Was letztes Jahr, als der Milliardär Elon Musk Twitter aufgekauft hatte, noch eine vage Vorahnung war, hat sich nun zur Gewissheit verdichtet: Das soziale Netzwerk, das sich seit seiner Gründung im Jahr 2006 einen beneidenswerten Platz als weltweit recht zuverlässige Plattform für den Austausch von Informationen und Meinungen aller Art erobert hatte, ist zu einem problematischen Ort geworden, an dem Aggressivität und Giftigkeit grassieren. Seine relative, aber dennoch wertvolle Zuverlässigkeit hatte Twitter – das dank seines trollartigen Eigentümers nun X heißt – der mühevollen Arbeit von Sicherheits- und Moderationsteams zu verdanken, die Musk eilig entließ, sobald er das Unternehmen in die Hände bekommen hatte. Eine alarmierende Entwicklung für Journalisten, von denen viele dieses Netzwerk als Stützpunkt gewählt hatten, aber auch für Klimaforscher, von denen viele es genutzt hatten, um über ihre Forschungen und ihre Sorgen zu berichten: Twitter konnte sich rühmen, das bevorzugte Forum für alle zu sein, die sich für die Klimakrise interessieren und sich darüber informieren oder darüber diskutieren möchten.
Nachdem die Moderatoren das Feld geräumt hatten, konnten sich Trolle aller Art nach Herzenslust austoben, ohne befürchten zu müssen, gefiltert oder gesperrt zu werden. Es überrascht nicht, dass sie – ganz im Sinne von Musk, einem Libertären, der sich als Verfechter der absoluten Meinungsfreiheit versteht – diejenigen mit Beschimpfungen und Unwahrheiten bombardieren konnten, die geduldig versuchten, eine fundierte Diskussion über die brisanten wissenschaftlichen und politischen Themen unserer Zeit zu führen. Gleichzeitig haben sich Leugner, russische Propaganda, Covid-Skeptiker und „Anti-Woke“-Gruppen auf X ohne größere Hindernisse breitgemacht.
Die Klimaforscherin Katharine Hayhoe, die in den sozialen Netzwerken sehr aktiv ist, stellte fest, dass ein und derselbe Tweet, der vor und nach der Übernahme des Netzwerks durch Musk veröffentlicht wurde, fünfzehn- bis dreißigmal mehr feindselige Antworten von Trollen oder Bots hervorrief. Nach Angaben der in London ansässigen Organisation „Center for Countering Digital Hate“ (CCDH) führte die Übernahme des sozialen Netzwerks zu einem Anstieg der Beleidigungen um 202 Prozent, zu mindestens einer Verdopplung der Tweets, in denen LGBTQ+-Personen mit sexuellem Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht wurden, sowie zu einer Zunahme von Inhalten und Konten, die den Klimawandel leugnen. Anstatt inhaltlich zu antworten, reichte Musk Klage gegen das CCDH ein und warf der Organisation vor, Zensur zu befürworten und Inhalte seiner Plattform missbräuchlich extrahiert zu haben, um sie zu analysieren.
Die Beteiligung des saudischen Geschäftsmanns Prinz Al-Walid Bin Talal – der bereits zuvor ein bedeutender Anteilseigner war – an der Finanzierungsrunde, die es Musk ermöglichte, seine turbulente Übernahme von Twitter abzuschließen, ist ein eindrucksvolles Beispiel für den Niedergang der Plattform. Zwar investiert Al-Walid zwar vor allem in Technologie und Finanzen, doch seine Familie verkörpert die Petrokrratie par excellence, während das wahhabitische Königreich systematisch auf die Überwachung sozialer Netzwerke setzt, um seinen Einfluss auf die Gesellschaft zu festigen. Um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten, braucht das Öl Hass, Lügen und Kontrolle.