Seit einigen Monaten hat Sandra Schwender im Auftrag der Gemeinde Clervaux die Leitung von „Clervaux Cité de l’Image“ übernommen. Nach der Auflösung des gemeinnützigen Vereins, dem langjährigen Engagement von Annick Mayer und der Zusammenarbeit mit dem Centre National de l’Audiovisuel (CNA, mit Anke Reitz und Marguy Conzemius) verwaltet die Gemeinde nun allein die Fotoausstellungen und -veranstaltungen. Anke Reitz bleibt jedoch weiterhin Kuratorin und „Hüterin des Tempels“ von „The Family of Man“ im Schloss.
Sandra Schwender, geboren 1984, ist Kunsthistorikerin mit Abschlüssen der Universität und der Kunstgewerbeschule Wien, spezialisiert auf Museografie und als Ausstellungskuratorin tätig. Nach ihren Anfängen in Wien als künstlerische Leiterin des Vereins „Das Weisse Haus“ kehrte sie nach Luxemburg zurück, wo sie von 2017 bis 2019 die Abteilung für Kunstvermittlung des Casino Luxembourg – Forum für zeitgenössische Kunst leitete, und war anschließend Projektmanagerin im künstlerischen Team von „Esch 2022“, der Kulturhauptstadt Europas, insbesondere für Projekte, die als Vorboten auf der Place du Brill im Annexe 22 gezeigt wurden. Als die Gemeinde Clervaux eine Ausschreibung für die Leitung der „Cité de l’Image“ veröffentlichte, zögerte sie keinen Moment, auch aus privaten Gründen und aufgrund ihres Wohnorts.
Nun präsentiert sie also ihre erste Rauminstallation mit dem Titel „FormenSprache“ an den sechs üblichen Orten in Clervaux, einer „Freiluftgalerie für zeitgenössische Fotografie“, die einem Rundgang durch den öffentlichen Raum folgen, der zum Schloss hinaufführt, aber auch zur Kirche führt, während sich die Abtei im Hintergrund abzeichnet. Wie schon zuvor begleiten Erläuterungstexte die Ausstellungsstücke. Die Flyer findet man zudem in einer kuriosen kleinen Box – immer dieselbe, nicht besonders einladende – am Fuße des Felsens an der ersten Station, der Place du Marché. Und wie zuvor werden die Flyer in alle Briefkästen der Gemeinde verteilt, in der Hoffnung, die Einwohner von der Berechtigung der zeitgenössischen Fotografie zu überzeugen. Soziale Netzwerke und staatliche Kulturinstitutionen im ganzen Land werden ein Publikum aus Liebhabern und Kennern in den Norden locken, um die Ausstellung zu sehen, die ein Jahr lang dauern wird, so die Hoffnung der neuen Direktorin.
Das neue Projekt der Kuratorin Sandra Schwender lässt sich gut mit dem Titel der Ausstellung zusammenfassen: „FormenSprache“. Fast alle Fotografien stehen – bewusst oder unbewusst – in Zusammenhang mit anderen Ausdrucksformen der aktuellen Bildkunst, sei es im puristischen Stil oder sogar mit der Kunstgeschichte. Wir folgen der chronologischen Reihenfolge des Ausstellungsplans, und Sanja Marušić kommt die Ehre zu, diesen Rundgang zu eröffnen. Ihre Arbeit ist sehr farbenfroh und immer auf den Menschen ausgerichtet, auch wenn die Fotografin sich selbst als Motiv einsetzt. In „Serie with you Part 3“ spielen Farben und Formen eine wesentliche Rolle für Sanja Marušić (eine 1991 geborene niederländisch-kroatische Künstlerin), die seit 2020 unterschiedslos sowohl analoge als auch digitale Techniken einsetzt. Dies erinnert unweigerlich an die Kostüme des „Triadischen Balletts“ von Oskar Schlemmer am Bauhaus im Jahr 1922. Die Verbindung zur zeitgenössischen Kunst von Sanja Marušić ist natürlich die Performance.
Im Aufgang zur Kirche, in den „Arcades II“, bleibt man dem Modernismus treu, diesmal jedoch durch die architektonischen Entwürfe von Christine Erhard. Die 1969 geborene Absolventin der Kunstakademie Düsseldorf, die an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel Fotografie unterrichtet, schafft in ihrem gesamten Werk fiktive architektonische Visionen. Es handelt sich um imaginäre Architektur, die sie in ihrem Atelier entwirft und anschließend fotografiert. Der Titel „Building Images“ spricht für sich: Man kann in der Tiefe des Bildes noch so sehr nach einer räumlichen Realität suchen, man wird sie nicht finden. Man kann diese Konstruktionen im Gegensatz dazu mit den verschwommenen Landschaften von Thaddäus Biberauer aus „Europe in Dreams“ vergleichen. Als autodidaktische Fotografin im Jardin de l’Elise hinter der Kirche zeigt sie Ansichten in sanften Farben mit weit offenem Horizont, seien es Wälder, Flüsse, Blumenfelder oder Dünen. Sie erinnern unweigerlich an die romantische Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, etwa an Caspar David Friedrich. Dies ist der undankbarste Ort des Rundgangs. Der mit Vegetation bewachsene, nach Süden ausgerichtete Felsen führte im Hochsommer zu einer Überbelichtung, die das Betrachten der Bilder erschwerte. Die Arbeiten von Thaddäus Biberbauer dürften ein ganzes Jahr lang am meisten von der Ausstellung profitieren, da die Sonne in der Zwischensaison und die weniger dichte Vegetation ihre Wirkung besonders gut zur Geltung bringen.
Arcades I, Grand-Rue. Auch das ist wieder ein schwieriger Ausstellungsort. Entweder geht man am Gehweg entlang an den Nischen in der Stützmauer vorbei, ohne dass man wegen der parkenden Autos Abstand gewinnen kann, oder man nimmt vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus Abstand und versucht zu vergessen, dass diese Straße eine Ruine ist, in der nur noch zwei Läden für Campingausrüstung übrig sind, während die anderen ihre Türen geschlossen haben. „Contrevues“ überrascht, vor allem durch den Namen seines Autors, Steph Meyers, der das Kulturzentrum „Les Rotondes“ in Luxemburg leitet. Während Thaddäus Biberbauer ein autodidaktischer Fotograf ist, ist Steph Meyers ein Amateurfotograf. Sein Motiv sind die Besucher der diesjährigen Rencontres d’Arles, die ein Werk betrachten, dabei aber von diesem verdeckt werden. Die Erklärung „Mise en abîme, um die Begegnung mit dem Werk besser zu reflektieren“ überzeugt uns nicht wirklich. Auch nicht der Verweis auf den Philosophen und Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman, der sich weitaus ernsthafter mit der Distanz zum Bild auseinandersetzt. Das ist also die Schwachstelle von „FormenSprache“, wo kraftvolle Bilder wie die Porträts von Damen am Fenster von Nina Rôder in jubelnden und grotesken Situationen zu sehen sind: Diese bildeten im vergangenen Jahr einen Gegenpol zur Tristesse dieser ehemals Grand-Rue…
Die Luxemburgerin Liz Lambert (geb. 1993) und die Österreicherin Tina Lechner (geb. 1981 in St. Pölten) haben beide das Privileg, ihre Werke auszustellen – die eine im Garten des Brahaus, die andere im Schlossgarten – zwei harmonische, angenehm begrünte Orte am Aufstieg zum Schloss. Wie bei Steph Meyer sieht man auch bei Liz Lambert keine Gesichter, sondern einen Körper – ihren eigenen –, aufgenommen mit dem Handy, in Posen, die sie nicht nur in Beziehung zur Natur setzen, sondern mit ihr verschmelzen lassen. Der Titel „Unendlich Vergänglich“ drückt auf etwas schwindelerregende Weise aus, was sie in ihrem Körper und im Leben ist – mal positiv, mal negativ. „Body is Reality“ von Tina Lechner wirkt dadurch umso kraftvoller. Die Analogie zwischen den Schwarz-Weiß-Fotos und der weiß getünchten Burg mag naheliegend sein. Doch hier scheinen die Soldaten, die die Feudalburg verteidigen, zurückgekehrt zu sein. Nur dass die Modelle von Tina Lechner Frauen sind. Es ist beunruhigend, fast skulptural – und das, auch wenn man das Wort „futuristisch“ nicht mag.
Die Veranstaltung „Clervaux Cité de l’Image“ mit „FormenSprache“ steht durchaus in der Tradition der Arbeit von Annick Meyer. Doch trotz der „ Lokomotive “ „The Family of Man“ scheint eine einzige Ausstellung pro Jahr – auch wenn sie durch ein knappes Budget gerechtfertigt ist – doch recht mager. Derzeit verfügt die Gemeinde im Norden des Landes weder über die Synergie noch über die Dynamik, die den Namen „Cité de l’Image“ rechtfertigen würden. Die Entwicklung von Clervaux hängt stark von einem starken Projekt rund um die zeitgenössische Fotografie ab – bei allem Respekt für „The Family of Man“, handelt es sich dabei um eine veraltete Vision. Es scheint, und wir hoffen es, dass die Gemeinde Clervaux und das CNA daran arbeiten.