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Feuilleton 3 Min. Lesezeit

Persischer Blick

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Juni 2023
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„ In meiner Nacht, die leider so kurz ist, trifft sich der Wind mit den Blättern. / Meine so kurze Nacht ist erfüllt von verheerender Angst. / Hör ! Hörst du den Hauch der Finsternis ? / Diesem Glück fühle ich mich fremd. /…/ Hinter diesem Fenster sorgt sich ein Unbekannter um dich und mich. / Du, ganz im Grünen, lege deine Hände – diese glühenden Erinnerungen – auf meine liebenden Hände, / Und vertraue deine Lippen, gesättigt von der Wärme des Lebens, den Liebkosungen meiner liebenden Lippen an. / Der Wind wird uns davontragen. / Der Wind wird uns davontragen. “ Aus diesem letzten Vers der Dichterin Forough Farrokhzad (1935–1967), die auch Autorin eines einzigen Films (Das Haus ist schwarz, 1963), stammt der Titel des berühmten Films ihres Landsmanns Abbas Kiarostami (1940–2016).

Der Filmemacher Abbas Kiarostami war zugleich Dichter, Maler und Fotograf. All dies kommt in „Der Wind wird uns davontragen“ (1999) bereits in den ersten Bildern zum Ausdruck. Ein Jeep verirrt sich in der Weite der Wüste des iranischen Kurdistans, inmitten von Bergkurven und einem Mosaik aus Farben: ein plötzliches Auftauchen der Moderne inmitten einer alten Hirtenkultur. Hier nützt den Reisenden keine Karte: man orientiert sich an den wenigen Bäumen, die die Landschaft unterbrechen. Keine geraden Wege, sondern schlangenförmige Linien, die ein kaum angedeuteter Feldweg bildet. Das Ziel ist unbekannt, ebenso wie die Beweggründe, die drei Männer dazu veranlassen, diese Reise in diese abgelegene Gegend zu unternehmen. In wenigen Bildern und viel Irrwegen entfaltet sich vor unseren Augen eine Metapher des Lebens, durch die wir – wie der Wind – nur hindurchstreifen und beim Berühren zufällig angetroffener Blätter leise flüstern. Vorbei sind die beruhigenden und illusorischen Gewissheiten über das Leben. Denn es ist ein Ozean des Geheimnisses, dem wir in dieser Wüste begegnen, in die wir gleich bei unserer Ankunft geworfen werden. Um unsere Gewohnheiten abzulegen, um uns zu entblößen, gibt es nichts Besseres als einen Zwischenstopp in einem dieser Dörfer mit ihren steilen Gassen. So wie der Protagonist, den die Dorfbewohner „Herr Ingenieur“ nennen, obwohl er gar keiner ist. Als Alter Ego des Filmemachers ist er gekommen, um mit zwei weiteren Kumpanen, die man während dieses Ausflugs nie zu Gesicht bekommt, eine Reportage über einen Bestattungsritus zu drehen. In dieser feierlichen Welt ist er der Einzige, der unruhig herumwuselt und sich an sein Handy klammert. Ein Symptom unserer Zeit, das sich in den folgenden Jahren nur noch verstärken wird.

In diesem poetischen Film mit ungewissem Verlauf, ohne Auflösung und ohne Handlung, definiert Kiarostami den Begriff der Erzählung selbst neu, wie er traditionell von Aristoteles in seiner „Poetik“ definiert wurde. Es gibt keine Ursache-Wirkungs-Kette mehr, sondern vielmehr hier und da verstreute Zufälle. Überall ist die initiatorische Präsenz der Kinder zu spüren, die einem Erwachsenen, der es eilig hat (damit es endlich vorbei ist) und der noch so wenig zur Besinnung gekommen ist, etwas beibringen: Dies ist zweifellos eine ferne Erinnerung für Kiarostami, der seine Karriere im Kanoun, dem Institut zur Förderung der kindlichen Intelligenz, in Teheran begann. Eine alte Frau stirbt, endlich. Das Wasser spült einen Knochen fort, der in der Erde schlummerte. Der Kreislauf des Lebens geht weiter und wird uns mitreißen (Fortsetzung folgt).

„The Wind Will Carry Us“ (Iran, 1999, 118’, Originalfassung mit englischen und deutschen Untertiteln) von Abbas Kiarostami wird am Montag, dem 3. Juli, um 20:30 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt