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Kino 5 Min. Lesezeit

Familienchronik

Zwischen Ironie und Nostalgie – „La Cache“ von Lionel Baier tut einfach gut

Erschienen in Ausgabe Februar 2026
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Alle Generationen unter einem Dach © Red Lion

Nach den hervorragenden Filmen „La Vanité“ und „La Dérive des continents (au sud)“ präsentiert der Schweizer Filmemacher Lionel Baier nun „La Cache“, eine Verfilmung des Debütromans von Christophe Boltanski – eine warmherzige, tragikomische Autobiografie, die eine Pariser Familie im Frankreich der späten 1960er Jahre in den Mittelpunkt stellt. Ein witziger, fröhlicher und aufschlussreicher Film über unsere Zeit, der sich seinen Platz im Wettbewerb der letzten Berlinale sowie seine drei Nominierungen für den Lëtzebuerger Filmpräis 2025 redlich verdient hat.

„La Cache“, der letzte Film des großen Michel Blanc, der am 3. Oktober 2024 verstarb, während der Film noch auf dem Schneidetisch lag, kam im März 2025 in Frankreich in die Kinos und fand dort ein gewisses Publikum. Die Geschichte, erzählt von Christophe (Boltanski, der sich selbst spielt), einem neunjährigen Jungen, spielt während der Ereignisse im Mai und Juni 1968. Im Herzen einer bürgerlichen Pariser Wohnung wartet eine Familie, die mehrere Generationen umfasst, geduldig ab. Während draußen die französische Jugend den Lauf der Geschichte verändert, entdeckt die Familie ein geheimnisvolles Versteck wieder, das ihr Urgroßvater während des Krieges genutzt hatte. Da kommen natürlich einige Geheimnisse ans Licht.

Der Film beleuchtet auf humorvolle und einfühlsame Weise einen Lebensabschnitt dieser Intellektuellenfamilie (aus der der bildende Künstler Christian Boltanski, der Soziologe Luc Boltanski, der Linguist Jean-Élie Boltanski und der Autor Christophe Boltanski hervorgegangen sind). Während wir durch die Räume der Wohnung und den Innenhof des ursprünglichen Werks wandern, beobachten wir, wie sich die familiäre Verbundenheit entfaltet und zum Ausdruck kommt. Aus der Perspektive des Kindes sind die familiären Bindungen tief und wunderschön. Gerade dieser familiäre Ton macht den Film zu einem fröhlichen Werk, das durch eine kreative Inszenierung und bemerkenswerte schauspielerische Leistungen besticht. Man glaubt von Anfang bis Ende daran und würde diese Menschen, die dem Idealbild der 68er entsprechen und daran erinnern, dass soziale Kämpfe einst erfolgreich sein konnten, gerne an einer Pariser Straßenecke treffen.

Zudem besticht die Besetzung, die an die Familie Tenenbaum erinnert, von der Großmutter (Dominique Reymond, perfekt im Sarkasmus) über den Großvater (Michel Blanc, voller Zärtlichkeit) bis hin zum General de Gaulle (gespielt von Gilles Privat) und Großonkel (William Lebghil), kleinen Onkel (Aurélien Gabrielli), die Großmutter (Liliane Rovère, die diese Art von Rolle seit „Dix pour cent“ mit Anmut verkörpert), Mama und Papa (Larisa Faber und Adrien Barazzone, zurückhaltend, aber sehr treffend) bis hin zum Jungen (gespielt von Ethan Chimienti, der für diesen ersten Leinwandauftritt, der vielversprechend ist, für den Filmpreis nominiert wurde) – „La Cache“ schildert die Boltanski’sche Fabel mit großer Finesse. Der Roman fiel ihm durch den französischen Verleiher seines Films „La vanité“ in die Hände. Zwar war er skeptisch gegenüber der Verfilmung eines Buches, das ein Jahrhundert der Geschichte des Hauses erzählt, doch sah er dennoch Gemeinsamkeiten mit seiner eigenen Familie. Dies ermöglicht es ihm, „über die Shoah zu sprechen, ohne einen historischen Film drehen zu müssen“, erklärt Lionel Baier gegenüber CinEuropa.

Der Regisseur verortet seinen Film also im Jahr 1968, einem Jahr, das keiner Routine unterliegt und dennoch in der Kunst im Allgemeinen ein Gemeinplatz ist. Die kontextuelle Realität wird nach filmischer Logik erzählt, und die Erinnerung des Kindes bleibt hauptsächlich auf die Wohnung und deren Verlängerungen – den Hof und das Auto der Großmutter – beschränkt. Diese Wohnung spielt eine zentrale Rolle; sie ist die x-te Figur in diesem fast ausschließlich hinter verschlossenen Türen spielenden Film. Diese magischen Kulissen verleihen dem Ganzen eine greifbare Realität, wenn uns die inszenatorische Herangehensweise fast ins Fantastische entführt – nicht aus Modegründen, sondern aus dramaturgischer Notwendigkeit. Die mit Erinnerungen, Relikten, familiären Entfremdungen und Slogans dieser Revolution auf den Straßen – deren Echos aus dem Badezimmer hallen – ist der Schauplatz des Märchens, das aus der Perspektive des Kindes jenes wundersame Reich darstellt, das es zu Papier zu bringen, in ein Buch oder auf Film zu bannen gilt.

Genau das ist mit „La Cache“ gelungen – dem Buch und dem Film, die zwischen Realität und Fiktion oszillieren, wo De Gaulle auf die skurrilen Einfälle des Schweizer Filmemachers trifft, ohne dabei in kitschige Gags zu verfallen, sondern mit einer schriftstellerischen Finesse, die dem Autor gerecht wird. Auch hier prallen die Ängste des Autors aufeinander – die eines Mannes, der in den sechziger Jahren als Jude aufgewachsen ist. Die mit tiefer Zärtlichkeit vorgetragenen Worte aus dem Off sind in der Tat so eindringliche Geständnisse, dass sie uns aus dem Film herausreißen und in sehr hitzige Debatten versetzen… Doch jedes Mal hält uns ein Schritt, eine Geste, ein Bild, eine Sequenz im Spielfilm fest, damit wir nicht in das Drama und die Tränen versinken, die mit der Erinnerung an ein großes „M“ einhergehen können.

Als Koproduktion zwischen der Schweiz, Luxemburg (Red Lion, Vincent Quénault und Jeanne Geiben) und Frankreich ist „La Cache“ ein weiteres Beispiel für die erfolgreiche grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Filmbereich und für die Bedeutung der luxemburgischen Filmindustrie in der europäischen Filmlandschaft. Mit einem Gesamtbudget von 5,63 Millionen Euro, das vom Film Fund Luxembourg mit 1,5 Millionen Euro gefördert wurde, gilt Luxemburg in diesem Bereich als Vorzeigeland. Und das hat nicht nur finanziellen Wert. Der Film hat es zahlreichen Technikern und Schauspielern des Landes ermöglicht, zu arbeiten und sich zu entfalten.

Insbesondere ist die gewaltige Arbeit des Kulissenteams des Films unter der Leitung von Véronique Sacrez in den Filmland-Studios in Luxemburg zu würdigen, das die Wohnung der Familie komplett nachgebaut hat, bis hin zum Innenhof, der zu dieser berühmten Einfahrt führt, der sowohl im Buch als auch in dem ihm treu bleibenden Film einen so symbolträchtigen Zugang nach draußen darstellt. Die filmischen Elemente verschönern die Familienchronik und tragen hier gemeinsam zum Erfolg dieses Films mit seiner farbenfrohen Ästhetik bei, die ihn zugleich schön, faszinierend und voller Nostalgie macht. Ein filmisches Werk, in dem Ironie die Schwere der geschilderten Ereignisse auflöst. Die Shoah als Trauma, der Mai ’68 als Hintergrund: „La Cache“ lässt die Geschichte Frankreichs und das Privatleben einer Familie aus dem „Land der Menschenrechte“ ineinanderfließen. Eine Reflexion, die einen Blick darauf wirft, was aus diesem Land geworden ist und was es in Zukunft werden wird…