Vor etwa sechzig Jahren erzählte der Comic „Philémon“ die Geschichte eines Reisenden, der sich in den Buchstaben des „Atlantischen Ozeans“ verirrt hatte. Die auf Landkarten gedruckten Buchstaben in ebenso viele Inseln zu verwandeln, auf denen man spazieren gehen konnte, war ein schöner poetischer Einfall. Seitdem, im Zuge der zunehmenden „Instagramisierung“ unserer Städte, haben zahlreiche Gemeinden an den touristischsten Orten große weiße Buchstaben aufgestellt, damit sich Besucher, denen die Inspiration fehlt, dort fotografieren lassen können. Das ist zweifellos weniger riskant, als ein Selfie vor dem Schild „Luxemburg“ zu versuchen, das am Straßenrand zwischen dem Kreuz von Cessange und dem Kreisverkehr Glück aufgestellt ist. Doch warum sollte man in der Stadt, die man besucht, ein Foto mit eben diesem Namen im Hintergrund, unter dem Gesäß oder zwischen den Armen machen? Um ein absurderes Konzept zu finden, muss man bis zur Erfindung des Armbands mit dem Vornamen seines Besitzers zurückgehen (für den Fall, dass man auf das Handgelenk schauen müsste, um sich daran zu erinnern), die Buchstaben, die man an die Zimmertür seiner Kinder klebt (um sie nicht zu verwechseln, falls man viele hat), oder die Tätowierung des Geburtsdatums des eigenen Nachwuchses (als ob man deren Geburtstag vergessen könnte).
Die Buchstaben „Hollywood“, die schon aus mehreren Kilometern Entfernung zu sehen sind und ursprünglich zur Werbung für ein Immobilienprojekt gedacht waren, sind zu einem Symbol von Los Angeles geworden. Das Konzept hat sich weiterentwickelt, und seit einigen Jahren entscheiden sich die Gemeinden eher dafür, diese riesigen Buchstaben mitten im Stadtzentrum aufzustellen. Nach der Place d’Armes und der Kinnekswiss hat sich Luxemburg für den Vorplatz vor der Philharmonie entschieden. Das Europäische Parlament wiederum hat nur wenige Dutzend Meter davon entfernt die Buchstaben „EUROPA“ im Innenhof seines Hauptgebäudes aufgestellt. Es fehlt nur noch „TERRE“, um die topografische Bestandsaufnahme zu vervollständigen.
Touristen hatten schon immer eine Vorliebe für Souvenirs, die ihre eigene Identität mit der des besuchten Ortes verbinden. So nehmen T-Shirts oder Tassen mit kalligraphisch geschriebenen Vornamen seit langem einen Spitzenplatz in der Hitliste der Reiseandenken ein. Indem sie in den sozialen Netzwerken einen Beitrag teilen, in dem ihre Angehörigen sofort erkennen können, wo sie sich gerade befinden, müssen sie ihren Standort nicht extra angeben. Sie erreichen den Höhepunkt des touristischen Klischees, indem sie buchstäblich ein Foto von „Paris“, „Amsterdam“ oder „Madrid“ machen “. Jede Stadt kann sich buchstäblich als Hauptstadt erfinden, und so findet man „Blankenberge“ oder „Sedan“ an strategisch günstigen Orten.
Diese Einrichtungen ergänzen auf wunderbare Weise das Bild einer Stadt ohne Eigencharakter – mit den Fast-Food-Ketten und Modegeschäften, die sich in den Fußgängerzonen aneinanderreihen, den Ikea-Möbeln, mit denen die Airbnb-Unterkünfte mit ihrer standardisierten Einrichtung ausgestattet sind, die Fertighütten für die Weihnachtsmärkte und die Stadtmöbel, die im Austausch gegen Werbeflächen aufgestellt wurden. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von „Let’s Make It Happen“ wurden übrigens Plakate wie ein Puzzle über die Bushaltestellen verteilt, wobei jedes einen Buchstaben des Namens trug, und es gab einen Wettbewerb, bei dem alle fotografiert werden sollten.
Glücklicherweise lässt sich das Ganze recht einfach auf- und abbauen sowie transportieren und wird zweifellos in die Erinnerungsschublade der 2020er Jahre wandern. Man schaudert bei dem Gedanken, dass eines Tages riesige Buchstaben mit der Aufschrift „Golfe d’Amérique“ vor der mexikanischen Küste in Beton gegossen werden könnten, um die Namensänderung unauslöschlich zu machen.