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Musik 4 Min. Lesezeit

Minett bekannt machen

Tzeedee

Erschienen in Ausgabe April 2022
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Die Odds Ratio, auch als relativer Risikokoeffizient bezeichnet, ist ein statistisches Maß, das häufig in der Epidemiologie verwendet wird und den Grad der Abhängigkeit zwischen qualitativen Zufallsvariablen angibt. Es ist zugleich der – wie Sie sicher zustimmen werden – recht originelle Name eines Newcomers in der großherzoglichen Rockszene, einer Band aus Veteranen, die früher bei La Fa Connected, Metro und Tiger Fernandez aktiv waren und gerade ihre erste gleichnamige EP veröffentlicht hat. Wenn Sie die luxemburgische Musikszene in den letzten zwei Jahrzehnten ein wenig verfolgt haben, wissen Sie, dass die oben genannten Referenzen dem Indie-Rock im Stil des Südens des Landes zuzuordnen sind, und Odds Ratio reiht sich ganz natürlich in diese Tradition ein. Das Trio (Alain Gouleven, Simone Ramos und David André) lässt Bilder einer Ära aufleben, die nach kleinen, dunklen Clubs, fotokopierten Fanzines, Billigbier aus der Dose (zumindest für die Nicht-Straight-Edge-Bands), handgemachten Single-Cover und einer gewissen selbstbewussten Männlichkeit duftet.

Wer von Post-Hardcore spricht, denkt unweigerlich an Fugazi, die legendäre Band aus Washington, D.C., deren Sänger Ian MacKaye vor über dreißig Jahren das nicht minder legendäre Label Dischord Records gründete – basierend auf einer musikalischen Ästhetik und einer Denkweise, die mittlerweile zeitlos geworden sind. Keine Band dieses Genres kann sich dem Vergleich entziehen, und man findet charakteristische Elemente dieses Sounds (dessen Spektrum breiter ist, als man auf den ersten Blick vermuten würde) in den Kompositionen von Odds Ratio wieder, insbesondere die sehr runden, manchmal fast an Dub erinnernden Basslinien und die ebenso prägnanten wie allgegenwärtigen Gitarren, die doppelt oder sogar dreifach gespielt werden.

Doch die Ästhetik von Odds Ratio beschränkt sich nicht nur auf Post-Hardcore. Das Album besitzt zudem eine gewisse Unmittelbarkeit, die sich in einem ausgeprägten Gespür für Melodien zeigt (insbesondere bei „Faster“, dem Eröffnungsstück, das an Sonic Youth aus der „Daydream Nation“-Zeit erinnert, oder dem überaus eingängigen „My Boy“ mit seinem hüpfenden Bass und den sehr direkten Power-Pop-Gitarren). Auch wenn der allgemeine Klang nach wie vor punkig bleibt, tendiert die Energie stellenweise zu einer für die West-Coast-Szene typischen Pop-Seite (in der Bandbiografie werden Hot Snakes genannt, und tatsächlich sind die Anspielungen auf die Band aus San Diego begründet, insbesondere der scharfe Gitarrensound), und in anderen Momenten auf deutlich düsterere und intensivere Strukturen, die mit Post-Punk vergleichbar sind (vor allem auf dem sehr gelungenen „Berlin“, zweifellos dem originellsten Stück, das die Platte abschließt). Der Gesang von Simone Ramos ist ein weiterer überzeugender Aspekt auf diesen fünf Titeln, mit einer schönen Balance zwischen Kraft und Sensibilität, und man kommt nicht umhin, in der Stimme Anklänge an Cedric Bixler-Zavala (At The Drive-In) zu hören.

Diese EP ist stimmig, kompakt, spannungsgeladen und gut produziert; die Gitarren klingen klar, vielleicht sogar ein bisschen zu klar im Vergleich zu den zuvor erwähnten DIY-Einflüssen. Die Melodien gehen schon beim ersten Hören leicht ins Ohr, die Songstrukturen sind klar und geradlinig und werden von einer kräftigen Rhythmusgruppe getragen. Die Songstrukturen sind manchmal etwas simpel, mit einem Muster aus ruhigen Strophen und mitreißenden Refrains, das sich gelegentlich wiederholt – ein Rezept, das je nach Titel mehr oder weniger gut funktioniert. Auch wenn das verlangsamte Tempo von „You Give Me Fever“ zunächst weniger unmittelbar wirkt, mündet es doch in einen erneut selbstbewussten und ausdrucksstarken Refrain, der nach Punk in Shorts am Ufer des Pazifiks duftet.

Kurz gesagt: Abgesehen von einigen – sicherlich subjektiven – Details (das eindringliche „Sweetheart“ überzeugt uns weniger, zumindest in einer Auswahl von fünf Titeln) ist es ein gelungenes und vielversprechendes Album. Doch was ist mit dem, was man nicht hört – mit fehlenden Experimenten oder originellen Elementen? Im Zeitalter von Crossovers, Mischungen aller Art und Kollaborationen: Worin liegt der Mehrwert einer Platte, die zweifellos sehr gut gemacht ist, aber relativ fest in der Geschichte verankert bleibt? Die Frage wird damit eher philosophisch als musikalisch: Soll man sich an die etablierten Konventionen halten oder seinen eigenen Weg gehen? Auf dieser ersten EP zeigt Odds Ratio, dass sie eine kodifizierte und geschätzte Musikrichtung kennen, respektieren und ihr relativ treu bleiben. Gibt es in diesem Rahmen Raum für eine kleine Wendung, vielleicht in zukünftigen Stücken oder bei Live-Auftritten? Zweifellos wird man die Band in naher Zukunft auf lokalen Bühnen wiederfinden, um dies mit Freude und einem Bier in der Hand zu überprüfen.