Für die neue Saison legt Marlène Kreins, die seit zwei Jahren die Kunstzentren der Stadt Dudelange leitet, die Einbindung des Publikums noch eine Schippe drauf – mit dem kleinen Theaterstück von Nora Wagner in der Galerie Dominique Lang und einer Einzelausstellung von Catherine Lorent, die seit ihrer Vertretung des Großherzogtums auf der Biennale von Venedig im Jahr 2013 viel zu selten zu sehen war, in der Galerie Nei Liicht.
„ To be or not to be “ oder: Wie positioniert man sich als Künstler in der heutigen Gesellschaft, wie geht man zum Wesen der ihm zur Verfügung stehenden Mittel vor und wie regt man die Besucher zum Nachdenken und zur Teilnahme an? So ließen sich „Pia Fraus“ von Catherine Lorent und „search ?q=définition_APPROCHES“ von Nora Wagner zusammenfassen. Man fragt sich nur, ob solch komplexe Titel für den Durchschnittsbesucher nicht zu schwer zugänglich sind. Denn das Publikum sollte nicht zögern, die Türen der Kunstzentren zu öffnen, um in das Abenteuer der Kunst einzutauchen, in dem die beiden jungen Frauen alle Mittel der bildenden Kunst auf reflektierte und spielerische Weise hinterfragen.
Mehr als alles andere liegt es ihnen am Herzen, Sie in die Welt der bewegten Kunst zu entführen. So ist der „White Cube“ der Galerie Nei Liicht, der von Catherine Lorent genutzt wird, definitiv kein statischer Ort. Die Bilderleisten sind keine bloßen Aufhängewände mehr, sondern Ankerpunkte, Orte des Hin- und Herbewegens zwischen Kunstgeschichte und Gegenwart. Catherine Lorent interpretiert auf den ersten Blick in den trivialsten Formen ikonische Figuren und Motive neu, die seit Jahrhunderten die Kunst durchziehen, sei es in der Malerei oder in der Bildhauerei. „Pia Fraus“ bedeutet auf Lateinisch „fromme Lüge“, was die Künstlerin bereits am Fuße der Treppe der Galerie wörtlich und metaphorisch veranschaulicht. Das Material zur Erneuerung der Stufen fehlt derzeit tatsächlich. Macht nichts, „Y a pas de bois“ (Es gibt kein Holz): Die Treppe ist mit Holzimitat verkleidet, doch in der kleinen Vitrine im Erdgeschoss liegt Treibholz, das zu nichts zu gebrauchen ist.
Das kostbare Material, das fehlt, ist ebenfalls in der Vitrine in Großbuchstaben dargestellt, eingefasst in einen barocken Rahmen. Diese Form, die diesmal als Rahmen für persönliche Erzählungen dient, die aber auch an die Geschichte anknüpfen, findet sich im ersten Stock wieder und umgibt winzige Seeschlachten in Medaillonform (so eroberte der Westen die Welt). Sie sind auf Autofelgen (die von Catherine Lorent) gemalt, die zur Skulptur „AUTOnome“ geworden sind, gefesselt an die Regeln der Seefahrt (Lorent ist selbst Seglerin). Eine Zeichensprache, der man auf See besser Folge leistet, da man sonst Gefahr läuft, zu zerschellen.
Doch dieser Realität (den Kurs zu halten) entzieht sich Catherine Lorent sofort mit einer bärtigen Mona Lisa. Duchamp, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedem Objekt – selbst dem scheinbar am weitesten von den Regeln der Kunst entfernten – eine im Wesentlichen künstlerische Definition verlieh, hatte der Frau par excellence der Kunstgeschichte einen Schnurrbart verpasst; Lorent macht daraus das (Selbst-)Porträt „Desktop (Pia Fraus)“, CEO. Denn selbst Duchamp und in seinem Gefolge so viele andere haben weibliche Künstlerinnen über mehr als hundert Jahre hinweg in eine Nebenrolle verbannt…
Catherine Lorent ist eine kraftvolle Frau. Während ihre Medaillons, Wappen und andere heraldische Motive wie „Talking to a thing (mermaids after midnight)“ von ihrem feinen Gespür für den Umgang mit Tusche, Gouache und Pastell bei der Darstellung von Meeres-Träumen zeugen, so sind die Rockgitarre und ihre wilden Riffs Thema eines ganzen Werks, einer Blackbox, die den Proben einer fiktiven Band gewidmet ist. Sie selbst ist eine versierte Musikerin. Die Musik erfüllt ihr Leben in Berlin, wo sie lebt, ebenso wie die Kunst des Zeichnens und Malens oder des Segelns. In Dudelange lässt sie das Offensichtliche in fröhlicher Anarchie von seinen Hemmungen befreien – in der Zeit der gut gemeinten Lügen von Pia Fraus.
Nora Wagner hat in den letzten Jahren in Luxemburg viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im Jahr 2015 war „The Nomad Workshop“ (zusammen mit Romain Simian) im Casino Luxembourg – Forum d’Art Contemporain zu sehen; 2018 „Metamorph“ im Ratskeller des Cercle Cité; 2019 erhielt sie den Edward-Steichen-Preis für eine Residenz in New York (die jedoch aufgrund der Pandemie nicht stattfinden konnte). Doch während des Lockdowns im Jahr 2020, als öffentliche Veranstaltungen weiterhin verboten waren, realisierte sie gemeinsam mit Carole Louis, Trixi Weis und Aurélie d’Incau das partizipative Residenzprojekt „Jamais peut-être“.
Nora Wagner ist, genau wie Catherine Lorent, ganz und gar in ihrem Werk aufgegangen und zieht es vor, sich in immersiven Kunstformen auszudrücken, anstatt eine Karriere anzustreben. Übrigens betritt man die Galerie Dominique Lang durch die Kulissen. Man fühlt sich wie hinter der Bühne eines Theaters. Auch dort steht ein Sessel im alten Stil, mit Tapisserie bezogen. Eine Hommage an den Erfinder der Komödie, Molière? Jedenfalls spielt sich hier ein Theaterstück ab, das sich zwischen dem realen Leben und dem Innenleben, zwischen Realität und Fantasie bewegt. In „search ?q=définition_APPROCHES“ wird es vielfältige Interventionen geben. Das ist bereits der Fall, auch wenn Nora Wagner behauptet, die Galerie Dominique Lang sei in ihrem jetzigen Zustand leer. Dennoch gibt es dort Räume, die von Baumzweigen eingenommen werden, die wie Kleiderbügel von der Decke einer Bühne hängen. Andere Äste sind wie die Wurzeln eines Baumes zusammengefügt, von dem man nur den unterirdischen Teil sehen würde, und es gibt ausgeschnittene Silhouetten von Hügeln. Die Kulisse ist aufgebaut, die Zuschauerbänke laden zum Platznehmen ein. Vorerst ist es nur eine akustische Kulisse. Es sind Geschichten, die von eingeladenen Künstlern erzählt werden.
Doch im Obergeschoss warten weitere Ausstellungselemente. Natürliche Elemente und handgefertigte Objekte, die zweifellos eine Rolle in dieser sich weiterentwickelnden Ausstellung spielen werden, wie beispielsweise die Hocker mit bestickten Sitzflächen. Penelope war die Erste. Davon zeugen die Garnknäuel aus der Zeit der antiken Mythen. Nun liegt es an uns, die Mythen von heute zu schreiben. Nora Wagner freut sich auf diese „Mythissages“, um sie an den kommenden Wochenenden gemeinsam mit dem Publikum zu erleben.
„Pia Fraus“ von Catherine Lorent und „search ?q=définition_APPROCHES“ von Nora Wagner sind bis zum 24. Oktober in der Galerie Nei Liicht und in der Galerie Dominique Lang in Dudelange zu sehen