Wennig & Daubach gelingt es mit dreidimensionalen Objekten, im Rahmen der Kulturhauptstadt Esch2022 Elemente der Geschichte von vier Vororten von Esch-sur-Alzette wieder zum Leben zu erwecken: Sanem, Soleuvre, Belvaux und Ehlerange.
Den Rundgang können wir in Luxemburg mit einem kleinen Vorgeschmack beginnen: „Blow-up History (Satellite)“. Im Project Room der Galerie Nosbaum Reding füllen Elemente der Kapelle Sankt Mëffert die beiden Räume mit aufgeblasenen schwarzen Schläuchen, dem einzigen Material, aus dem alle Objekte des Projekts bestehen. Es handelt sich um die Wände und das Gewölbe der Kapelle. Schwarz-Weiß-Fotografien, die direkt auf die Fensterscheiben der Galerie geklebt sind, wecken die Neugier auf die weiteren Interventionen, für die man sich hier den Leitfaden für den Rundgang im Außenbereich besorgen kann.
„Blow-up History“ ist eine gekonnte Mischung aus Fantasie und historischen Anspielungen. Die Wände und das Gewölbe bilden zusammen mit dem Portal, den Spitzbogenfenstern und dem Glockenturm die grundlegenden architektonischen Elemente der Kapellen und Kirchen, die von Charles Arendt, dem im 19. Jahrhundert im Großherzogtum tätigen Staatsarchitekten und Anhänger des neugotischen Stils, erbaut wurden. Wennig & Daubach spannen einen historischen Bogen über zwei Jahrhunderte der Sakralarchitektur. Denn Elemente der Kapelle Sankt Mëffert sind in der Auferstehungskirche in Belval-Metzerlach zu sehen, einem 1971 errichteten Bauwerk aus Rohbeton, das seit 2020 zum nationalen architektonischen Erbe zählt.
Der in Sanem geborene Schriftsteller Michel Rodange schickt in „De Fuus am Frack“ den Fuchs aus „Reenert“ zur Buße in die Kapelle Sankt Mëffert (die Kapelle ist also fiktiv !), wo er sich über seine Kollegen Michel Lentz, dem Autor von „Ons Heemecht“ und „De Feierwon“, sowie Dicks, dem Autor von „D’Mumm Séis“, auf die Schippe nimmt. Dieser wiederum hält Rodanges Stil für unwürdig des Parnass der Schriftsteller, des Apollontempels in Delphi. Er würde gerade einmal bis zur Höhe des Zollwerknapp bei Soleuvre reichen, der mit seinen 422 Metern über dem Meeresspiegel zugegebenermaßen einer der höchsten Punkte Luxemburgs ist…
Man erfreut sich an den aufgeblasenen Säulen, die an die des Giebels eines edlen antiken griechischen Tempels erinnern, sowie an den funktionalen Fabrikschornsteinen der luxemburgischen Metallindustrie, wie etwa denen von Belval, nur in verkürzter Form. Man könnte fast glauben, dass unser „Kleinkland-Komplex“ ebenfalls Höhen erreichte, wenn auch nur sehr geringe. Doch Wennig & Daubach nutzen die Geburt von Michel Rodange in Sanem als Anlass, um uns an die Entstehung einer Volksliteratur in luxemburgischer Sprache zu erinnern und würdigen den industriellen Einsatz der Säule, des Fabrikschornsteins – dieses Wahrzeichens, das die Landschaft des Südens prägte.
Wir sind überzeugt: Diese zeitgenössischen Kunstwerke aus schwarzen Gummischläuchen werden ein erneutes Interesse an der Geschichte der vier Orte wecken, die an der Kulturhauptstadt Europas beteiligt sind, oder diese Geschichte gar erst bekannt machen. Das gilt auch für die Lokomotive, die natürlich ebenfalls mit unserer Bergbaugeschichte verbunden ist. Sie zog die mit Erz beladenen Waggons – insbesondere vom Wënschel-Kai der einzigen noch erhaltenen Brechanlage aus dem Industriezeitalter in Belvaux. Wennig & Daubach haben ihr ein Denkmal gesetzt, indem sie die Motorhaube und das Führerhaus der Lokomotive 804 senkrecht aufstellten – ein Beweis dafür, dass zeitgenössische Bildhauerei auch heute noch möglich ist.
Man erfährt, dass die Lokomotive 804 der CFL vom in den USA hergestellten „Long Hood Forward“-Modell von General Motors inspiriert ist. Damit wird eine Verbindung zu einem Vorfall aus der Region während des Zweiten Weltkriegs hergestellt. In Ehlerange fand die Notlandung des ersten amerikanischen Fliegers auf luxemburgischem Boden statt. Sein Flugzeug stürzte in einem Viehgehege ab. Wennig & Daubach haben Teile des Rumpfs und der Tragflächen des Flugzeugs am Absturzort installiert. Das zeigt, dass auch das „große Freiland“ ein Ort der Begegnung mit zeitgenössischen Kunstwerken in der Landschaft sein kann, wie hier in Belvaux, Ehlerange, Sanem und Soleuvre. Wennig & Daubach regen die Fantasie an, indem sie sich auf Geschichten und die Geschichte des Südens des Landes stützen. Ein voller Erfolg!
Die Ausstellung „Blow-up History“ von Wennig & Daubach ist im Rahmen von Loop22 noch bis zum 11. November 2022 zu sehen.
Der Ausstellungsführer ist in der Projects Gallery von Nosbaum Reding erhältlich, wo „Blow-up History (Satellite)“ bis zum 23. Juli zu sehen ist