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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Der Surrealismus neu interpretiert

Hundert Jahre nach dem Manifest bietet das Centre Pompidou in Paris in dreizehn Sälen einen Einblick in die poetische Vorstellungswelt der Bewegung

Erschienen in Ausgabe September 2024
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„Ogni pensiero vola“ – nein, die Besucher der Ausstellung „Le surréalisme d’abord et toujours“ im Centre Pompidou in Paris, die noch bis zum 13. Januar zu sehen ist, werden diesen Satz, der besagt, dass jeder Gedanke davonfliegt, nicht lesen. Das Maul des Monsters, durch das man am Eingang hindurchgehen muss und das doch an den Sacro Bosco von Bomarzo erinnert – jenen magischen Ort, den die Surrealisten als einige der Ersten wiederentdeckt haben –, trägt diese Inschrift nicht. Man könnte ihn genauso gut mit einem Vergnügungspark vergleichen, sagen wir der Schueberfouer. Der Surrealismus vereint somit beides: Unterhaltung und Verzückung – und darüber hinaus eine weitaus ehrgeizigere Befreiung, die bis zur Revolte und Revolution reicht. Für Vicino Orsini, den Condottiere, ging es bereits darum, das Herz zu befreien. „Liebe Fantasie“, fügt André Breton hinzu, „was ich an dir am meisten liebe, ist, dass du nicht verzeihst.“

Der Surrealismus lebt einerseits von seiner Radikalität, andererseits von seiner Üppigkeit. Ein Beweis dafür ist der Ausstellungskatalog mit seinen beiden Umschlagbildern: die flammende Gewalt von Max Ernst im Gegensatz zur Nacht voller seltsamer Geheimnisse von Magritte – je nachdem, ob Sie den Rundgang durch die Ausstellung noch einmal nachverfolgen oder solche Momente der Geschichte der Bewegung noch einmal erleben möchten. Doch zurück zu den ersten Schritten: Am Ende eines langen Korridors gelangen Sie in einen runden Saal, in dessen Mitte die Seiten des Manifests von 1924 ausgebreitet liegen: „Das einzige Wort ‚Freiheit‘ ist alles, was mich noch beflügelt“, bevor Sie weiter nach der Definition des Surrealismus als Abwesenheit jeglicher Kontrolle suchen und auf die genealogische Aufzählung stoßen, darunter insbesondere Victor Hugo, ein Surrealist, „wenn er nicht gerade dumm ist“.

1. Der Rundgang folgt einer Spirale – oder vielmehr einem Labyrinth – aus dreizehn Sälen, die einen schönen Überblick über die poetische Vorstellungswelt des Surrealismus bieten, natürlich in erster Linie anhand bildender Kunst, aber nicht weniger anhand von Manuskripten und Druckwerken. Bilder und Texte sind mal nach Themen geordnet, wie etwa Medien, Fabelwesen oder gar die Tränen des Eros, mal nach Namen mit starker Konnotation, wie Alice (von Carroll) oder Melusine. Nicht zu vergessen die politischen Monster, zum Beispiel mit den Zeichnungen von Toyen, und in den 1930er Jahren, angesichts des Aufstiegs des Faschismus, der immer größere Anteil des politischen Engagements.

Man kann der Freude an einer solchen Fülle des Wunderbaren, des Ungewöhnlichen, des Absurden und des Unsinns nicht widerstehen – „Lasst alles los“, wollte Breton. Es gibt noch einen anderen Blickwinkel, der sofort an die Reihe kommt: Wie sind die Künstler bei ihrer Suche nach unmittelbarer Ausdruckskraft vorgegangen, welche Mittel wurden eingesetzt? Erinnert euch an die Schönheit, die sie von Lautréamont geerbt hatten: die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch. Und das Spiel „Cadavre exquis“ geht in dieselbe Richtung, hin zu unerwarteten, überraschenden Kompositionen. Mit ihrem aufschlussreichen Reichtum.

2. Hundert Jahre nach dem Manifest und etwa zwanzig Jahre nach der letzten Pariser Ausstellung haben die Kuratoren Didier Ottinger und Marie Sarré den Puls unserer Zeit perfekt erfasst. Das war bis dahin kaum geschehen; sie haben den Künstlerinnen einen besonderen Platz eingeräumt, die zahlreicher und präsenter sind, als gemeinhin angenommen wird. Da sind jene, an denen man nicht vorbeikommt, wie eben Toyen, Cahun, Oppenheim, Tanning und Carrington. Die Ausstellung umfasst noch etwa zehn weitere Künstlerinnen: Kennen Sie Eileen Agar, deren „Angel of Anarchy“ beeindruckt und verzaubert, oder die Mexikanerin Remedios Varo? Und was für eine Freude, dass Unica Zürn, Leonor Fini und Bona de Mandiargues endlich die ihnen gebührende Anerkennung erhalten.

Die genannten Namen – die Liste hätte noch verlängert werden müssen – zeugen von diesem weiteren Merkmal des Surrealismus: Alle seine Ausstellungen trugen den Zusatz „international“. Weitere Grenzen wurden aufgehoben. Und ganz im Zeitgeist lässt uns die Ausstellung in einem der Säle mit Max Ernst durch zahlreiche Wälder wandern; und der allerletzte Saal mit dem Titel „Cosmos“ erinnert uns zusammen mit Breton daran, dass der Mensch vielleicht nicht der Mittelpunkt, der Fokus des Universums ist.

3. Natürlich steigt man mit bestimmten Erwartungen in die 6. Etage des Beaubourg hinauf – bei solchen Künstlern, solchen Gemälden, solchen symbolträchtigen Skulpturen. Jeder hat sein eigenes (surrealistisches) Museum im Kopf. Das Centre hat den Vorteil eines riesigen Bestands sowie umfangreicher Leihmöglichkeiten für eine Ausstellung, die weitere Stationen in Brüssel, Madrid, Hamburg und Philadelphia haben wird. Und es ist eine Untertreibung zu sagen, dass man nicht enttäuscht wird. Ich für meinen Teil werde mich zum Abschluss auf zwei Werke beschränken: die prächtige „Toilette de la mariée“ von Max Ernst aus dem Jahr 1940 und im Kontrast dazu das faszinierende „Chambre 202, Hôtel Pavot“ von Dorothea Tanning aus dem Jahr 1970. Wie oft müsste man wohl noch für diese Ausstellung nach Paris reisen? Es wäre sogar noch besser, sich dort nachts einschließen zu lassen und – wie Breton es sich für Gustave Moreau wünschte – diese Zauber immer wieder im Schein einer Fackel (neu) zu entdecken.