Zwölf Werke aus der Sammlung des Mudam verlassen die Lagerräume des Museums, um durch alle zwölf Kantone Luxemburgs zu reisen und die zeitgenössische Kunst in die Herzen der Regionen zu tragen. Von Wiltz bis Echternach, von Clervaux bis Remerschen finden die Werke in Schlössern, Kirchen, ehemaligen Industriestandorten oder Mediatheken ihren Platz und offenbaren dabei je nach dem Geist des Ortes jedes Mal eine neue Facette.
Jedes Werk wird von einer speziell auf seinen Ausstellungsort abgestimmten Veranstaltung begleitet: Performance, Konzert, Lesung, Spaziergang oder Workshop. Diese sind keineswegs bloße Unterhaltungsangebote, sondern bilden eine Erweiterung der Werke und eröffnen einen Einblick in den lokalen Kontext. So wird beispielsweise am 1. August in der Kirche Saint-Laurent in Diekirch die Skulptur „Vertigen de la Vida“ von Su-Mei Tse durch die Improvisationen von Charel Breisch an Orgel und Klavier zum Klingen gebracht. An anderen Orten bietet der Rundgang zudem die Möglichkeit, einzigartigere Orte zu entdecken, wie beispielsweise das Werk von On Kawara im Schiefermuseum in Haut-Martelange.
Dodeka begnügt sich nicht damit, Werke auszustellen: Sie lädt dazu ein, Luxemburg auf eine andere Art und Weise zu durchqueren und das, was bereits existiert, mit neuem Blick zu betrachten. Dieser Ansatz knüpft an Lucy Lippards Überlegungen zur ortsbezogenen Kunst an. In The Lure of the Local schreibt sie: „Eine Landschaft im geografischen Sinne zu lesen bedeutet, ihre Geschichte in Landformen und gebauten Strukturen zu lesen, hinter denen die Geschichten der Menschen liegen, die diese Geschichte geschrieben haben.“
Genau das bietet Dodeka: die Werke vor dem Hintergrund der geschichtlichen Schichten der Orte zu betrachten, an denen sie stehen. Ein gutes Beispiel dafür ist der von Frank Rockenbrod geführte Spaziergang auf dem Schumannseck-Weg in Wiltz, wo man die Spuren der blutigsten Kämpfe der Ardennenoffensive von 1944 bis 1945 sehen kann. Mit Dodeka tritt die zeitgenössische Kunst in einen Dialog mit dem luxemburgischen Kulturerbe – im Rahmen von Performances, Konzerten und Begegnungen, die speziell für jeden Ort konzipiert wurden.
Der Ort wird zum aktiven Schauplatz, auf dem sich das Werk entfaltet. Schließlich bekräftigt bereits der Untertitel des Projekts, „12 Werke für 12 Kantone“, diese grundlegende Verbindung zum Territorium. Man muss das Mudam nicht kennen, um ein Werk von Sin Wai Kin oder Etel Adnan zu entdecken oder einer Performance von He Sun im Nationalen Literaturzentrum in Mersch beizuwohnen.
Lucy Lippard betonte zudem, dass die Kunst, die einem lokalen Kontext am besten gerecht wird, oft jene ist, die nicht versucht, den Ort zu dominieren, sondern durch diskrete Resonanz, durch Andeutungen und durch ihre bloße Präsenz wirkt. Dodeka folgt dieser Logik: Die Werke drängen sich nicht auf, sie koexistieren. Das Projekt verbindet verschiedene Disziplinen: Musik, Skulptur, Performance, Kulturerbe und Literatur koexistieren ohne Hierarchie. Alles ist darauf ausgerichtet, die Voraussetzungen für eine echte Aufmerksamkeit für den Ort und das, was sich dort abspielt, zu schaffen.
Der Betrachter spielt hier eine zentrale Rolle: Sein Blick und seine Bewegung werden ebenso wichtig wie das Kunstwerk oder das Programm selbst. An jeder Station ist der Besucher eingeladen, seine Anwesenheit zu dokumentieren, indem er in seinem Dodeka-Heft einen einzigartigen Stempel sammelt, der mit dem ausgestellten Werk verbunden ist. Diese Aufmerksamkeit für das Publikum steht im Gegensatz zu einer modernistischen Auffassung von Kunst, die Lucy Lippard bereits kritisierte: „Innerhalb der individualistischen Tradition der modernen Kunst wird jede Rücksichtnahme auf das Publikum oft als Einschränkung oder gar Zensur verachtet.“ Dodeka hingegen stellt den Betrachter in den Vordergrund, ohne die Werke zu vereinfachen.
Das Projekt offenbart schließlich eine interessante Dichotomie zwischen dem internationalen Charakter der Mudam-Sammlung und der kulturellen Bedeutung der Region. Indem Werke, die in einem globalen Kontext entstanden sind, an Orten mit lokaler Geschichte installiert werden – sei es die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Wiltz, die Stahlindustrievergangenheit von Esch-Belval oder die mittelalterliche Vorstellungswelt von Vianden –, schafft Dodeka Dialoge, die mal dissonant, mal sehr treffend sind.
Vielleicht könnte diese Dezentralisierung also zum Ausgangspunkt für einen Paradigmenwechsel werden.