Der Autor von „Überwachen und Strafen“, der Philosoph Michel Foucault, der in den 1970er Jahren soziale Institutionen und deren repressive Macht kritisierte, hatte vor der heutigen globalen normativen Gesellschaft gewarnt. Nach dem Erfolg der „French Theory“ in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten stellte die amerikanische Philosophin Judith Butler in ihrer Arbeit über die „Geschlechterverwirrung“ die Normativität von „Mann“ oder „Frau“ in ihrer Arbeit über die „Geschlechterverwirrung“ in Frage gestellt. Heute, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, fordern einige Vertreter der jungen Generation weit mehr als nur sexuelle Freiheit, nämlich eine andere Identität, bis hin zur Bildung geschlossener Gemeinschaften, nachdem frühere Generationen auf die Straße gegangen waren: Feministinnen, Schwule, Lesben, Queers.
Der Künstler Andrea Mancini (geb. 1989 in Esch-sur-Alzette) verleiht den von Foucault so bezeichneten „Heterotopien“ einen plastischen Ausdruck. Es handelt sich um eine Entscheidung „gegen“ die Norm, die sich in Form von „Safe Zones“ äußert – Zonen der Ruhe –, denen der bildende Künstler in den normierten Räumen, die sie umgeben, einen visuellen Ausdruck verliehen hat. Andrea Mancini ist zudem Klangkünstler. Er hat musikalische Stimmungen geschaffen, die auf den magnetischen Wellen basieren, die die Räume des Hauses durchziehen, in dem „New Age Landscape“ zu sehen ist: fließend, unterbrochen von Momenten intermittierender, verstörender akustischer Schocks.
In dieser komplexen Welt, in der Gut und Böse, das Richtige und das Falsche nebeneinander bestehen, mag das Abschotten in „Safe Zones“ naiv oder gar egoistisch sein. Doch Andrea Mancini macht von Anfang an deutlich, dass er sich nichts vormachen lässt. So macht er bereits im ersten Stück „Flag Zone“ deutlich, worum es geht: Ein idyllischer blauer Himmel, durchzogen von Slogans, die zum Glück einladen („everything is fine“, „it’s ok“), wird durch seine Piratenflagge, sein Banner, hervorgerufen. Auf weißem Hintergrund ein Gitter aus roten Linien.
Im Keller befindet sich die „Safe Zone“, dargestellt durch eine Methacrylatbox – eine moderne Interpretation der Höhle. Auf einem Bildschirm wird eine Landschaft des Müllerthals projiziert. Erstaunliche, sehr sanfte Pastelltöne, die durch die computergestützte Analyse des Spektrums der realen Farben erzielt wurden… Andrea Mancini, ein zeitgenössischer Künstler für elektronische Klangkunst, der 2014 mit seinem Musikprojekt „Cleveland“ internationalen Erfolg feierte, schloss 2016 sein Studium der Typografie, des Grafikdesigns und der visuellen Kommunikation an der École de Recherches Graphiques (ERG) ab (lesen Sie sein Porträt in „d’Land“ vom 14. Mai 2021).
Mancini versteht es also, die ausgefeilten Werkzeuge der Technologie, der Informatik und der grafischen Kommunikation einzusetzen. Als Leitfaden bietet er einen Flyer an, auf dem die Installationen gezeichnet sind. Seine Installationen bestehen zudem aus einfachen Materialien, die aus dem Bauwesen stammen. Ebenfalls im Untergeschoss befinden sich die „Heterotopy Zones“. Mancini projiziert auf eine Leinwand Videos von „anderen Zonen“ (Gedenkstätte des Soldatenfriedhofs von Sandweiler, Wege ins Unbekannte vom Flughafen Findel, ein „Underground“-Club unter einem Bahnhof in Brüssel – er ist ein Anhänger der in den 1980er Jahren in den USA entstandenen urbanen Clubkultur – sowie, etwas beschaulicher, die Gewächshäuser des Botanischen Gartens von Metz).
Die Dualität ist hier nicht binär – also zwischen Gut und Böse –, sondern technologischer Natur, da auf dem zweiten Bildschirm die synthetische 3D-Analyse dieser realen Räume projiziert wird. Die raffinierteste Installation ist zweifellos die „Acces/Non Acces“-Zone. Auf einem Minibildschirm läuft in Schwarz-Weiß das digitalisierte Bild des Objekts, das hinter einem Baustellenzaun gefilmt wurde. Mancini hat seine fünfmonatige Residenz also nicht nur genutzt, um an Klang und visuellen Eindrücken zu arbeiten, sondern auch, um neue plastische Formen zu schaffen. Zurück im Erdgeschoss von Display entdeckt man die „Tape Recorder Zone“ und die „Tape Zone“, die beiden letzten Installationen des Rundgangs durch „New Age Landscape“.
„Tape Recorder Zone“ verkörpert die Klangatmosphäre: Ein Magnetband dreht sich um Baustellenpfosten, die wiederum auf Betonhohlziegeln stehen. Doch nichts ist wörtlich zu nehmen. Das so abgegrenzte Dreieck ist eine „Safe Zone“ und der aufgezeichnete Klang ist der der Magnetwellen, die den Raum durchqueren. „Tape Zone“ schließlich ist fast schon ein Test für den Besucher, der entweder der roten Linie folgt, die den Weg entlang der Wände des Raums markiert, oder es wagt, den Raum und die Störzone zu durchqueren.
„New Age Landscape“, von Andrea Mancini, ist bis zum 31. Juli donnerstags, freitags und samstags im Casino Luxembourg Display (1, rue de la Loge) zu sehen