Pablo ist ein Wichser! Im übertragenen Sinne, aber auch und vor allem im wörtlichen Sinne. Obwohl er schon über dreißig ist, sieht er mit seiner fettigen Haut, seinen halblangen, zerzausten Haaren und seinem kleinen, gerade erst wachsenden Schnurrbart über der Oberlippe immer noch aus wie ein Teenager. Sein Kleidungsstil passt übrigens perfekt zu seinem ungepflegten Auftreten: zerrissene und am Saum abgenutzte Jeans, Converse, T-Shirt mit Rundhalsausschnitt… Schließlich spielt der Stil keine Rolle, wenn man Besitzer eines Sexshops in der Nachbarschaft ist, dessen Wände Risse aufweisen und dessen Schaufenster alles andere als makellos sind.
Sein Leben beschränkt sich auf seinen kleinen Sexshop, sein winziges Backoffice und sein klitzekleines Studio, in dem ein Futon, ein Couchtisch und ein paar Bücher die einzige Einrichtung und Dekoration darstellen. Ein Bohemien-Leben, ohne Geld, ohne Bindungen, ohne Verpflichtungen. Er hat weder eine Frau noch eine Freundin noch Kumpels … Trotz all der Gadgets, die ihm zur Verfügung stehen, beschränken sich seine intimen Beziehungen auf seine Fantasien mit Gudrun, einer blonden Kriegerin mit üppigen Formen, die nur einen ganz winzigen, winzigen Pelzbikini trägt, den er einst mit Paintbrush entworfen hat. Um sie erscheinen zu lassen, gibt es nur eine Lösung: Selbstbefriedigung. Und selbst das gelingt Pablo in letzter Zeit nicht einmal mehr, sein kleines einsames Geschäft zu Ende zu bringen. Es läuft wirklich gar nichts mehr rund.
Seine Eltern wohnen weit weg, und Pablo belügt sie schon seit jeher: Sie glauben, er sei Bibliothekar! Da seine Kunden immer wieder sagen, dass sie „im Internet viel Besseres finden“, häufen sich die Schulden, und seine „Sex Quest“ beschränkt sich darauf, dass er die stattliche Summe von 45.769 Euro an Mietrückständen schuldet. Er hat keine Wahl: Er muss seine „Buchhandlung“ schließen, all seine Sachen in ein paar Kartons packen und zu seinen Eltern zurückkehren.
Dort trifft er Émile wieder, seinen besten Kumpel aus der Schulzeit, seine stets besorgte Mutter, seinen schweigsamen Vater und sein Jugendzimmer. Vor seiner Rückkehr haben seine Eltern alles wieder an seinen Platz geräumt: seine Metallica-Schallplatten, seine „Galaxie“-Sammlung, seine Crados-Karten, seinen alten PC. „Ich habe das Gefühl, eine Zeitreise gemacht zu haben“, sagt er zu seiner Mutter, halb fasziniert, halb deprimiert. „Was für ein Absturz … Ich bin buchstäblich wieder am Ausgangspunkt angelangt. Jetzt fehlt mir nur noch die Akne“, sagt er sich, als er allein in seinem Zimmer ist. Und da, wie durch ein Wunder, nimmt seine Beziehung zu Gudrun wieder Fahrt auf. „Hier habe ich dich erschaffen, da ist es doch logisch, dass ich dich hier wiederfinde“, wird er sich noch sagen.
Und dann, direkt nach einer weiteren Runde „Pipi-Spiele“, kommt ihm eine geniale Idee. Er will ein neues Geschäft aufziehen, einen „Wichsraum“. In einem unauffälligen Schuppen lässt er für wohlhabende Privatpersonen den Alltag ihrer Jugendfantasien wiederaufleben.
Ein kleines Start-up, das dank der wunderschönen Kulissen von Émile – ergänzt durch die Requisiten, die Marcella zur Verfügung stellt – schnell zum Marktführer im Bereich „Luxus-Handjob“ aufsteigen wird. einer unternehmungslustigen Trödelhändlerin, deren Aussehen durchaus einige Ähnlichkeiten mit dem von Gudrun aufweist.
Ob ein altes Studentenzimmer mit Postern der Chicago Bulls oder der Spice Girls, ein alter Renault 5 mit Plüsch am Lenkrad, ein Fitnessstudio mit großen Spiegeln, eine Sesselbahn vor Bergkulisse, ein Büro während eines Wahlkampfs oder auch eine kleine Hütte ganz hinten im Garten … nichts ist APM zu schön. Vorausgesetzt, der Kunde – oder auch die Kundin – kann sich das leisten!
Man versteht nicht so recht, wie Pablo die finanziellen Mittel für dieses neue berufliche Projekt aufbringen konnte, aber das spielt keine Rolle. Die Geschichte – deren Ausgangspunkt ein wenig an den Film „La Belle époque“ von Nicolas Bedos erinnert – ist überaus sympathisch und spritzig. Frech, gewiss, sogar anzüglich, ohne jedoch in Vulgarität zu verfallen. Denn letztendlich bieten die drei Autoren vor allem eine romantische Komödie: Joseph Safieddine („Yallah Bye“, „L’Enragé du ciel“), Thomas Cadène („Les Autres Gens“, „Alt-Life“) und Pierre Thyss („Traducteurs afghans – Une trahison française“), eine Liebesgeschichte mit Initiationscharakter, die ein Happy End nimmt. Letztendlich fasst Pablos Sexshop wunderbar den Weg dieses impotenten Jungfrauen zusammen, der schließlich die wahre Liebe finden und den Sex zu zweit entdecken wird!
Schuljungenhumor und Spott ziehen sich durch alle 160 Seiten des Albums: im Drehbuch, in den Dialogen, aber auch in den Zeichnungen. Die liebenswerten Figuren mit ihren rundlichen Formen sind unvollkommen, manchmal unecht, ein wenig tollpatschig, aber so menschlich, dass man sich in ihrer Gegenwart einfach wohlfühlt, selbst in den intimsten Momenten. So lässt man sich von dieser etwas verrückten Geschichte mitreißen, die eine lustige und selbstbewusste Sexualität propagiert, sei es allein oder zu mehreren. Man lässt sich auch von diesen witzigen Zeichnungen und den schillernden Farben mitreißen. So sehr, dass man, sobald man den Band zuklappt, schnell wieder Lust hat, ihn in die Hand zu nehmen … mit beiden Händen!
„À pleines mains“ von Safieddine Joseph, Cadène Thomas
und Pierre Thyss. Dargaud.