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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Die Stacheln der Gottesanbeterin

Ein Kurzfilm des Duos M+M, der sich zwischen Surrealismus und Horrorfilm bewegt, tourt durch Museen und Filmfestivals

Erschienen in Ausgabe Dezember 2021
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Der Film dauert nur sechs Minuten, nicht mehr, doch „Mad Mieter“, der neueste Kurzfilm des Duos M+M (Marc Weis und Martin De Mattia), ist so intensiv, dass die Zeit keine Rolle mehr spielt. Mehr noch: Ganz klassisch (im theatralischen Sinne) bezieht er diese Intensität aus seiner extremen Einheit – eben aus Zeit, Ort und Handlung –, und selbst ohne 3D-Brille, da der Film auf diese Darstellung von Reliefbildern zurückgreift, tauchen wir auf eigene Gefahr und zu unserem größten ästhetischen Vergnügen in den bedrückenden Raum und das bedrückende Geschehen ein.

Die Wohnung, die wir entdecken, gehört zu einem Puppenhaus; die Nachbildung könnte authentischer nicht sein, sie ist bürgerlich, und auf den ersten Blick gibt es nichts Beunruhigendes. Das ändert sich jedoch mit dem Mieter, der in der Tat sehr ungewöhnlich ist: eine Gottesanbeterin – eine seltene Darstellerin, die den Anweisungen des Regisseurs kaum Folge leistet. Das verdeutlicht, wie viel Geduld und Arbeit sowie wie viele Aufnahmen nötig waren. Neben M+M ist es daher nur recht und billig, auch den Kameramann Sebastian Cramer zu erwähnen und ihm zu gratulieren.

Unser Insekt scheint sich gut eingelebt zu haben, vielleicht fühlt es sich ein wenig einsam – zumindest solange, bis Konkurrenz auftaucht. Eine erste Annäherung mag zunächst harmlos erscheinen, doch dann eskaliert die Situation, und am Ende kommt es zum Drama. Ist es Rivalität, Eifersucht? Man weiß es nicht so genau. Abgesehen davon, dass weibliche Gottesanbeterinnen – wie jedes andere Tier, das sich ihnen nähert – das Männchen während oder nach der Paarung leider manchmal verschlingen.

Auf jeden Fall werden der Kampf und das Gerangel in „Mad Mieter“ sehr schnell gnadenlos: Die Beine bewegen sich, greifen zu, halten fest – sie verdienen zu Recht die Bezeichnung „Verführerinnen“, während die Stacheln endgültig festhalten. Ein grausames Ballett, bis der Tod eintritt. Wir befinden uns im Horror, doch gleichzeitig erinnern uns die Bilder – dank der Sexualität und einer wahrhaft krampfhaften Schönheit – an das Interesse der Surrealisten an Gottesanbeterinnen. Schaut euch im Anschluss unbedingt die grandiose Skulptur von Germaine Richier an. Was den Film betrifft, seien hier Buñuel, Hitchcock und Polanski erwähnt.

Kein Wunder also, dass „Mad Mieter“ zwischen Kunst und Kino angesiedelt ist – oder vielmehr auf beiden Seiten. Und so bahnt er sich seinen Weg in Museen wie die Villa Stuck in München oder das Sprengel Museum in Hannover und begibt sich auf eine ausgedehnte Tour durch europäische, ja sogar weltweite (New York) Filmfestivals, von Budapest über Clermont-Ferrand bis nach Paris. Zuletzt, im November, war es Florenz, unter dem vielsagenden Titel „Lo schermo dell’arte“.

„ Uns mit unserer eigenen Natur zu konfrontieren “, heißt es in einem Kommentar zu dem Kurzfilm. Das liegt natürlich in erster Linie am Anthropomorphismus der Gottesanbeterin, an ihren Haltungen und Verhaltensweisen, die dem Menschen nicht fremd sind. Und dass die Pandemie hinzukam – oft mit Isolation und manchmal mit einer Verschärfung der Aggressivität –, hat den fabelhaften Charakter von „Mad Mieter“ in letzter Zeit nur noch verstärkt.