Jedes Jahr um die Weihnachtszeit herum veröffentlicht die Galerie PJ einen Projektaufruf, dessen glücklicher Gewinner in Metz empfangen wird, um dort seine Werke zu präsentieren. Während viele Galeristen Künstler ausstellen, deren Arbeit sie bereits kennen, lässt diese Art von nach außen gerichtetem Wettbewerb Raum für den Zufall, das Unbekannte und die Überraschung, einen bildenden Künstler zu entdecken, den man bisher noch nicht kannte. Das Durchbrechen dieser Kreise kann in der Tat sinnvoll sein, in einer Zeit, in der Algorithmen und kulturelle Netzwerke uns dazu zwingen, uns endlos im Kreis zu drehen.
Christian Fuchs, Gewinner der Ausgabe 2024, wurde zu einem mehrtägigen Aufenthalt in Metz eingeladen, wo sein fotografisches Werk im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel „Intrinsèque“ präsentiert wird. Der aus einer alten, in Peru ansässigen Adelsfamilie stammende, langhaarige und helläugige Dreißigjährige hat sich dafür entschieden, das Erbe seiner langen und ehrwürdigen Vorfahren voll und ganz anzunehmen. Dazu bedient sich Fuchs von Gegenständen, die seiner Familie gehörten: Briefe, vor allem aber Gemälde und (seltener) historische Fotos, die eine menschliche Präsenz bis ins kleinste Detail festgehalten haben, manchmal im Abstand von mehreren Jahrhunderten. So entstand eine große Vielfalt an Körperhaltungen, Kleidungsstücken, Kopfbedeckungen und Accessoires: allesamt visuelle Spuren, die ihm Aufschluss über das Leben seiner Vorfahren geben. Der südamerikanische Künstler sammelt zudem die Geschichten seiner Vorfahren, die ihm seine Großmutter, die ihn großgezogen hat, in seiner Kindheit erzählt hat. Daher rührt der gewissermaßen archäologische Charakter dieses Projekts, bei dem die Fotografie die Aufgabe hat, ein Erscheinungsbild wieder zum Leben zu erwecken; die Titel dieser Fotos verweisen zudem auf die Identität jedes einzelnen abgebildeten Verwandten. Fuchs treibt diesen Fetischismus so weit, dass er sich von einem Team umgeben lässt, das sich der Herstellung von Kulissen, Kostümen, Make-up und Schmuck widmet, um bei seiner historischen Rekonstruktion so originalgetreu wie möglich zu sein. So ließ der Künstler für das Doppelporträt seiner Ur-Ur-Großeltern (Constantin & Fuchs, 2023) eine Brosche und Kostüme aus den Originalstoffen anfertigen. Er malt selbst die Kulissen, die als Hintergrund für seine Aufnahmen dienen, und entwirft die Rahmen für seine Fotografien. Die Inszenierung aristokratischer Macht wird bei Christian Fuchs zur künstlerischen Inszenierung.
Aus diesem Ansatz ergibt sich eine raffinierte Ästhetik mit entschieden anachronistischen Motiven, bei der die Fotografie vorgibt, den Anschein sorgfältig inszenierter Gemälde anzunehmen. Christian Fuchs leiht den Mitgliedern seiner Familie, die ihm als Modelle dienen – Männern wie Frauen gleichermaßen –, seine Gesichtszüge. So entstehen seltsame „Selbstporträts“ – ein Begriff, der hier im weiteren Sinne zu verstehen ist, da Fuchs weniger sich selbst als vielmehr seine Familienmitglieder verkörpert. Es handelt sich also um paradoxerweise kollektive Selbstporträts: eine Art, geheimnisvolle Formen generationsübergreifender Symbiose und Atavismen zu knüpfen, die sich in der Gegenwart manifestieren.
Christian Fuchs’ Arbeit beschränkt sich jedoch nicht auf ein Nachahmungsspiel. Sie geht nämlich über den engen Rahmen der künstlerischen Darstellung hinaus und reicht bis dahin, das Leben seiner Vorgänger zu verkörpern. Ein verwirrendes Lebenserlebnis – oder eine Performance? –, das er auf der Grundlage der in seinem Besitz befindlichen Archivmaterialien (Briefe, Tagebücher) durchführt. So kam es beispielsweise während dieser Phase der dokumentarischen Recherche vor, dass er sich von denselben Speisen ernährte wie seine berühmten Vorgänger, oder dass er deren Lektüre oder Meditationen teilte, sofern diese schriftlich festgehalten worden waren. Der Künstler bekennt sich gerne zu dieser metaphysischen Dimension in seinem Werk, als gäbe es eine Ablagerung von Erinnerungen, die von Generation zu Generation weitergegeben würde: „ Ich glaube, dass wir als Menschen die Erinnerung an unsere Vorfahren in uns tragen ; folglich gibt es Erinnerungen verschiedener Vorfahren, die durch die Zeit reisen und sich in den Körpern ihrer Nachkommen niederlassen. Durch die Performance bin ich in der Lage, die Erinnerungen meiner Vorfahren wieder zu erleben, als würde ich selbst zu ihnen werden. “, verrät er in dem von der Galerie PJ geführten Interview. Die Tatsache, dass er jedes Familienmitglied selbst verkörpert, macht ihn zum privilegierten Hüter dieses Erbes.
Man könnte dem Künstler jene Kritik vorhalten, die man seiner Zunft im Allgemeinen vorwirft: eine Verschlossenheit gegenüber seinem sozialen Umfeld, einen fantasielosen, starren und überholten Konservatismus. Doch man kann in Christian Fuchs’ anachronistischem Ansatz auch eine offensichtliche kritische Tragweite erkennen – in einer Welt, die den Sinn für den Tod verloren hat und in der sich die Generationsklüfte vertiefen, beschleunigt durch das Aufkommen neuer Technologien. Angesichts des drohenden Vergessens hat das Werk von Fuchs den Verdienst, an das Band der Solidarität zu erinnern, das zwischen den Lebenden und den Toten besteht. Von denen es unter der Erde schon immer mehr gab als auf der Erdoberfläche. Seine genealogische Suche fügt sich nahtlos in die Perspektiven der zeitgenössischen Kunst ein: Davon zeugen seine Vorliebe für Verkleidungen und sein Bestreben, Genregrenzen zu überschreiten – seien es geschlechtsspezifische oder künstlerische –, denn sein fotografisches Werk untergräbt das Männliche und das Weibliche ebenso sehr, wie es unter anderem theatralische und malerische Elemente integriert. Schließlich denkt man an die Experimente mit der Metempsychose – also die Möglichkeit, andere Seelen als die eigene zu erleben –, die die Figuren bei David Lynch (insbesondere in „Lost Highway“) durchlaufen. Christian Fuchs, der neue Orlando?
Ausstellung „Intrinsèque“ von Christian Fuchs
in der Galerie PJ in Metz, bis zum 31. August