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Bildende Kunst 6 Min. Lesezeit

Die stillen Formen des Widerstands

Bert Theis (1952–2016) war ein außergewöhnlicher und zurückhaltender Künstler, dessen Einfluss bis heute in der öffentlichen Kunst, in sanften Formen des Widerstands und in konkreten Utopien bei der Gestaltung…

Erschienen in Ausgabe April 2025
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Bert Theis (1952–2016) war ein außergewöhnlicher und zurückhaltender Künstler, dessen Einfluss bis heute in der öffentlichen Kunst, in sanften Formen des Widerstands und in konkreten Utopien bei der Gestaltung gemeinschaftlicher Räume spürbar ist. Der gebürtige Luxemburger, der Italien zu seiner Wahlheimat machte, verkörperte eine Vermittlerrolle zwischen der Poesie der künstlerischen Geste und den dringenden Herausforderungen des Zusammenlebens. Er studierte an der Universität Straßburg, war als Lehrer für die Integration von Kindern engagiert und später als Künstler und Dozent an der Accademia di Brera in Mailand tätig. Bert Theis schuf ein Werk, in dessen Mittelpunkt ein zugleich veralteter und brisanter Begriff steht: die Utopie. Eine reale, konkrete Utopie, die umsetzbar ist – eine Möglichkeit der Welt.

Bereits in den 1990er Jahren erlangte Bert Theis internationale Bekanntheit. Er vertrat Luxemburg 1995 auf der Biennale in Venedig mit einem „Pavillon des Luxemburger Staates“, der gar nicht existiert. „Potemkin Lock“, eine leichte und zugleich kraftvolle Intervention, kuratiert von seinem Freund Enrico Lunghi. Eine Holzplattform in den Giardini, auf der jeder sitzen, nachdenken, diskutieren und träumen kann. Das symbolträchtige Werk war der Vorläufer einer ganzen Reihe von Interventionen, in denen Architektur, Skulptur und Aktivismus miteinander verschmolzen, ebenso wie der konkrete Austausch zwischen den Menschen. Diese Arbeitsweise, die formale, aber auch konzeptionelle Gegenüberstellungen zulässt und die Ergebnisse vorwegnimmt, findet sich in der Ausstellung in der Konschthal in Esch-sur-Alzette wieder, die die Kunst der Collagen in den Vordergrund stellt: Bert Theis, für eine Philosophie der Collage.

Bert Theis errichtete keine Denkmäler, sondern schuf Gegen-Denkmäler – sozusagen als Atempausen in einer von Bildern und Klängen überfluteten Welt. In diesem Sinne war er Mitbegründer des Isola Art Center in Mailand, einem Raum für künstlerische Experimente im Stadtteil Isola, der von Gentrifizierung bedroht ist. Im Dialog mit Anwohnern, Forschern, Architekten und anderen Künstlern entwickelten Bert Theis und seine Lebensgefährtin Mariette Schiltz Gemeinschaftsprojekte, die Kunst, Politik, Stadtplanung und Ökologie miteinander verbanden. Mariette Schiltz, die oft hinter den Kulissen wirkt, leitet heute das Bert-Theis-Archiv – ein Engagement, das stets von einer ernsten und zugleich zerbrechlichen Leichtigkeit geprägt ist.

Lange vor dem aktuellen Wiederaufleben des Interesses an der Collage als politisches und konzeptuelles Mittel erforschte Bert Theis bereits deren subversives Potenzial mit zurückhaltender, aber konsequenter Gründlichkeit. So enthüllt die von Marco Scotini und Charlotte Masse kuratierte Ausstellung in der Konschthal einen wenig bekannten Teil des Werks des Künstlers. Dabei fügt sie sich doch ganz logisch in den gesamten Schaffensprozess des Künstlers ein: Hier wird eine Sammlung von Collagen gezeigt, die über mehrere Jahrzehnte hinweg entstanden sind und weniger eine Technik als vielmehr eine echte Denkweise verkörpern. Eine Ausstellung ganz im Sinne des Künstlers, zugleich spektakulär und unprätentiös, die den Blick schärft und Verbindungen zwischen Epochen, Diskursen und Subjektivitäten herstellt.

Dank der sorgfältigen Arbeit des Bert-Theis-Archivs sind hier über 200 Werke auf Papier versammelt, von denen die meisten bisher unveröffentlicht sind. Auf den ersten Blick lässt sich leicht eine offensichtliche Verbindung zwischen diesen Collagen und denen der Dadaisten und Surrealisten herstellen. Diese Arbeiten offenbaren uns zudem eine dichte bildliche Sprache, die auf der Aneignung, der Gegenüberstellung und der Verschiebung von Zeichen beruht – allesamt kritische Gesten gegenüber den vorherrschenden Narrativen. Auch wenn Bert Theis vor allem für seine offenen Plattformen und sozialen Projekte bekannt ist, wirken seine Collagen im begrenzten Raum der Seite, und ihre Tragweite ist nicht weniger politisch: eine stille Form des Widerstands.

Bert Theis, der am Istituto Statale in Urbino ausgebildet wurde, hat eine enge Beziehung zur Collage entwickelt. Zeitungsausschnitte, wissenschaftliche Diagramme, alte Stiche, technische Darstellungen, politische oder mythologische Ikonografie ; seine Quellen sind vielfältig, heterogen und manchmal widersprüchlich. Das Bild wird, gleich einer visuellen Alchemie, zum Ort eines zugleich poetischen und analytischen Denkens, zu einer mentalen Kartografie der Welt, wie sie ist und vor allem, wie sie anders sein könnte.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht „Die Parabel vom Wasserbecken“ (1986), ein Buchprojekt, das zu Lebzeiten des Künstlers unvollendet blieb, jedoch in limitierter Auflage veröffentlicht wurde. Inspiriert vom Roman „Equality“ des amerikanischen Utopisten Edward Bellamy inszeniert diese Arbeit eine Satire auf den industriellen Kapitalismus. Die Mächtigen werden darin als Raubvögel in bürgerlicher Kleidung dargestellt; die Proletarier als stille, in Lumpen gekleidete Fische. Alle bewegen sich in absurden Umgebungen, die von Messinstrumenten, pseudowissenschaftlichen Mechanismen und wahnwitzigen Organigrammen bevölkert sind. Das Ganze bildet ein politisches Bestiarium, das zugleich traumhaft und unmittelbar verständlich ist – eine visuelle Metapher für strukturelle Gewalt.

Es handelt sich hier um eine nachvollziehbare Konstellation, die sich einem Rückzug in die Abstraktion verweigert. Im Gegensatz zu einem gewissen postmodernen Formalismus bettet Bert Theis das Bild wieder in die Geschichte, in den Kampf sowie in das kollektive Bewusstsein ein.

Die Ausstellung erinnert uns daran, dass die Collage keineswegs nur ein formales Spiel ist, sondern zu einem durch und durch ethischen Akt werden kann: eine Montagearbeit im benjaminischen Sinne des deleuzianischen Diagramms. Es handelt sich um eine Art, Diskontinuität zu begreifen und in den Trümmern der Gegenwart zukünftige Möglichkeiten zu erahnen. Das Fragment erscheint bei Bert Theis nicht als nostalgischer Splitter, sondern als zukunftsweisende Geste.

In einer Welt, in der Bilder in rasendem Tempo konsumiert werden – fast ohne hinzuschauen, ohne Reflexion und bis hin zum völligen Verlust des Sinns –, laden uns die Collagen von Bert Theis dazu ein, inne zu halten, hinzuschauen und ganz aufmerksam nachzudenken. Durch die aktuelle Ausstellung erscheint uns der Künstler heute in einem neuen Licht.

Das Werk von Bert Theis, aber auch das Engagement des Menschen selbst, stellt ein kritisches Vordenken dar. Insbesondere die Collage wird hier zu einer Analysemethode: Alle Ausschnitte, Anordnungen, Verknüpfungen, die fast unsichtbaren Collagen – und damit auch die Gedanken und Reflexionen im ständigen Fluss. Diese Arbeit macht die Machtlogiken sichtbar, die die Realität strukturieren, indem sie diese in einem symbolischen Raum neu konfiguriert, in dem die Grenzen zwischen Fiktion, Satire und Theorie deutlich und zweifellos bewusst durchlässig sind.

Bert Theis glaubte an die Kraft des Gemeinsamen. Er war der Ansicht, dass eine Bank oder ein Unterstand Formen der Revolution sein könnten, dass ein offener Raum eine Lebensweise verändern könne. In einer zersplitterten Welt, die von schockierenden Meldungen geprägt ist, die sich auf die wirtschaftlichen Aspekte unseres Lebens beschränken – wie zuletzt die Zolltarife –, spricht sein Werk weiterhin zu uns von Gastfreundschaft, von Offenheit, von der Langsamkeit des Austauschs und von einer Wiederverzauberung des Daseins. Entgegen dem vorherrschenden Zynismus bietet sie eine Ästhetik des Vertrauens. Die „konkreten Utopien“, die die Künstlerin vorschlug, sind heute Wegweiser, um über andere Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nachzudenken. In diesem Sinne muss die aktuelle Ausstellung als Teil ihres Werks gesehen, ja sogar studiert werden.