Warum sollte man sich mit den Titeln beschäftigen, die Eric Mangen den Werken gegeben hat, die er derzeit in der Valerius Gallery ausstellt? Warum hat er ihnen überhaupt Titel gegeben? Er, der auf spontane Kreativität schwört, verrät damit im Grunde genommen schon, was wir zu sehen bekommen: „Millefeuilles“, „Wir müssen reden“, „We, Us“, „Keine neue Kunst“. Und dann noch „Ritsch-Ratsch“, der Gesamttitel der Ausstellung.
2022. Wir lernen wieder, uns ohne allzu große Angst in den Städten zu bewegen, Menschen zu begegnen und mit ihnen zu sprechen. Fast zwei Jahre sind vergangen, ohne viele Erinnerungen zu hinterlassen. Es ist zwar ein Klischee, aber diese Corona-Jahre sind ein bisschen wie ein leeres Blatt Papier. Eric Mangen war Anfang 2022 in Berlin. Man sieht ihn auf den auf Lebensgröße vergrößerten Fotografien in der Galerie. Da steht er, mit dem Rücken gegen eine Backsteinmauer gelehnt, von der er mit aller Kraft übereinanderliegende Plakate abreißt. Berlin mit seinen Eisenbahn- und U-Bahn-Brücken, deren gesamte Metallkonstruktion im Quietschen der Wagenräder vibriert… Diese Energie muss sich auf diesen Körper übertragen haben, der keine Ruhe liebt. Sein Geist auch nicht: Nach Berlin zu gehen, bedeutete für Eric Mangen das Abreißen von Plakaten – Ritsch-Ratsch.
Nach der Arbeit vor Ort wurde das Material mit einem Kleintransporter in sein Atelier in Luxemburg gebracht. Dort wurde es auf dem Boden ausgerollt, hochgezogen, an die Wand gehängt und überarbeitet. Millefeuille. In der Galerie kann man beim Betrachten der Werke von der Seite erkennen, dass diese mehrere Zentimeter dick sein können. Wenn sich gelegentlich der Holzträger der Palisaden zusammen mit der Papierschicht gelöst hat, weisen diese Stücke klare Linien auf: Der untere Rand des Plakats ist der des „Gemäldes“. Andere haben standgehalten, die Formen sind zufällig, da Eric Mangen sie nicht korrigiert hat. Sie haben die Form des Ausschnitts, den der Kleber freigeben wollte.
Eric Mangen, ein Maler, der seit nunmehr etwa zehn Jahren instinktiv arbeitet, liebt die Abstraktion und zufällige Entwürfe. Aus dem Kontext der Wand heraus hat er mit den Berliner Plakaten eine Auseinandersetzung mit dem Material, der Tiefe und der vorhandenen Farbe begonnen. Zunächst hat er sich mit den Plakaten ausgetauscht: „Wir müssen reden.“ Farbe überdeckt die Grundfarben in einem identischen Farbton. Manchmal hat sich die Papierstruktur roh abgelöst. Wenn man sie entfernt und Fetzen abkratzt, kommt etwas anderes zum Vorschein, eine Art Haut oder Schale. Die Rückseite eines Plakats von unten hat einen poetischen Namen: „Blueback Papers“.
Wir müssen reden. Mangen hat die Werbeslogans überdeckt. We, Us. Selbst die Wörter treffen in der Zeit nach Covid auf andere Weise aufeinander. Und da stand geschrieben: „Eine neue Kunst“. Ein zusätzliches „ K “ genügte, um daraus „Keine neue Kunst“ zu machen. Es handelt sich um eine Abstraktion im kunsthistorischen Sinne und im ursprünglichen Wortbedeutung. Tatsächlich ist es eine Neuschöpfung der Straße im Atelier. Eine Wiederherstellung von Gesten und Bewegungen. Nicht nur seiner eigenen, sondern auch derer, die die Plakate gezeichnet, gedruckt, geklebt und an den Wänden Berlins befestigt haben. Wenn wir Werk für Werk durch „Ritsch-Ratsch“ gehen, sehen wir die Beziehung des Künstlers zum Plakat.
Mit welcher Absicht? Eine Endlichkeit? Das ist nicht der Ansatz von Eric Mangen. Ihn zu begleiten, ist gut und schön. Die Dinge ergeben sich von selbst.
„Ritsch-Ratsch“ von Eric Mangen ist noch bis zum
26. November in der Valerius Gallery, 1 place du Théâtre
in Luxemburg-Stadt zu sehen