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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Die AIDS-Krise steht noch am Anfang

Im Palais de Tokyo, Paris

Erschienen in Ausgabe März 2023
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In der riesigen Brachfläche, die der Palais de Tokyo darstellt, wird der Eingang zur Ausstellung „Exposé.e.s.“ von einem alarmierenden Banner markiert, auf dem ein Zitat von Gregg Bordowitz zu lesen ist: „The AIDS Crisis is still beginning“. Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Fortschritten, die beruhigend wirken sollen, fordert das Schild jeden Besucher dazu auf, auf der Hut zu sein, aufmerksam zu bleiben und die Sinne zu schärfen. Warum sollte die HIV-Krise erst am Anfang stehen? Weil wir dank der bahnbrechenden Entdeckung eines Forscherteams im Jahr 2014 nun ihre Ursprünge kennen. Das Retrovirus soll Anfang der 1920er Jahre vom Schimpansen auf einen Jäger im Kongobecken übertragen worden sein, und zwar durch einen Biss oder eine Schürfwunde beim Häuten der Beute. Vor diesem Hintergrund sieht die Kunstkritikerin Mylène Ferrand in der Ausbreitung von Zoonosen und der Zerstörung der Artenvielfalt ausreichende Gründe, um die von Bordowitz im Jahr 2001 ausgesprochene Warnung ernst zu nehmen. Das Schlimmste stünde also noch bevor.

Inspiriert von „Ce que le sida m’a fait. Kunst und Aktivismus am Ende des 20. Jahrhunderts“ (2017), einem Buch, in dem die Kunsthistorikerin Elisabeth Lebovici ihren Mitstreitern eine Stimme verleiht, beleuchtet die Ausstellung die tödlichste Epidemie des letzten Jahrhunderts aus verschiedenen Blickwinkeln von Künstler*innen, die sich in persönlichen oder kollektiven, aber stets entschlossen militanten Projekten engagierten. Einige von ihnen sind gestorben, während die Überlebenden ihrer gedenken. Dies ist jedenfalls die Entscheidung von Yann Beauvais in seiner Installation „Tu, sempre“ (2002), in der der Künstler angesichts der Flut pathetischer Bilder im Zusammenhang mit der Krankheit den Worten den Vorzug gibt und seine eigenen mit denen aus wissenschaftlichen Dokumenten vermischt. Auf Spiegel projiziert, spiegeln sie sich an den Wänden einer Dunkelkammer wider, in der persönliche Fotos hängen, die ihren sentimentalen Wert bewahren. Für diesen Ansatz hat sich auch Lionel Soukaz in „RV, mon ami“ (1994) entschieden, einem Film, der am Tag nach dem Tod seines Lebensgefährten Hervé Couergrou gedreht wurde und aus Momenten des Lebens und der Ekstase, aus intimen Augenblicken und poetischen Regungen besteht. Wie dieser, den Hervé verkündete: „Durch Worte Farben zeigen. Dass junge HIV-positive Künstler – ob als Hobby oder beruflich tätig – sich zusammenschließen und so den Humor dieser Situation entdecken können oder müssen, um besser zu leben oder zu versuchen, besser zu leben.“ RV, mein Freund, ist Teil von „Journal Annales“, einem 1991 begonnenen großangelegten Dokumentationsprojekt, das mehr als 2000 Stunden Tonbandaufnahmen zur Geschichte des Kampfes gegen AIDS umfasst. Diese wurden in der französischen Nationalbibliothek hinterlegt.

Nicht weit davon entfernt erhebt sich eine weitere Bildwand: Es sind die Wandbehänge von Lili Reynaud-Dewar, die am Fuße der Haupttreppe einen heiligen Kreis bilden. Diese großformatigen Werke sind teilweise rot, als wären sie mit Blut bespritzt. Darauf sind Zitate aufgedruckt: „Die ultimative queere Emanzipation ist die Abschaffung der Homosexualität und die Ausrottung der Homosexuellen.“ Weiter heißt es dort in einem weiteren Paradoxon: „Queere Befreiung rottet Queers aus.“ Zwei Videos ergänzen diese Installation, von denen eines auf seine Entdeckung des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard und dessen Bücher zurückblickt, die jeweils eine Facette der schwulen Identität beleuchten. Die Künstlerin hat zudem ein Begleitheft verfasst, das sich mit der Kontroverse befasst, die Anfang der 2000er Jahre zwischen dem Schriftsteller Guillaume Dustan und dem Gründer von Act-Up Paris, Didier Lestrade, stattfand. Man betritt die Installation von Lili Reynaud-Dewar also mit Musik: Ein Chor stimmt dort ein Lied an, in dem es um das Verhältnis zwischen Freiheit und Risikoprävention im Zusammenhang mit HIV geht. Eine weitere großartige Idee: die Ausstellung von Porträts von Frauen, die an Therapiegruppen in Kapstadt, Südafrika, teilnehmen. Es handelt sich um die „Body Maps“, ein Ritual im Dienste einer Gemeinschaft, in der jede sich neu erfinden, kartografieren und darstellen kann. Als Echo auf diese beschwörende Haltung steht das bildende Werk von Derek Jarman (1942–1994). Zwei großformatige Gemälde sind die Schreie eines Mannes am Ende seines Lebens; eines zeigt in der Mitte ein Kreuz, auf dem das Wort „Death“ in dicker, farbiger Farbe geschrieben steht (Death, 1993). Das andere, mit dem Titel „Help“ (1992), ist an mehreren Stellen horizontal zerrissen. Mehrere kleinere Gemälde ergänzen sie, die 1986 entstanden, dem Jahr, in dem bei Jarman eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde. Alle sind von Tod, Zauberei und schwarzer Magie durchdrungen…