Moumen ist 17 Jahre alt. Er gehört zu jenen jungen Tunesiern, die von der Aufgeschlossenheit profitieren, die in seinem Land nach dem Sturz von Ben Ali Einzug gehalten hat. Er liebt Fußball, trägt mittellanges Haar und hat sich, „wie alle Spieler“, hat er sich die Ohren piercen lassen. Als Torwart und Kapitän seiner Mannschaft scheint ihm eine glänzende Zukunft bevorzustehen. Alle sagen ihm einen Platz bei der Espérance Sportive de Tunis voraus, also beim erfolgreichsten Verein des Landes. Ein Vertrag, der – auch wenn er nicht an sein Idol Leo Messi heranreicht, dessen Poster in seinem Zimmer hängt – diesem Jugendlichen aus einem sozial schwachen Milieu ermöglichen würde, aus dem „Rattenloch“ herauszukommen, in dem er mit seiner Mutter, einer Arbeiterin in einer Textilfabrik, und seinem Vater lebt, dem „ ehemaliger bester Stürmer (seiner) Generation“, der nach eigenen Angaben „beinahe beim OM unterschrieben hätte“, inzwischen aber zu einem notorischen Alkoholiker geworden ist, der sein Gehalt in schäbigen Kneipen verprasst.
Doch in Tunesien, sei es unter Ben Ali oder mitten im Arabischen Frühling, scheint Leistung allein nicht auszureichen. Hier, ohne Beziehungen und ohne Geld, scheinen die Türen doppelt verschlossen zu sein, was seine Mutter Amel – eine unabhängige Frau, die sich weder von ihrem Mann noch von ihrer traditionalistischen Familie unterbuttern lässt – dazu zwingt, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um ihrem geliebten Sohn zu helfen. Als Personalvertreterin in ihrem Unternehmen tauscht sie Informationen über die aufmüpfigen Arbeiterinnen gegen einen guten Kontakt bei „L’Espérance“ ein. Ein erster Kompromiss, der sie schnell auf eine gefährliche Abwärtsspirale führen wird.
Denn während Moumen darunter leiden muss, der Sohn eines Niemands zu sein, muss sich auch Amel mit der Last der Religion und dem Sexismus auseinandersetzen. Als sie ein Abendessen mit einem Freund ihres Chefs annimmt, der ihr helfen könnte, wird sie schließlich sexuell missbraucht und dann, als die Polizei eintrifft, des Ehebruchs, der Störung der öffentlichen Ordnung und der Prostitution beschuldigt. Dafür muss sie sechs Monate im Gefängnis verbringen.
Sechs Monate, von denen wir nichts erfahren werden, denn die Geschichte, die der Regisseur erzählen will, spielt sich anderswo ab, bei Moumen. Zermürbt durch die Verhaftung seiner Mutter, der er so nahesteht, durch das Desinteresse seines Vaters und durch den Skandal, verliert der junge Mann schnell den Halt. Er kehrt den Fußballplätzen und der Atmosphäre in den Umkleidekabinen den Rücken und stürzt sich kopfüber in die zwielichtige Welt des tunesischen Nachtlebens. Partys, Saufgelage, Drogen, Prostitution, Erpressungen, Schlägereien zwischen rivalisierenden Banden und Exzesse aller Art werden zu seinem Alltag.
Ein gefährliches, aber vor allem streng geheimes Milieu, das Amel – die nun mittelloser denn je ist, von ihrem Mann verlassen, von ihrer Familie verstoßen und gezwungen, sich eine Stelle in einem Kabarett zu suchen – nicht davon abhalten wird, sich auf die Suche nach ihm zu begeben. Auf dieser langen Suche nach ihrem verschwundenen Sohn muss sich Amel mit der tunesischen Gesellschaft auseinandersetzen, die sich im freien Fall befindet und von Gewalt und Kriminalität zerfressen ist ; eine Gesellschaft, die gespalten ist zwischen denen, die ihre neu gewonnene Freiheit genießen wollen, und denen, die im Gegenteil hoffen, die Schwäche der amtierenden Regierung auszunutzen, um einen obskurantistischen politischen Islamismus durchzusetzen.
„Es ist eine höllische Suche nach Liebe“, fasst der luxemburgische Koproduzent Donato Rotunno zusammen. In den Konzeptnotizen präzisiert der Regisseur: „ Streams ist ein herzzerreißendes Drama über eine tunesische Mutter, die sexuell missbraucht wurde und sich einer von Gewalt zerrütteten Gesellschaft sowie einem verdorbenen Polizeisystem gegenübersieht “. „Der Film (…) ist eine Verflechtung dreier Themen, die mich schon immer beschäftigt haben: Familie, Schuld und Liebe“, fährt er fort.
Mit einem Budget von 745.000 Euro produziert, besticht „Streams“ durch seine starke und komplexe Erzählung, seine berührenden Figuren und die Kulisse des postrevolutionären Tunesiens, das sofort wieder vom Dämon der Gewalt und Korruption eingeholt wird. „Eine Realität, die Luxemburg fern und fremd ist“, räumt Donato Rotunno ein, der dennoch „eine Universalität in dem behandelten Thema“ sieht. Da ist die Beziehung zwischen Sohn und Vater und vor allem zwischen Sohn und Mutter sowie die Tatsache, dass sich der Junge in den Irrwegen der tunesischen Nacht verliert, so wie sich andere in den Irrwegen der luxemburgischen Nächte mit denselben Exzessen verlieren können.“
Die Entscheidung für die Schulterkamera, die stets ganz nah an den Figuren bleibt, verstärkt den Eindruck, dass das Drehbuch – obwohl es sich um eine spezifisch tunesische Geschichte handelt – problemlos in eine nordamerikanische Megastadt oder einen europäischen Vorort übertragen werden könnte. „Glücklicherweise verfügen wir in Luxemburg mit Cineworld über die notwendigen Mittel, um solche Koproduktionen mit unterschiedlichen Filmen und Themen zu realisieren und starke, ungewöhnliche Filme zu unterstützen“, betont der Regisseur und Produzent von „Tarantula“. Das Großherzogtum hat sich somit zu zwanzig Prozent am Budget des Films beteiligt, und in Luxemburg (Philophon) die gesamte Postproduktion dieses Films durchgeführt, in dem es letztendlich um den Abstieg in die Hölle, den Kreuzweg, die Erlösung und vor allem um die ewige und unerschütterliche Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn geht.