2016 war die Dynamik der CSV-Bezwinger, der schwungvollen, jungen Männer von DP, LSAP und Grünen gebrochen. Die Niederlage bei den Europawahlen war bitter, das Referendum eine Katastrophe. Die Leute verziehen ihnen den „Zukunftspak“ aus Steuerhöhungen und Kreditkürzungen nicht.
Wirtschaftsminister Etienne Schneider war die treibende Kraft der Koalition. Er suchte neuen Schwung. Er griff nach den Sternen und rief auf zum Asteroidenbergbau. Er wollte in den Sternen lesen und leistete sich einen Sterndeuter. Dessen Spekulationen versprachen, unterhaltsamer zu sein als PWC- und EY-Prognosen von der Stange.
Zukunftsforscher Jeremy Rifkin diente als ausländischer Experte in der Tradition von Lionel Fontagné, Jean Gandois, Hjalmar Schacht. Sein neuer „Zukunftspak“ sollte den alten vergessen lassen, die Utopie liefern, die Regierung und Wahlvolk dringend brauchten. In zwei Dutzend Büchern beschrieb der US-Autor, wie er überall auf der Welt dem gerade neusten Trend hinterherhastet, die nächste Technikrevolution aufspürt: eine stets modische Mischung aus Gründerväter-Liberalismus, Technikfetischismus, Umweltschutz und New Age.
2011 hatte Jeremy Rifkin The Third Industrial Revolution veröffentlicht, 2014 The Zero Marginal Cost Society. Für eine halbe Million Dollar verkaufte seine TIR Consulting Group LLC die Spekulationen als The 3rd Industrial Revolution Stategy Study for the Grand-Duchy of Luxembourg. Den nationalen Bezug mussten lokale Arbeitsgruppen herstellen. Das Wirtschaftsministerium, die Handelskammer, der Unternehmerverein Inspiring More Sustainability hatten sie zusammengerufen: Unternehmer, Beamte, Lobbyisten. Der LSAP-Minister wollte keine Gewerkschaften an der Zukunftsgestaltung beteiligen.
Die Studie versprach: „The third industrial revolution: the digital Internet of Things (IOT) platform and the paradigm shift to a smart Luxembourg“ (S. 3). „Capitalism is giving birth to a progeny. It is called the Sharing Economy.“ Ausgelöst durch „zero marginal cost brought on by the digitalization of communication, energy, and transport, and now the introduction of the Internet of Things platform“ (S. 383). Das Ende der Lohnarbeit stehe bevor: Wir alle würden Produzenten und Konsumenten zugleich. „Prosumer“ würden alltägliche Gebrauchsgegenstände zu Hause am 3D-Drucker herstellen.
Dass die Handelskammer die Glorifizierung von Kleinstunternehmern in vorindustriellen Verhältnissen finanzierte, entbehrte nicht der Ironie. Aber Minister und Handelskammer hielten Jeremy Rifkin wohl von Anfang an für einen nützlichen Spinner.
Sein Bericht sollte die technokratische und ökologische Rechtfertigung eines modernen grünen Kapitalismus liefern – und der dafür nötigen ökoliberalen Regierung. Er riet den besitzenden Klassen, mit Nachhaltigkeit Geld zu verdienen, den lohnarbeitenden Klassen, durch Gürtel-enger-Schnallen den Planeten zu retten. Im „Thematic summary“ „Lëtzebuerg“ kommt Klimaveränderung bloß als Investitionsanreiz vor. Soziale Fragen interessierten weder Rifkin, noch die Handelskammer, noch den Minister.
2017, 2018, 2021 folgten Zwischenberichte. Im Covid-Jahr 2020 zog sich Etienne Schneider ins Privatgeschäft zurück. Sein Nachfolger Franz Fayot schuf für Rifkins „49 mesures stratégiques“ eine neue Ministerialabteilung: „Luxembourg Stratégie“. Nach dem Regierungswechsel 2023 löste DP-Nachfolger Lex Delles die Abteilung rasch auf.
Die Rifkin-Blase ist geplatzt. Die versprochene Internetdemokratie monopolisieren Elon Musk, Mark Zuckerberg. Die „Prosumer“ kaufen bei Amazon. Die Sharing Economy war Spielerei, die Gig Economy machte Ernst mit der Ausbeutung von Pizzaboten. Internet of Things blieb eine Anwendung unter vielen.
Der Kauf bunter Utopien hat sich erübrigt. Nun macht Angst gefügig: Angst vor dem Klima, vor Seuchen, vor dem Maschinenlernen, vor dem Faschismus, vor dem Krieg. Nach zehn Jahren ist die Zukunft wieder einmal vorüber. Der Zukunftsforscher wurde überflüssig.