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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Christinats Visionen

Zeitgenössische Kunst

Erschienen in Ausgabe Februar 2023
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Die sehr aktive Galerie Vis-à-Vis in Metz zeigt bis zum 19. März elegante Ansichten von Olivier Christinat, dessen Werk gerade Gegenstand eines Buches im Actes-Sud-Verlag geworden ist („Pas un jour sans une nuit“). Eine Anerkennung, die uns daran erinnert, dass der Schweizer Künstler sowohl mit der Kamera als auch mit der Zeichnung gleichermaßen versiert ist und sich dabei mit den großen Werken der Literatur auseinandersetzt, darunter Vergil, Dante oder Verlaine, ein aus Metz stammender Dichter, der in der Ausstellung thematisiert wird. Der Titel der Ausstellung, „Nouveaux souvenirs“ (2017), ist einem anderen Werk von Christinat entlehnt.

Zunächst alpine Gipfel, beleuchtet durch das natürliche Licht, das durch die Glasfront der Galerie fällt. Die beiden hier ausgewählten Werke, die das gleiche mittlere Format aufweisen, entfalten feine Weiß- und Grautöne, um jeweils eine Berglandschaft zu enthüllen. Das Motiv lässt sich erahnen, wird sichtbar und nimmt im Laufe der Betrachtung Gestalt an. Die Idee zu dieser Serie kam ihm beim Betrachten eines Werbeplakats und aufgrund seines ausgeprägten Interesses an dem Teil des Bildes, der am wenigsten zur Betrachtung bestimmt ist: dem Hintergrund. Es ist dieser nebensächliche Teil des Bildes, den der Künstler wieder in den Vordergrund rückt, indem er ihm das gesamte Bildfeld überlässt und ihm gleichzeitig seinen flüchtigen und diffusen Charakter bewahrt. Das Werk unterscheidet sich vom Werbebild dadurch, dass es keine Schärfe benötigt, um das Thema seiner Werbung zu definieren, um seine Ware zu verkaufen und anzupreisen – eine Eitelkeit, die unveränderlich im Vordergrund steht. Deshalb setzt Olivier Christinat in seinen Landschaften die Sichtbarkeit der Pixel voll und ganz ein – eine plastische Unvollkommenheit, die bewusst eingesetzt wird und den fotografischen Akt dem malerischen Akt näherbringt. Jedes Pixel wirkt dabei wie ein Pinselstrich und verleiht den verschneiten Kompositionen einen impressionistischen Charakter. Die Fotos werden zu Gemälden.

Ein ähnlicher Ansatz wird auf das städtische Umfeld von Osaka übertragen, mit einer Gesamtansicht, die mit einem Teleobjektiv von einem erhöhten Standort aus aufgenommen wurde. Das Bild ist voller Wohnhäuser, umhüllt von einem milchigen Dunst, der die Farben verblassen lässt und die Lichtstimmung vereinheitlicht. Alles ist in ein Grau-Beige-Farbspektrum getaucht, ohne jegliche Vegetation, um die Mineralität dieser Stadt hervorzuheben, die der Fotograf so schätzt. Die Ebenen verschmelzen, werden flachgelegt und erzeugen unzählige optische Täuschungen. Das labyrinthische Osaka mit seinen aufgelösten Perspektiven, geprägt von der Bewegung der Körper: dort das Hüftschwingen eines Mannes im Gespräch, hier die Einsamkeit einer Frau, die sich von der Menge abhebt. Ein Ansatz, inspiriert durch die Lektüre von Orhan Pamuk: „In Mein Name ist Rot spricht der türkische Schriftsteller über das Fehlen von Perspektive in der persischen Malerei und gibt eine Erklärung, die für mich ein Aha-Erlebnis war: Der persische Maler stellt keine Perspektive dar, weil er die Welt aus großer Entfernung zeigt, aus einer göttlichen Perspektive. Durch die Verflachung der Entfernung geht der Begriff der Perspektive verloren. Ich wollte die Welt auf diese Weise fotografieren“, erklärt der Künstler. An anderer Stelle fängt Olivier Christinat die Verrenkungen der Körper ein, die im rasenden Rhythmus des Neoliberalismus gefangen sind, wie etwa diese in der Berliner U-Bahn zusammengepferchten Fahrgäste, die eine unwahrscheinliche Choreografie bilden. Im Vordergrund stehen dabei Orte menschlicher Ansammlungen wie die Straße oder der Strand, was das Teleobjektiv einfangen kann, indem es uns wie einen Voyeur ganz nah an die abgebildeten Körper heranführt.

Im letzten Teil des Rundgangs kann man Christinats grafisches Schaffen entdecken. Der Künstler greift berühmte literarische Texte auf, die er stets in ihrer Originalsprache wiedergibt, und komprimiert sie so stark, dass er sie auf einer einzigen Seite veröffentlichen kann. Der Text behält so seine Lesbarkeit und seinen Sinn, auch wenn man eine gute Lupe benötigt, um ihn sicher lesen zu können. Diesen literarischen Zahlen stehen zwei wunderschöne Waldkompositionen gegenüber; der Besucher schreitet nun durch einen Birkenwald, auf Höhe der Baumkronen – ein letztes, aufsteigendes Motiv, das diesen Parcours in Form einer Achterbahn abrundet. Vom Berg bis zu den entvölkerten Wäldern, von der Fotografie über die Malerei bis hin zur Literatur – das Werk von Olivier Christinat bewegt sich auf subtile Weise zwischen den Künsten und den Elementen.