BREAKING NEWS Lancement du nouveau site internet du Land S'abonner →
Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Und so weiter, ganz nach Belieben

Zeitgenössische Kunst

Erschienen in Ausgabe September 2023
Artikel teilen auf

Eines Tages wird man sich mit den Titeln der Gemälde von Imi Knoebel befassen müssen – über die Ausstellungen hinaus. Mit ihrem Anteil an Humor, an Ironie, die auch vor dem Künstler selbst nicht Halt macht, und an der Ansprache des Betrachters. Meistens hat man die Wahl zwischen mehreren möglichen Interpretationen, von denen die einen sehr direkt sind, doch wenn der erste Eindruck verflogen ist, kann dies zu weitreichenden Überlegungen führen. „Et cetera“ – so lautet der Titel der Ausstellung, die letzte Woche in der Galerie Bärbel Grässlin in der Schäfergasse in Frankfurt eröffnet wurde, was darauf hindeuten könnte, dass der Künstler noch lange nicht bereit ist, aufzugeben. Im Gegenteil: Hier zeigt sich eine Sammlung von etwa fünfundzwanzig Werken, Acryl auf Aluminium, die in zwei Reihen angeordnet sind – die größten Formate unten, die kleineren oben –, entlang der vier Wände ; und schon auf den ersten Blick wirken die beiden Reihen wie eine Farandole aus Farben, aus Malerei, die aus allen möglichen Gesten entsteht, in äußerster Freiheit. Was sich bereits angekündigt hatte – eine stärker betonte Bildhaftigkeit –, zeigt sich hier in ihrem überschwänglichen Reichtum. Ohne dass dabei auch nur im Geringsten die für diesen Künstler typische Schärfe, Präzision und Klarheit verloren geht.

„Et cetera“ – das Wort verweist auf eine Folge, also auf eine große Anzahl, und deutet zugleich auf den unvollständigen Charakter hin (Auswahl der Ausstellung). Und ein literarischer Geist, der sich diesen Fortsetzungsgeschichten zuwendet, Romanen, die in Abschnitte unterteilt und in Fortsetzungen veröffentlicht wurden und um 1830 in Zeitungen oder auflagenstarken Zeitschriften erschienen. Und vom Fortsetzungsroman zur Fernsehserie ist es nur ein kleiner Schritt, und heute, in dieser neuen Ausstellung von Imi Knoebel, gelangt man zu einer rein bildhaften Erzählung.

Aluminiumplatten, die durch ihre unregelmäßige Form wie Objekte wirken, deren Hintergründe vom Künstler selbst bearbeitet wurden, mit vielfältigen Nuancen, verführerischen Reflexen und matten Tiefen, und darauf – eine Oberfläche belebend, die bereits ihren eigenen Glanz besitzt oder sich als Träger von großer Kraft erweist – Linien, Formen, alles, was die Vorstellungskraft erfinden kann, um auf sie einzugehen, mit ihr zu korrespondieren oder ihr entgegenzutreten, innerhalb eines begrenzten Raums. Das schwebt, das setzt sich, das baut sich auf, mal bleibt es offen, mal schließt es sich, und bestimmte Teile fesseln besonders die Aufmerksamkeit: kraftvolle und unberechenbare Pinselstriche, die zu einer schönen räumlichen Konzentration oder Verdichtung führen. So gibt es in diesen Gemälden viel Bewegung, Lebendigkeit, einen Schwung, der zwar innerhalb der Grenzen zurückgehalten wird, aber oft kurz davor ist, sich nicht darauf zu beschränken. Eine Spannung, die mit der Anziehungskraft des Bruchs spielt. Imi Knoebel führt uns in diesen Werken, die zweifellos auch spirituellen Übungen im Sinne der antiken Philosophen ähneln – also einer Praxis, die darauf abzielt, die Art und Weise des Sehens und der Darstellung der Dinge, in diesem Fall der Malerei, zu verändern –, lässt er uns von einem Werk zum anderen wandern, solche Entsprechungen und solche Originalitäten entdecken. Und dieser Künstler, der sich stets über jede Darstellung hinwegsetzt und uns früher und bis vor kurzem noch mit äußerster Strenge konfrontierte, überrascht uns hier und jetzt durch seine unaufhörliche Verspieltheit. Es ist ein Zauber, den eine solche Farbenpracht, ein solcher formaler Reichtum ausstrahlen. Eine Entdeckung in jedem Augenblick.