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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Erhabene Skulptur mit abgezogener Haut

Frank Stella in all seinen Facetten: Gemälde, Skulpturen, bei Ceysson & Bénétière, im Wandhaff

Erschienen in Ausgabe März 2022
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Auf den ersten Blick muss man seit Mitte der 70er Jahre seine Abkehr von der Streifenmalerei – die von vielen als Verrat empfunden wurde – Frank Stellas fast schon beschwörende Formel überlassen, die unseren Blick auf das beschränkt, was er sieht. Dennoch wäre es in diesem Fall wirklich schade, sich nicht das Vergnügen zu gönnen, sie wieder aufzugreifen: Ja, „what you see is what you see“ – eine wahre Augenweide, eine Explosion von Formen und Farben. Und seine Ausstellung in den riesigen Räumlichkeiten der Galerie Ceysson-Bénétière im Wandhaff (bis zum 7. Mai) lässt uns geradezu eindringlich eine museale Präsentation des Schaffens eines Künstlers im Alter von 85 Jahren erleben, der vor Vitalität und Erfindungsreichtum nur so sprüht.

Frank Stella hat sich stets als Maler verstanden und bezeichnet, wobei er Caravaggio oder Velázquez, den italienischen oder spanischen Barock als seine Vorbilder nannte. Wir sind also weit entfernt vom Minimalismus und vom Hard-Edge-Stil, aber der aktuellen Ausstellung doch so nahe. Und auch wenn sich dieser Maler in drei Dimensionen entfaltet, bleibt er doch ein Maler – bis hin zu den computergenerierten Darstellungen komplexester Formen, im Rapid-Prototyping-Verfahren (RPT) und in seinen Arrangements aus Kunststoffen und Metallen ; und für uns bleibt folglich ein reichhaltiges und verführerisches visuelles Erlebnis im Glanz leuchtender Farben. So auch in der heute zentralen Skulpturenserie, deren Werke erst vor knapp zwei Jahren entstanden sind: „Salmon rivers of the Maritime Provinces“.

Lassen wir uns nicht davon abhalten, im Laufe der Geschichte weitere Parallelen zu Gemälden zu ziehen. Von Rembrandt über Soutine bis hin zu Bacon: diese gehäuteten Rinder, die manchmal an Schlachthaken hängen, mit aufgeschlitzten Flanken, Knochen und Eingeweiden als Memento mori. Francis Bacon zögerte seinerseits nicht, einen alten Papst (Innozenz X.) zwischen die Teile des Tierkadavers zu platzieren – „Figure with meat“ aus dem Jahr 1954, in einem für ihn typischen, abgegrenzten Raum. Auch die Skulpturen von Frank Stella haben ihre eigene Ausstellungsfläche; sie sind ihrerseits aufgehängt, eingefasst von metallenen Linien, die wie ein Rahmen wirken. Sie schweben sozusagen, und ihre fließenden Linien sowie ihre verbeulten, zerkratzten Konstruktionen gewinnen dadurch noch mehr an Energie und Schwung. Jeder illustrative oder narrative Ansatz war Frank Stella stets fremd. Doch hier gibt es tatsächlich einen Bezug: Québec, die Gaspésie, ihre fischreichen Seen und Flüsse.

Die Titel bezeichnen oder erinnern an solche Ortsnamen, deren Namen wie aus einem Lied von Leclerc, Charlebois oder Vigneault stammen: The Restigouche, The Miramichi, The Kadgwick… So weit, sich vorzustellen, man stünde vor flüchtigen Passagen von Lachsen oder ihrer Präsentation auf dem (vertikalen) Verkaufstisch eines Fischhändlers, wollen wir es nicht treiben. Was hier zur Schau gestellt wird, sind weniger Fische oder ihre Trophäen als vielmehr die Skulptur selbst: fragmentiert, neu zusammengesetzt, dekonstruiert, neu erfunden, eine dreidimensionale Collage. Und man wird nicht müde, ihre Innereien zu durchforsten, den Blick über eine glatte und glänzende Polychromie gleiten zu lassen, bevor er auf unaufhörliche Falten, unentwirrbare Faltenwürfe und Verflechtungen stößt.

Diesen Barockstil, vielleicht mehr oder weniger ausgeprägt und auf die Ebene der Zeichnung reduziert, findet man auch in den Werken auf Papier, bei denen es sich im Großen und Ganzen um handkolorierte und aufgeklebte Lithografien handelt. Sie sind älter, stammen aus den Achtzigerjahren, und ich möchte besonders auf ein Acrylgemälde aus dem Jahr 1985 eingehen, eine Illustration für El Lissitzky, wegen seiner perfekten Ordnung inmitten seiner anziehenden Unordnung. Das gilt auch für ein Ölgemälde, das ein Jahr früher entstand, „Il Dimezzato“, und für die Rückkehr zu größerer Üppigkeit, einer fast unergründlichen formalen Ausgelassenheit, mit dem größten Werk der Ausstellung, „Karpathenburg II“, fast drei mal fünf Meter groß, das aus dem Jahr 1996 stammt.

Der Leser wird festgestellt haben: Auf der einen Seite stehen die „Salmon Rivers“, auf der anderen Seite lässt sich bei einem aufmerksamen Rundgang Frank Stella verfolgen – zwar stets in einer gewissen Kontinuität, doch über einen Zeitraum von etwa dreißig bis vierzig Jahren hinweg, in dem sein Werk immer wieder aufgegriffen und erneuert wurde. Man könnte sagen, dass darüber der monumentale Stern leuchtet, der (in seiner Leichtigkeit) majestätisch den Hintergrund des Galerieraums einnimmt: „Monel Star“, dessen Name auf ein neues Metall verweist, eine Legierung aus Nickel und Kupfer. Ein weiterer, materieller Beweis für den beständigen Willen des Künstlers zur Veränderung, sich ihr zu stellen. Den Abschluss bildet Frank Stella; er stellt – nachdem er nachdrücklich zum Besuch der Ausstellung des amerikanischen Künstlers ermutigt hat – einen perfekten Kontrapunkt dar, fast könnte man bei einer solchen Fülle, einem solchen Überfluss von einem Gegenmittel sprechen: Der Besucher begibt sich in einen benachbarten Saal auf der rechten Seite, wo er dieselbe museale Qualität vorfindet, Werke sieht, die nicht weniger groß, aber minimalistisch in ihrer Ausdrucksweise sind, und ihm bleibt das Vergnügen, deren Urheber selbst zu entdecken.