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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Am anderen Ende der Welt

„Lëtz’ Arles 2023“ ist nach Dudelange umgezogen. Daniel Wagener und Rozafa Elshan verdeutlichen die Vielschichtigkeit der möglichen fotografischen Ansätze.

Erschienen in Ausgabe April 2024
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Nach Arles im vergangenen Sommer erobert Daniel Wagener, der siebte luxemburgische Künstler, der dort ausstellen darf, nun das Pomhouse in Dudelange. Die Chapelle de la Charité ist zwar entweiht, steht aber unter Denkmalschutz. Es kam also nicht in Frage, auch nur einen Millimeter ihrer Vergoldungen, Stuckarbeiten, echten und künstlichen Marmorelemente oder ihrer Altäre anzurühren. Der Preisträger des Luxembourg Photography Award 2023 war daher gezwungen, „dagegen zu arbeiten“. Der symbolträchtigste Aspekt seiner Installation bestand darin, dass er den Hochaltar verdeckt hatte.

„Belgischer Humor“, sagt Danielle Igniti, Vizepräsidentin von Lëtz’Arles und Kuratorin der Ausstellung. Nach Arles sind nun also derzeit in Dudelange einige humoristische Werke von Daniel Wagener zu sehen: wie zum Beispiel die in Belgien im Musée de la Lingerie fotografierten Strumpfhalter und ein sehr kitschiger Sisyphos, der seinen Marmorblock im gleichnamigen Museum schiebt, das ebenfalls in Belgien liegt. Der 35-jährige Fotograf hat eine Leidenschaft für Baumaterialien, wie dieser in Mexiko fotografierte Ziegelwürfel mit seinen unordentlichen oberen Reihen beweist. Eine „Anspielung“ auf die aztekischen Pyramiden. Doch nicht nur das: Wagener ist ebenso fasziniert von Spuren, die – auch wenn sie erst aus der jüngeren Vergangenheit stammen – Teil der Baugeschichte sind. So zum Beispiel eine Wand, an der die Fliesen abgefallen sind und die Spuren ihrer Befestigung im Zement freigelegt haben – eine Art tachistisches Gemälde.

Für die Kuratorin Danielle Igniti „macht er die moderne Landschaft erträglich“. Gewiss, besucht Daniel Wagener gerne ungewöhnliche Orte und hält mit Humor – der eine Art Zärtlichkeit ist – deren Absurdität fest; vor allem aber betrachtet er Orte, an denen das Alltägliche vorherrscht und die keine Emotionen hervorrufen, außer vielleicht ein zusammenzucken, so kitschig ist das betrachtete Objekt manchmal : wie etwa eine Vase in Form eines Pferdes. Um auf das Wesentliche zurückzukommen: Die Fotografie hat den Wert, den der Fotograf ihr verleiht, also je nach Blickwinkel, aus dem beispielsweise zwei Autos und eine blaue Linie auf dem Boden fotografiert werden. Hier schafft Wagener eine Ästhetik. Es gibt noch weitere in der Ausstellung. Es liegt am Besucher, sie zu entdecken, und wenn ihm die Bildausschnitte gefallen, sind das für ihn die besten…

„Opus Incertum“, so der Titel der Ausstellung, spannt einen Bogen über die gesamte Geschichte des Bauwesens, von Trockenmauern bis hin zu Fußböden, die auch heute noch eine italienische Spezialität sind. Im Gegensatz zum „Do-it-yourself“ ist dies also eine Hommage an das Handwerk, an das Maurerhandwerk und an diejenigen, die auf Baustellen arbeiten und die Arbeiten ausführen. Mehrere Bilder preisen deren rohe Schönheit: ein aus Betonstahl gefertigter Tischwinkel, der untere Teil einer Mauer, der mit einem durch rote Dots befestigten Maschendraht verkleidet ist, eine Mauer aus Zement und Kieselsteinen. Doch hier taucht wieder das Absurde auf. Ziegel sind in einem Bücherregal aufgereiht. Denn Daniel Wagener durchstreift die Baumärkte auf der Suche nach Materialien und Heimwerkergeräten, mit denen sich Herr und Frau Jedermann ein kleines Paradies nach eigenem Geschmack schaffen können.

Unsere bebauten Landschaften sind so oft zum Ausdruck eines Individualismus geworden, der von seiner Richtigkeit überzeugt ist oder stilistisch mit dem unmittelbaren Nachbarn konkurriert… Die großen Baumärkte haben jedoch auch ihre guten Seiten: Daniel Wagener hat sich dort Regale und Einkaufswagen ausgeliehen, um in Arles sowie in Dudelange auszustellen. In Arles entstand dadurch ein Paradoxon im Verhältnis zur sakralen Kunst. In Dudelange befinden wir uns in einer „Kapelle“ zum Gedenken an die Arbeit, ganz im Einklang also mit der Arbeit, die die Geschichte des südlichen Luxemburgs geprägt hat.

Wagener ist zudem Grafikdesigner und Theaterbühnenbildner. Das spürt man in seiner Inszenierung. Inspiriert – wie wir gesehen haben – von der Blickachse in Kirchen, die auf den Altar am Ende des Kirchenschiffs gerichtet ist, wird der Blick im Pomhouse an der Rückwand von einem Foto angezogen, das kürzlich in Mexiko aufgenommen wurde. Eine Riesengarnele thront über dem Eingang eines Freizeitparks. Der Portikus erinnert an ein Logo des weltweiten Baustofflieferanten, einschließlich des „Opus incertum“ aus Kunststoff.

Die Ausstellung im „Display 01“, dem Ausstellungsraum im Centre National de l’Audiovisuel (CNA), ist das genaue Gegenteil davon. So sehr sich Daniel Wagener mit der realen Welt auseinandersetzt, so durchscheinend wirkt das Universum von Rozafa Elshan, der Preisträgerin des Luxembourg Photography Award Mentorship. Die junge Frau, gerade erst dreißig Jahre alt, die einen dreimonatigen Aufenthalt an der École nationale de la photographie in Arles absolviert und gemeinsam mit der Kuratorin Michèle Walerich die Ausstellung im Display 01 gestaltet hat, versetzt uns in die Gegenwart.

Denn Rozafa Elshan ist von jeglicher esoterischen Vorstellung weit entfernt, auch wenn sich das Thema ihrer Fotografien und der von ihr gestalteten Installation kaum in Worte fassen lässt. Die Ausstellung trägt den Titel „1 – 2 – 3 HIC HIC SALTA !“. Eins, zwei, drei, spring ! Stellen wir uns also vor, wir spazieren über die zentrale Plattform und folgen nach Belieben einem Weg zwischen den großen Papierrollen und -bahnen – die Residenz in Arles hieß „ Espaces imprimés “. Es ist ein imaginärer Spaziergang, aber man kann sich vorbeugen, während man um die Plattform herumgeht, und das Glänzen der Aluminiumrollen, der transparenten Papiere, der sinusförmigen Zeichnungen und der horizontalen Linien betrachten, die manchmal aus großen, parallelen Stäben bestehen, manchmal aus kleineren, als wären sie einfach so hingeworfen worden.

Es handelt sich um eine Installation, die sich an die Ränder von Display 01 anlehnt, da man nicht sagen kann, dass sie sich entlang der Wände erstreckt. Rozafa Elshan hat auch keine Hängung vorgenommen. Sie hat weiße, eigens für die Ausstellung angefertigte Rahmen einzeln oder in Gruppen von zwei oder drei angeordnet. Dadurch entstehen visuelle Spannungen zwischen den einzelnen Bildern, bei denen es sich teilweise um Vergrößerungen der Bodeninstallationen handelt. Der Prozess, der uns interessiert hat, ist nicht die Herstellung der Fotografien an sich. Rozafa Elshan hat dies an der ERG und im „ 75 “ in Brüssel gelernt. Sondern das mit dem Körper empfundene Erlebnis. 1 – 2 – 3 HIC HIC SALTA ! ist eine seltene fotografische Erfahrung, bei der es nicht nur um die Bewegung der Augen geht.

„Opus Incertum“ von Daniel Wagener im Pomhouse und „1 – 2 – 3 HIC HIC SALTA !“ von Rozafa Elshan im Display01 des CNA in Dudelange sind noch bis zum 7. Juli zu sehen