BREAKING NEWS Lancement du nouveau site internet du Land S'abonner →
Gesellschaft 4 Min. Lesezeit

Die 1.000 Augen von Doktor J’abuse

Die sogenannten „Yvan-Beschwerden“

Erschienen in Ausgabe September 2023
Artikel teilen auf

Punkt, Punkt, Komma und Strich,

Das Gesicht hat seinen Reiz.

Mit diesem Refrain haben wir als Kinder das Zeichnen gelernt. Am Vorabend der Wahlen wollen die Politiker ihre Pläne verwirklichen, indem sie auf die Anziehungskraft der 1.000 Augen von Doktor J’abuse setzen, die den Passanten beobachten, so wie es die Überwachungskameras tun, die überall im öffentlichen Raum installiert sind. Diese Gesichter wollen der große Bruder und die kleine Schwester sein, die uns liebevoll beobachten – nicht, um uns zu überwachen, sondern um uns eine Zukunft zu versprechen, die singen wird, die zwangsläufig singen wird, vorausgesetzt natürlich, wir natürlich für die richtige Fresse stimmen, die uns Gutes will, und nicht für den bösen Blick, den uns die Gegenseite zuwirft. Der Bürgersteig ist zum Rotlichtviertel geworden, in dem diese Prostituierten für ihr Fleisch werben, wobei sie natürlich auch die sozialen Netzwerke nicht verschonen. Seit einigen Wochen wird Ihr Diener nämlich auf seinem Facebook-Account von einer Schar von Leuten umworben, die er nicht von Eva und Adam kennt, um ihm ihre Freundschaft anzubieten. Obwohl sein Ego geschmeichelt war, musste er seinen Stolz herunterschlucken, als ihm (endlich) klar wurde, dass der 8. Oktober näher rückt. Und dass diese netten Gesichter sich nicht gescheut haben, dasselbe Bild zu verwenden, das wie Unkraut an jeder Straßenecke wächst. Es stimmt zwar, dass das „Panachieren“ eine der wenigen Nationalsportarten ist, in denen Luxemburg glänzt, und dass diese unbeschreibliche Praxis dazu führt, dass eher für Gesichter als für Köpfe, eher für Slogans als für Ideen gestimmt wird. Nicht umsonst heißen einige dieser Plakate „Hohlkammerplakate“, wobei die Hohlkammer, die den Raum zwischen Vorder- und Rückseite trennt, unglücklicherweise an die geistige Leere erinnert, die der Scanner bei Demenzkranken feststellt.

Aber wir sollten uns davor hüten, in Populismus zu verfallen und den Kandidaten mit dem Wein zu verwerfen, den er in diesen Wahlkampfzeiten gierig hinunterschlingt. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass das Wort „Kandidat“ bis in die lateinische Antike zurückreicht, als die Wahlkämpfer eine candida, also weiße Toga trugen, die ihre Unschuld und Rechtschaffenheit symbolisierte. Lasst uns also jene begrüßen, die hinter dieser scheinbaren Demagogie nicht nur ihr Gesicht zeigen, sondern auch einen beeindruckenden Mut an den Tag legen. Und lesen wir neben der ungeschickten Wahlprosa noch einmal den Philosophen Emmanuel Levinas, der das „Estre“ – das seinem Meister Heidegger so am Herzen lag – durch das „Andere“ ersetzt hat, dieses große Andere, wie Lacan sagen würde, das die Politiker heute ansprechen. Denn hinter dem Werben lässt sich manchmal auch ein Aufruf erkennen. Eine Einladung, anders zu denken und zu entscheiden, ein Versprechen der Solidarität. Dieser Aufruf erfolgt in diesen Tagen des Wahlkampfs durch das Gesicht. Die Theoretiker der Form, der Gestalt, haben gezeigt, dass das Gesicht mehr ist als die bloße Summe der Gesichtselemente. Die wahre Begegnung zwischen zwei menschlichen Subjekten vollzieht sich über das Gesicht, sagt Levinas, der französisch-litauische Philosoph und Überlebende der Shoah. Diese Begegnung ist jedoch jedes Mal ein Abenteuer, das nicht ohne Risiken ist – banal-wahlpolitischer Art in der Politik, aber auch edel-existentieller Art im Leben. Die Unverhülltheit des dem anderen zugewandten Gesichts ist das Zeichen der grundlegendsten Verletzlichkeit des Menschen, fügt Levinas hinzu. Das Gesicht, das der Kandidat zeigt, ist also nicht nur die Gesichtszüge, sondern manchmal auch die Wange (links für die einen, rechts für die anderen), die Kandidatinnen und Kandidaten dem anderen entgegenstrecken – im metaphorischen und nicht im christlichen Sinne des Wortes. Man kann diese Wange ohrfeigen oder im Gegenteil streicheln, ihr die Stimme geben oder verweigern. Das luxemburgische Wahlgesetz verpflichtet passive Wähler und aktive Wählerinnen dazu, sich dieser Begegnung, aus der sich ihre Verantwortung ergibt, nicht entziehen zu können. In der Politik nennt man das Moral. Und jenseits der Wahlmetapher beginnt die Ethik. Einem guten Wähler sei Heil !

Ceterum censeo: Die Stimmenaufteilung bei Wahlen ist das, was der „Panaché“ für das Bier ist: ein „Weder-noch“, ein Geschmacksvergehen! Permixtionem delenda est! (in Zusammenarbeit mit Ian)