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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Der weiße Raum

Fotografie im mineralischen Gedächtnis. Ein Experiment von Raphaël Lecoquierre

Erschienen in Ausgabe Mai 2023
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Kann Fotografie mehr sein als nur eine gedruckte Darstellung? „Tills“, die Installation des Künstlers Raphaël Lecoquierre, ist eines der erstaunlichsten Experimente zum Thema „Rethinking Identity“ des Europäischen Monats der Fotografie, das sich mit dem Objekt „Fotografie“ an sich auseinandersetzt.

Nach einer Zwischenphase im Leben der Bilder (siehe „d’Land“ vom 5. Mai dieses Jahres) befinden wir uns nun in der Phase des bildlichen Verschwindens der Fotografie. Die Ausstellung von Raphaël Lecoquierre, geboren 1988, der in Brüssel lebt und arbeitet, ist seine erste Einzelausstellung. Stilbé Schroeder und Kevin Muhlen sind die Kuratoren. Es ist beeindruckend. Zunächst einmal, weil man als Besucher im Erdgeschoss des Casino Luxembourg – Forum d’Art Contemporain nur weiße Wände sieht, die mit Farbspuren durchzogen sind, und auf einem Boden läuft, der ebenfalls leicht getönt ist. In Rosé- und Blautönen gehalten – sonst gibt es nichts.

Man schaut genau hin, streift mit dem Finger über die Oberfläche. Man berührt ein mineralisches Material, das vollkommen glatt ist, matt und an manchen Stellen glänzend. Aber wo ist denn nun das Foto? Es wird lediglich durch die Rahmen angedeutet – durch leicht aus den Wänden hervorstehende Formen: quadratisch, rechteckig, rund.

Eingetaucht in Tills’ weißen Raum befinden wir uns tatsächlich mitten in der Fotografie selbst. Die farbigen Streifen sind die chemische Substanz analoger Abzüge. Raphaël Lecoquierre hat die Farben aus Familienfotos, Landschaftsaufnahmen und anderen gesammelten Bildern extrahiert. Mithilfe eines chemischen Oxidationsverfahrens hat er sie anschließend mit den Grundstoffen des Stucks vermischt: Gips, Marmorstaub und Leim.

Raphaël Lecoquierre nennt es „venezianischen Stuck“, da man ihn in der Stadt am See oft dazu verwendete, den weitaus teureren Marmor nachzuahmen. Doch Stuck ist eine sehr alte Technik, die bereits in der Antike zum Einsatz kam. In dieser Installation zum Verschwinden der Fotografie greift der Künstler daher auch auf die Bildhauerei zurück, um an die Freskomalerei in diesen Zivilisationen zu erinnern. Die geometrischen Formen sind einfach: Pyramiden, Säulen griechischer und römischer Tempel sowie Kirchen waren mit Stuckmotiven verziert, die im Laufe der Zeit verschwunden sind.

Man könnte meinen, dass Raphaël Lecoquierre noch einen Schritt weiter geht. Während die liegende Säule in der Installation in der Lobby des Casinos – nehmen wir einmal an – die umgestürzte Säule eines Tempels oder einer Kirche darstellt, könnte die aufrechte Säule ein Bohrkern aus geologischen Schichten sein. Beim langsamen Voranschreiten der Gletscher entstehen nämlich Moränen, die wissenschaftlich als „Till“ bezeichnet werden – worauf auch der Titel der Ausstellung, „Tills“, anspielt. Unter den dargestellten Objekten findet sich übrigens auch eine mineralische Form: Gesteinsbrocken sind Bestandteil des Stucks.

Leise hört man so etwas wie ein Summen (Musik: „Still“ von Lou Drago), das über Landschaftsansichten, Berge, Gletscher, Flüsse und Felsen hinweggleitet. „Wenn man die Flecken an einer Wand lange genug betrachtet, würde man die Analogie der Bilder erkennen“… Das ist ein Zitat von Leonardo da Vinci aus seiner „Abhandlung über die Malerei“. Würden die Fotografien nicht in den Clouds der Computerserver gespeichert sein, sondern hier, in den Rillen des Stucks von Tills, verdichtet sein?

„Tills“ von Raphaël Lecoquierre ist bis zum 10. September im Casino Luxembourg – Forum d’Art Contemporain zu sehen