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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Das Maß der @rt

Großraum

Erschienen in Ausgabe März 2023
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Seit mehr als zehn Jahren setzt sich „Le Mètre Carré“ dafür ein, zeitgenössische Kunst in Lothringen einem möglichst breiten Publikum näherzubringen. Nachdem der Verein bislang verschiedene Räumlichkeiten in der Region genutzt hatte, hat er das wandernde Konzept aufgegeben und sich vor kurzem in Metz niedergelassen. In dieser belebten Straße im Viertel „Les Allemands“ veranstaltet „Le Mètre Carré“ einzigartige Ausstellungen, bei denen die Praxis und die Sichtweise auf die Malerei durch neue Technologien beeinflusst werden – ganz im Sinne der künstlerischen Leitlinie, die Emmanuelle Potier, bildende Künstlerin und Leiterin des Ortes, definiert hat. Derzeit ist sie Kuratorin der Ausstellung „Ctrl + Paint“, die das bildende Werk von Emmanuel Moralès in den Mittelpunkt stellt.

Emmanuel Moralès, geboren 1973 und ausgebildet an der École nationale supérieure des Beaux-Arts in Bourges, beschäftigt sich seit Anfang der 2000er Jahre mit computergestützten Arbeitsmethoden (Programme wie Photoshop, SketchUp und Google Earth). Die in der Galerie versammelten Werke zeigen seine neuesten Arbeiten, die sich durch unterschiedliche Ansätze auszeichnen, jedoch stets in engem Zusammenhang mit den Möglichkeiten stehen, die der Computer bietet. Zunächst einmal gibt es das, was der Künstler als seine „digitalen Spuren“ bezeichnet, eine Serie aus den Jahren 2007 bis 2014, in der „die physikalischen Eigenschaften der Malerei durch das digitale Werkzeug ersetzt werden“, wie der Künstler auf seiner Website erklärt. Die bildnerische Herausforderung bleibt jedoch dieselbe: „&Eine Fläche ausfüllen, eine Komposition aus farbigen Linien und Flächen entwickeln, dabei die Handschrift des digitalen Werkzeugs beibehalten und so die Frage nach dem Einfluss der Digitaltechnik und der neuen Technologien auf die heutige Malpraxis aufwerfen“, erklärt Emmanuel Moralès. Eines seiner Werke dient als Titelbild der Ausstellung und ist im Schaufenster ausgestellt, um die Neugier der Passanten zu wecken. Der Maler überträgt eine am Computer erstellte Skizze mit Pinsel und Acrylfarbe auf die Leinwand. Das Ergebnis ist ein Gemälde mit flächigen Farbflächen, in hellen, ansprechenden, fast schon spritzigen Farben, die meist auf drei Farbtöne reduziert sind (Grün, Blau, Rosa) und an Graffiti erinnern. Zwei weitere Exemplare, darunter ein größeres quadratisches Bild mit blauer Dominanz, hängen in dem kleinen Raum im hinteren Bereich. Und man denkt aufgrund der sparsamen Mittel (einige dicke vertikale Streifen auf einheitlichem Hintergrund) an Mondrian, mit dem sich Moralès in seiner Jugend auseinandergesetzt hat.

Eine weitere Serie, die fest in ihrer Epoche verankert ist, ist die 2018 gestartete „Grand Tour“, deren Name auf die Pilgerreisen von Künstlern und Kunstliebhabern im Europa des 18. Jahrhunderts anspielt. Doch gibt es heute eine bessere Art zu reisen – also eine, die möglichst umweltfreundlich und kostengünstig ist – als Google Earth zu nutzen? Mit nur wenigen Klicks lässt sich der gesamte Globus erkunden. Von Kalifornien über den Himalaya bis hin zu den Städten Europas nutzt Morales dieses Werkzeug, um – wiederum mit Acrylfarben – diese virtuellen Ansichten nachzubilden, mit ihren Rissen, ihren grafischen Lücken und ihren durch die Berechnungen der Maschine mehr oder weniger gut definierten Segmenten. So entstehen von Grund auf „konstruierte Landschaften“, wie beispielsweise der nepalesische Gebirgskamm oder die Städte Bonn und Danzig, die einen hybriden Charakter haben, da sie zwischen Kartografie und Architekturmodell oszillieren. Ein dem Publikum zur Verfügung gestellter Monitor ermöglicht es, die digital zusammengesetzten Segmente zu betrachten.

„Wilderness“ schließlich, eine Serie, an der der Maler zwei Jahre lang (2016–18) gearbeitet hat. Diese Landschaften, die größerformatig sind als die vorherigen Ansichten, sind ruhig und frei von menschlichen Figuren und schaffen eine geheimnisvolle, fast surrealistische Atmosphäre, wie in „7:34 Uhr“, „5. November“ (2017), wo sich nur wenige winterliche Bäume im Gegenlicht aus dem dichten Morgennebel abheben. Die im Titel angegebenen Zeitangaben geben Aufschluss über das Umgebungslicht, das zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes herrschte. Ähnlich verhält es sich mit dem großen Diptychon „15:15 Uhr, 16. Februar (2016)“, einer weiten, grünen und bergigen Landschaft, die in weißes Licht getaucht ist. Die mit der Software Sketchup erstellten Kompositionslinien sind hier perfekt abgegrenzt und sogar durch Klebeband sichtbar gemacht. Das aufgetragene Acryl, so bemerkt Emmanuelle Potier in ihrem Einführungstext zur Ausstellung, „glättet und verdeckt den Pinselstrich des Malers“. Ein Wechselspiel zwischen Mensch und Maschine, die ihre Kräfte bündeln, um gemeinsam neue Bilder und bisher unbekannte Wege zu deren Herstellung zu entwickeln. Was letztendlich fehlt, ist die Frage nach der Macht, die hier nie angesprochen wird – umso mehr im Fall der Verwendung von Software, die von mächtigen multinationalen Konzernen entwickelt wurde; ebenso betrifft dies das Acryl, ein besonders umweltschädliches Material aus der Petrochemie. Wer nach neuen ästhetischen Wegen sucht, wird die Bilder von Emmanuel Moralès zu schätzen wissen. Die anderen, die an den Überresten der humanistischen Tradition festhalten und nach ein wenig Verkörperung suchen, werden ihm vielleicht den Rücken kehren.

Ctrl + Paint. Emmanuel Moralès, bis zum
1. April, Le Mètre Carré, 6 rue Mazelle in Metz