„Frances Ha“ (2012) von Noah Baumbach ist der Film einer Generation aus der Mittelschicht, die zwischen dem Alltag mit Gelegenheitsjobs und den Jugendträumen, die sie nicht loslassen, hin- und hergerissen ist. Zahlreiche nach wie vor aktuelle soziale und existenzielle Fragen werden darin aufgeworfen, von der Schwierigkeit, langfristig zu lieben, bis hin zu Wohnungsproblemen, prekären Lebensverhältnissen und nächtlichen Ausflügen, die einem das Gefühl geben, noch am Leben zu sein. Ein kollektives Porträt, in dem sich ein Großteil der westlichen Jugend wiedererkannt hat – eine Jugend, die weder ganz zu bemitleiden noch dafür zu verurteilen ist.
Mal verträumt, mal melancholisch, mal schmollend oder schelmisch – und dabei ihre Unreife verschmitzt zur Schau stellend – wird die poetische Figur der Frances Ha von der spritzigen Greta Gerwig verkörpert, der Lebensgefährtin von Noah Baumbach, die aber auch selbst Regisseurin ist (Lady Bird im Jahr 2017 ; „Little Women“ im Jahr 2019) und Muse des New Yorker Mumblecore-Kinos, dem dieser Film zugeordnet werden kann. Innerhalb dieser Bewegung, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstand, sind die Figuren in den Widersprüchen eines bereits weit fortgeschrittenen Zwanzigers festgefahren, mitten in der Übergangsphase zwischen dem Studentenleben, das sie hinter sich lassen müssen, und der schmerzhaften (wirtschaftlichen) Notwendigkeit, ins Berufsleben einzusteigen. Es ist dieser heikle, kritische und instabile Moment, der die Werke dieser Bewegung verbindet – mehr noch als die geringen Budgets, aus denen sie ursprünglich stammen. Schon der Titel „Frances Ha“ ist übrigens eine Anspielung auf frühere Werke dieser Bewegung, indem er zum einen die fröhliche und ausrufende Partikel aus „Funny Ha Ha“ (2002) aufgreift, einem Pionierfilm des Mumblecore, den wir Andrew Bujalski verdanken, und greift zudem die erste Silbe des palindromischen Vornamens auf, den Greta Gerwig in Joe Swanbergs „Hannah Takes the Stairs“ (2007) trug. Das Spiel mit den Anspielungen beschränkt sich übrigens nicht auf das enge Netzwerk der Ostküste, denn eine Laufszene durch die Straßen von New York spielt auf jene Pariser Szene an, in der sich Denis Lavant in „Boy Meets Girl“ (1984) von Leos Carax hervorgetan hat.
Eingehüllt in ein Schwarz-Weiß, in dem sich Nostalgie abzuzeichnen beginnt, bezieht „Frances Ha“ seine emotionale Kraft gerade aus diesem Übergang, diesem Wechsel zwischen Leichtigkeit und Ernst, Trägheit und den kleinlichen Abwägungen, die für das Alter der Vernunft so typisch sind. Inszeniert wird somit eine langsame und schrittweise Verdüsterung, unterbrochen von ebenso plötzlichen wie mitreißenden Lichtblicken. Wenn der Filmemacher zunächst die sehr starken Gefühle betont, die Frances mit ihrer Freundin Sophie (Mickey Sumner) verbinden, dann tut er dies, um anschließend umso deutlicher die Wendungen, die Risse und die Feigheiten aufzuzeigen, die die vermeintliche Solidarität dieser Freundes- und Partnerkreise erschüttern (zu denen auch ein sehr junger Adam Driver gehört). Die Bindungen lösen sich auf, Distanz macht sich breit, die Enttäuschungen nehmen zu, und das Geld dringt überall ein und reißt schließlich alles mit sich. Während das Gefüge der Beziehungen im Verlauf der Erzählung unaufhaltsam zerfällt, bleibt die liebenswerte Beharrlichkeit von Frances Ha, die allein gegen alle steht und einen Tanzworkshop für Kinder leitet. Die abschließende Choreografie, ebenso rührend wie die Theateraufführung, die Abdellatif Kechiches „L’Esquive“ (2003) krönt, zeigt, dass es durchaus möglich ist, diese Welt mit geringen Mitteln wieder zu verzaubern. Und dass diese Möglichkeit letztendlich auf Menschen wie Frances Ha beruht – Menschen, die ständig der Grausamkeit des neoliberalen Systems ausgesetzt sind, die Herz haben und daran arbeiten, ihre Träume zum Leben zu erwecken.
„Frances Ha“ (USA, 2012), Originalfassung mit Untertiteln, 86 Min., wird am Mittwoch, dem 2. März, um 21 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt