Kaum ist der Stift, mit dem der Vertrag unterzeichnet wurde, weggeräumt, schon verstößt die CSV gegen die Verhaltensregeln, die in der Vereinbarung im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen festgelegt werden sollten. Der Grund : ein Facebook-Beitrag, der an den Kalten Krieg und den Kulturkampf einer Ära erinnert, von der man hoffte, sie sei vorbei. Die Christsozialen, weniger sozial und christlicher denn je, stellen darin eine typische Familie von hier dar – weiß und blond, wie sie unsere „woke“-Gesellschaft nicht mehr zu zeigen wagt. Man ahnt, dass die Eltern eher verheiratet als in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, vorzugsweise vor „Eiser Här“. Bei diesen Leuten, mein Herr, protestiert man gegen das Zusammenleben ohne Trauschein und demonstriert für die von Gott gesegnete und vom Glück erfüllte Ehe. Der Bruder, die Schwester und Elternteil 2 – Verzeihung, die Mutter – heißen Elternteil 1 – Verzeihung, den Vater – willkommen, von dem man vermutet, dass er gerade von seiner Arbeit als dynamischer junger Beamter zurückgekehrt ist. Die Kleinen strahlen vor Gesundheit, da sie ganz bei ihrer Mutter aufwachsen, fernab von Kindertagesstätten und anderen Krippen, die von den säkularen Totengräbern der Familie erfunden wurden. Man spürt dieses Zuhause, dieses wahre „Heim“, das sich wenig um die Wohnungskrise, die steigenden Lebenshaltungskosten, die Klimakrise oder die grammatikalischen Diskussionen rund um das Geschlecht schert. Diese irdischen Güter sind durch die Gaben des Himmels gesegnet und geben so dem berühmten Ausruf von Gide eine neue Bedeutung: „Familie, ich liebe euch! Geschlossene Heime, verschlossene Türen, eifersüchtig gehütetes Glück.“
Doch schon lauert das Unglück ! Bei genauerem Hinsehen bemerkt der aufmerksame Kliniker, dass sich diese Handvoll Luxemburger eng aneinander drängen, als würden sie sich gegen eine heimtückische Bedrohung, eine hinterhältige Gefahr, wappnen, die der Plakattext mit Nachdruck anprangert: Die Vernichtung des weißen Clans wird von den Sozialisten ausgehen, die, wie uns das Plakat verrät, „Erbschaftssteier“ einführen werden – und obendrein „a manner wéi engem Joer“. „Scheiße doch!“, ruft der böse Asselborn mit einem Messer zwischen den Zähnen, als König Ubu ihm antwortet: „Houre Schräiss“.
Spaß beiseite, dieser Beitrag ist gefährlich. Denn erstens er suggeriert, dass der von Eric Zemmour so hochgeschätzte „Große Austausch“ bereits im Gange ist: Die weiße, christliche Familie wird von der Linken bedroht, die die einst von André Gide angeprangerten „eifersüchtigen Besitztümer“ besteuern würde. Sie werde durch Patchwork-Familien aller Hautfarben, aller Religionen oder gar des Atheismus ersetzt, die durch das Trojanische Pferd einer Steuer willkommen geheißen würden, welche die Sprösslinge des Kapitals ihrer Eltern berauben würde. Die Identität der Familie selbst würde dadurch in Stücke zerbrechen. Arme Familien, deren Identität sich auf das Bankkonto beschränkt! Das ikonische Messer zwischen den Zähnen des Kommunisten des letzten Jahrhunderts verwandelt sich heute in eine Erbschaftssteuer. Und um im Vokabular des letzten Jahrhunderts zu bleiben: Die CSV scheint die Wahl tatsächlich für eine „Falle für Dummköpfe“ zu halten. Hat sie so wenig Achtung vor ihren Wählern, dass sie glaubt, diese mit irreführender Werbung und Fake-News täuschen zu können – Methoden, die Donald Trump so am Herzen liegen und deren sie sich ohne Scheu bedient, und wer weiß, vielleicht bald auch dessen „ Ideen “&? Denn schließlich gibt es die Erbschaftssteuer schon seit Ewigkeiten, und meines Wissens haben die Spitzenpolitiker der CSV sie nie in Frage gestellt. Worüber einige Sozialisten, die meisten linken Parteien und sogar Frank Engel, der ehemalige Chef der Christsozialen, mittlerweile laut nachdenken, ist die Besteuerung bei direkter Übertragung, also jene, die ausschließlich die Kinder eines Paares betrifft. Und so viel zum sozialen Zusammenhalt und zum „Zusammenleben“ – ein Begriff, den ein Gastbeitrag im „Wort“ kürzlich als Schimpfwort darzustellen versuchte. Es stimmt zwar, dass sich das Wählerreservoir der CSV mittlerweile auf das Brackwasser des (weit) rechts von ihr gelegenen Sumpfes beschränkt. Und um dieses Publikum für sich zu gewinnen, muss die Partei mit dem „C“ wohl ein wenig unaufrichtig sein.