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Musik 4 Min. Lesezeit

Postkarte

Echter’Jazz-Festival

Erschienen in Ausgabe März 2023
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An diesem Donnerstagabend, dem 23. Februar, ist die Innenstadt von Echternach fast menschenleer. Es herrscht eine Atmosphäre der Ruhe vor dem Sturm. Man begegnet dort lediglich einer kleinen Gruppe englischsprachiger Besucher, die den Ort gerade zu entdecken und zu genießen scheinen. Unter ihnen ist Larry Goldings, der geniale amerikanische Jazzmusiker, der sich mitten auf Europatournee befindet und für einen Abend im Großherzogtum Halt macht. Mit seinem Trio hat er bereits Konzerte in Schweden, Norwegen, Italien, Österreich und Deutschland gegeben. In weniger als zwei Stunden wird er im Trifolion auftreten. Die bereits anwesenden Zuschauer ahnen noch nichts von dem bevorstehenden Wirbelwind. Maxime Bender, eine Größe der lokalen Jazzszene und Leiter des Kulturzentrums, eröffnet die dritte Ausgabe des Echter’Jazz-Festivals. Das Kulturzentrum beherbergt das jüngste Sprössling der Jazzfestivals des Landes. Das Programm ist ambitioniert und bunt gemischt und verbindet gekonnt ausländische und einheimische Formationen.

Genau genommen wurde der Truppe von Stefano Agostini die schwere Aufgabe übertragen, die Feierlichkeiten zu eröffnen. Der Kontrabassist und Komponist präsentiert sein Projekt „Point Cloud Echo“, das aus einem Künstleraufenthalt in Opderschmelz hervorgegangen ist und das er bereits im vergangenen Mai beim Festival „Like a Jazz Machine“ vorgestellt hatte, woran man sich jedoch kaum noch erinnern konnte. Er wird jedoch von einer beeindruckenden Riege von Musikern begleitet: Steven Delannoye am Tenorsaxophon und an der Bassklarinette, Thomas Decock an der E-Gitarre, Pit Dahm am Schlagzeug, Alex Koo am Klavier und Jérôme Klein am Vibraphon (der als Ersatz für seinen Kollegen Pol Belardi eingesprungen ist). Die ersten Töne am Klavier sind bewusst falsch, und es fehlt der Einklang. Dann folgen zweifelnde Mienen, die jedoch in zustimmende Blicke übergehen, sobald die Band ihren Rhythmus findet und an Schwung gewinnt. Der Kontrabass liegt auf dem Boden, Agostini hat die Nase an seinen Geräten. Klangverzerrungen und andere überflüssige Knackgeräusche begleiten die Zurückhaltung und die Höhenflüge des Pianisten, der einen fehlerfreien Auftritt hinlegt. Als ein Fehlkontakt anhält, fragt ein Zuschauer in der zweiten Reihe seinen Nachbarn: „Ist das absichtlich so?“ Die Truppe zeigt sich verspielt, als die Künstler für eine überflüssige Einlage die Instrumente wechseln. Ein Chorgesang bildet den Abschluss der Vorstellung. Eine Zugabe gibt es nicht.

Als Nächstes treten die Headliner auf: Larry Goldings, Peter Bernstein und Bill Stewart. Das Trio, das von den meisten Fachzeitschriften zu Recht hochgelobt wird, macht es sich gemütlich, bevor es eine makellose Darbietung hinlegt. Goldings an der Hammondorgel meistert die offensichtlichen technischen Probleme mit Bravour. Zwischen zwei Stücken scheint er um Hilfe zu bitten, die jedoch ausbleibt. Das macht nichts, er bastelt kurz an seinem Keyboard herum und tut so, als wäre nichts gewesen. Das nenne ich Klasse. Bernstein an der Gitarre und Stewart am Schlagzeug sind durch und durch Profis. Das Trio reiht Coverversionen von Standards von Burt Bacharach (einer Koryphäe, die Anfang letzten Monats verstorben ist), Antonio Carlos Jobim oder auch Hank Mobley aneinander. Larry Goldings, der sich am Mikrofon genauso wohlfühlt wie hinter seinem Keyboard, erzählt von seiner Radtour, die er wenige Stunden zuvor unternommen hat. Er schwärmt von Echternach und seinem Postkartenflair. Die Stimmung ist ausgelassen. Es gibt eine Zugabe. Das begeisterte Publikum fordert noch eine, doch das Trio kehrt nicht zurück. Es hat seinen Teil des Vertrags erfüllt.

Am nächsten Tag wird das Publikum mit einem explosiven Cocktail von Village Zone konfrontiert – das heißt: Georg Ruby am Klavier, Stephan Goldbach am Kontrabass und Daniel Weber am Schlagzeug. Die Band beginnt mit einer verblüffenden Coverversion von „St. Tropez Twist“ von Peppino di Capri – ein altmodischer italienischer Twist, der in modernen Jazz verwandelt wurde und nach Nonkonformismus duftet. Das Trio präsentiert im Großen und Ganzen die Stücke ihres Projekts „Saluti A Peppino“. Die Jungs legen richtig los. Sie nehmen sich selbst nicht ernst, und gleichzeitig ist ihre Musik ehrlich gesagt schwer zugänglich, ganz wie die Noten des Pianisten: in großer Schrift, voller bunter Anmerkungen und für den Normalsterblichen nicht zu entziffern. Zu ihnen gesellt sich Sascha Ley, deren Anwesenheit nur Gutes verheißen kann. Sie brilliert bei einer Neuinterpretation von „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“. Auch hier handelt es sich um ein altes Volkslied, das von der Truppe neu belebt wurde. Anschließend rührt sie das Publikum mit einer Adaption von Michel Legrands „What are you doing the rest of your life“. Das Festival geht am nächsten Tag weiter, offenbar mit Erfolg. Das Kulturzentrum Trifolion muss sich vor seinen Pendants nicht verstecken. Der Jazz in all seinen Formen hat eine neue Heimat gefunden.