Galerie Reuter Bausch, die sich gerade erst in der Rue Notre-Dame niedergelassen hat, ein gewagtes Unterfangen ein. Der Fotograf Baptiste Rabichon – der international zu den ganz Großen zählt – präsentiert hier drei Serien. Der übergreifende Titel lautet „XXe siècle“ für ein Werk, das auf den ersten Blick nicht wie Fotografie wirkt, obwohl die technische Umsetzung hier bis zur höchsten Kunstform getrieben wird. Sein Talent hat dem erst 35-jährigen Baptiste Rabichon bereits eine Flut von Auszeichnungen eingebracht: Picto/Lab-Preis 2021, BMW-Preis 2017 und die Aufnahme seiner Werke in die Sammlungen des „Carré d’Art“ in Nîmes, des LAM in Villeneuve d’Ascq sowie in China und Japan.

Die Serien „XXe siècle“, „Lost Levels“ und „Manhattan Papers“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie in den Jahren 2020–2021 entstanden sind, also (man muss hier noch einmal die Pandemie erwähnen) in einer Zeit, in der Baptiste Rabichon keinen Zugang zu seinem Atelier hatte. Die drei hier vorgestellten Exemplare der Serie „XXe siècle“ kommen jedoch trotz des Mangels an den für den Fotografen üblichen Arbeitsmitteln dem, was seinen rasanten Erfolg ausmachte, am nächsten. Daher auch sein Verweis auf das vergangene Jahrhundert: Es handelt sich um eine experimentelle Mischung aus Techniken der Anfänge der Fotografie, Photogrammen, Stenotypien und Cyanotypien.

Das Ergebnis sieht aus wie ein Gemälde, dessen Entstehungszeit sich nicht bestimmen lässt. Man kann darin nämlich ebenso gut Handabdrücke erkennen, wie sie prähistorische Menschen an Höhlenwänden hinterlassen haben, wie auch Pinsel- oder Tuchspuren, wie sie moderne abstrakte Maler und Street-Art-Graffiti-Künstler verwenden. Das Spektrum der Anspielungen ist also äußerst breit für Abzüge, die dennoch Unikate sind, da es sich um Monotypien handelt (ein weiterer Verweis auf die Anfänge der Fotografie), von denen es tatsächlich unmöglich ist, Mehrfachabzüge anzufertigen.

Lost in Levels… Sucht den Künstler. Ihr werdet ihn irgendwo sitzend finden, wie hier, auf einem Berggipfel, dann am Rand einer Klippe und nach einem Sprung unter Wasser usw. Leider wird die Serie in der Rue Notre-Dame nicht vollständig präsentiert, sonst hätte man Baptiste Rabichon als Sieger im Himmel oder als Verlierer in der Hölle sehen können. Um sich während des Lockdowns zu unterhalten, hat er Hunderte von Screenshots von Spielkonsolen gemacht, die er zu visuellen Geschichten zusammengesetzt hat, in denen man seiner Figur folgt. Es ist witzig, unterhaltsam, voller Details, und auch wenn es nicht wie Fotografie aussieht (es handelt sich dennoch um Inkjet-Drucke, die in Serien von jeweils fünf Exemplaren gedruckt wurden), ist es angesichts der Entstehungszeit zudem eine kleine Anspielung.

Baptiste Rabichon nähert sich zudem einem seiner Lieblingsthemen an: dem städtischen Milieu, das im Mittelpunkt von „Manhattan Papers“ steht. Diese Serie (in einer Auflage von drei Exemplaren) dürfte Liebhaber des Fantasy-Kinos des 20. Jahrhunderts begeistern, zu dessen Meistern Fritz Lang (Metropolis) zählt, die Fans der unvergesslichen Jane in den Fängen von King Kong aus dem gleichnamigen Film von 1933 oder, etwas näher an unserer Zeit, „King Kong gegen Godzilla“ des Japaners Ishiro Honda aus dem Jahr 1963. Man sieht, dass Baptiste Rabichons Neugier und kultureller Horizont weitreichend sind – und nicht nur das. Um diese Serie zu realisieren, die wir mit dem Untertitel „Angst über der Stadt“ versehen, hat er von ihm selbst aufgenommene Bilder von Manhattan als Modell nachgebaut und sich selbst als zerstörerisches Monster in Szene gesetzt. Die Solarisation des hier gezeigten Bildes verdeutlicht einmal mehr seine beeindruckende technische Gewandtheit.

Es ist verständlich, dass Julie Reuter den kühnen Wunsch hatte, diese zugleich verwirrende, witzige und gelehrte Ausstellung zu präsentieren. Auch wenn die Preise der Werke bereits dem Ruf von Rabichon entsprechen, kann man sich „Manhattan Papers“ in limitierter Auflage leisten und beim Durchblättern im Kleinformat träumen. Zumindest, wenn man keinen C-Print (immerhin zwischen 77 x 94 cm und 127 x 180 cm) an die Wand hängen kann.

XXe Jahrhundert, „Lost Levels“ und „Manhattan Papers“ von Baptiste Rabichon. Zu sehen bis zum 19. März in der Galerie Reuter Bausch, 14 rue Notre-Dame, in Luxemburg-Stadt