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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Der Iran einmal anders

Wie lassen sich die verschiedenen Schichten der iranischen Geschichte miteinander verknüpfen – und mit Blick auf welche Zukunft? Alfred Seiland veranschaulicht dies im MNHA

Erschienen in Ausgabe Dezember 2021
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Die zweite Ausstellung des österreichischen Fotografen Alfred Seiland, die er nach „Imperium Romanum“ im Jahr 2014 erstmals im Musée National d’Histoire et d’Art (MNHA) präsentiert, widmet sich erneut einer Zivilisation. Anhand einer fotografischen Reise, die er ab 2017 unternommen hat, zeigt er das antike Persien und den modernen Iran.

Die Ausstellung beginnt mit einer jungen Frau in rosa Kleidung, umgeben vom Lichtschein der Roten Moschee, die Ende des 19. Jahrhunderts in Schiraz in einem Stil erbaut wurde, der orientalische und westliche Elemente vereint. „Iran between times“ von Alfred Seiland lädt uns laut Pressemitteilung des MNHA dazu ein, „einen kritischen Blick darauf zu werfen, wie die westlichen Medien das ehemalige persische Reich darstellen – ein Bild, das oft von Vorurteilen und Stereotypen geprägt ist… Sie regt uns dazu an, über die Herausforderungen nachzudenken, denen sich die iranische Gesellschaft heute gegenübersieht.“

Von welchen Stereotypen ist hier die Rede? Poetische? Es fällt schwer, dabei nicht an die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ und die persischen Miniaturen zu denken. Die junge Frau erinnert an Scheherazade. Politisch ? Bekannt ist die Angst des Westens und die wiederholten Waffenembargos aufgrund der Entwicklung der Nukleartechnologie für militärische Zwecke. Alfred Seiland konnte sich den Anlagen natürlich nicht nähern. Religiös? Der Schiismus ist in der heutigen, mehrheitlich sunnitischen muslimischen Welt eine Minderheit. Im Innenhof einer Moschee sieht man unter einem provisorischen Zelt und auf Plastikbänken so etwas wie eine zaghafte Einladung zum Dialog.

Muss man deshalb ein Experte in diesen Fragen sein, um die Ausstellung „Der Iran zwischen zwei Epochen“ (so der französische Titel der Ausstellung) zu besuchen, zumal der moderne Iran für uns Ausländer fast unzugänglich geworden ist? Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, die Verbindung zwischen dem antiken Persien und dem modernen Iran zu erkennen, in dem Alfred Seiland somit an eine mögliche Zukunft für das iranische Volk glauben möchte.

Der Fotograf entwickelt seine These anhand von analogen Großformataufnahmen, die eine schwere Ausrüstung und lange Belichtungszeiten erfordern. Die Motive dieser Fotografien wurden daher sorgfältig ausgewählt und zeigen meist um Ansichten von Stätten mit historischer Bedeutung, wie beispielsweise die Zitadelle von Rayen, Hauptstadt der Sassaniden, die man in einen Zusammenhang mit Persepolis des mythischen Königs Darius stellen kann, der 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung lebte. und – als letztes Großformat, das wir zur Zusammenfassung von mehr als zweitausend Jahren Geschichte anführen möchten – die Ansicht von Teheran vom Gipfel des Milad-Turms aus, der von Mohammad Reza Pahlavi erbaut wurde, dem Schah, der 1979 durch die Rückkehr des Ayatollahs Khomeini vertrieben wurde.

Es folgen Gruppen von mittelgroßen Formaten, die meist zu viert quadratisch angeordnet oder ebenfalls in Viererreihen aufgereiht sind. Diese digital aufgenommenen Fotos wirken spontaner, auch wenn noch zwei politisch motivierte Aufnahmen zu erwähnen sind: von der ehemaligen US-Botschaft in Teheran, wo Diplomaten zwischen 1979 und 1981 444 Tage lang als Geiseln festgehalten wurden. Dies war der Beginn der Spannungen zwischen dem Iran und dem Westen. Heute kann man den Ort als Museum an der Bushaltestelle „Ehemalige US-Botschaft“ besichtigen.

Beim Betrachten dieser sechzig Aufnahmen macht sich vor allem ein Gefühl breit, das den Wunsch weckt, die Iraner von heute kennenzulernen. Sie haben für Alfred Seiland posiert: eine Familie, das kleine Mädchen auf dem Trampolin der Schule, die Frauen beim Chocolatier, der junge Blumenverkäufer und der Hotelangestellte. Sie sind in ihrem Alltag zu sehen, inmitten von Straßenständen und einem Laden an der Autobahn. Ein Lkw-Fahrer schläft unter dem Poster eines Pin-up-Girls, der Soldat an der Bushaltestelle leidet unter der Hitze und der Allgegenwart der großen politischen Plakate, die rosten und bröckeln, wie jenes Schiff, das Teil der Kulisse der Ferienpromenade am Golf von Ormuz ist. Wie sieht die Zukunft dieses Iran zwischen zwei Epochen aus? Wie die dieser Kleinstädte in Wüstenlandschaften? Alfred Seiland hat die zivilen Hochspannungsleitungen fotografiert, die sie mit Strom versorgen.

In der Ausstellung ist nur ein einziges Diptychon zu sehen. Es zeigt die Fundamente der Zikkurat des mythischen Ur (im heutigen Irak gelegen), das als Geburtsort des Patriarchen Abraham gilt, der allen drei monotheistischen Religionen gemeinsam ist… Aber können Humanismus und ein wohlwollender Blick alles bewirken? Durch einen Zufall des Zeitplans werden in Wien, der Hauptstadt des Herkunftslandes des Fotografen, die Verhandlungen über die iranische Produktion von angereichertem Uran wieder aufgenommen.

Die Ausstellung „Iran between times“ mit Fotografien von Alfred Seiland ist bis zum 11. September 2022 im MNHA zu sehen