Die von der Kuratorin Agnes Grzyczkowska konzipierte und inszenierte Ausstellung versammelt eine Reihe von Künstlern, die einen anspruchsvollen Dialog zwischen der Geschichte des experimentellen Theaters und zeitgenössischen Kunstformen herstellen, bei denen der Körper, die Geste, aber auch die Stimme sowie Intensität und den empfundenen Schmerz einbeziehen. Agnes Grzyczkowska ist eine zentrale Figur der zeitgenössischen europäischen Kuratorenszene. Die unabhängige Polin ist zugleich Kuratorin, Autorin und Musikerin.
Zur Erinnerung: Antonin Artaud war Theoretiker und Theatermann, Zeichner und Dichter; er wurde 1896 in Marseille geboren und starb 1948 in Ivry-sur-Seine. Ausgangspunkt der Ausstellung ist eine klare Aussage, denn für sie wie auch für den Meister bezieht sich Grausamkeit auf eine Intensität, die sowohl in der schöpferischen Geste des Künstlers als auch in der Rezeption, d. h. durch das Publikum, erlebt wird. In diesem Sinne ist das Schöpferische ebenso entscheidend wie der Blick, der darauf gerichtet wird. Antonin Artaud, den die Ausstellung in den Mittelpunkt stellt, suchte nach einem Theater, das sich durch banale Illustration vom bürgerlichen Erzählkomfort lösen konnte, um eine Form der Katharsis zu erreichen, einen Zustand, der einem alten Ritual nahekommt und dazu bestimmt ist, das an die Oberfläche zu bringen, was die Gesellschaft lieber hinter ihren Fassaden des Anstands verbirgt. Einer seiner Nachfolger, Romeo Castellucci, ist in der Ausstellung mit Videomaterial zu den elf Episoden der „Tragedia Endogonidia“ vertreten, einem 2002 gestarteten Systemprojekt, in dem sich das Stück im Laufe der Zeit und je nach geografischem Verlauf sowie den Orten, an denen es aufgeführt wird, wandelt. Romeo Castellucci setzte sich darin mit den Bedingungen der zeitgenössischen Tragödie auseinander.
Die Ausstellung bringt eine rohe Energie in Umlauf, die der Medienstrom tendenziell neutralisiert. Grausamkeit wird als radikale Konfrontation mit der Komplexität des Daseins verstanden: Ekstase und Leid im Blick auf den Tod. Diese Sichtweise findet in unserer Realität einen wesentlichen Widerhall, da Schmerz heutzutage oft banalisiert oder gar ästhetisiert wird.
Es ist eine wahre Freude, sich in dunklen, mit großen schwarzen Vorhängen geschmückten, theatralisch inszenierten Räumen wiederzufinden, in denen die Tiefe unseres Daseins durch Werke von seltener Qualität zum Ausdruck kommt. Eine Ausstellung für ein Publikum, das sich gerne daran erinnert, dass es die unfassbare Welt der Seele gibt – in all ihrer Großzügigkeit und ihrer Härte.
Die Auswahl vereint Künstler verschiedener Generationen: Antonin Artaud selbst, durch seine Schriften, Zeichnungen und einzigartigen Dokumente, aber auch Ed Atkins, Angélique Aubrit & Ludovic Beillard, Tobias Bradford, Romeo Castellucci, Pan Daijing, Tadeusz Kantor, Liza Lacroix und Michel Nedjar. Sie alle thematisieren in ihren Werken die Krise der Realität anhand des Status des Bildes, des Betrachteten, des Erlebten, aber auch des Körpers und seiner Darstellungen. Die Ausstellung erstreckt sich über eine Vielzahl von Kunstformen: Theater, Performance, Ton, Malerei, Skulptur, Video und kinetische Installation. Diese Interdisziplinarität ist von grundlegender Bedeutung. Sie knüpft an die Intuition von Antonin Artaud an, wonach sich das Theater nicht auf einen auf der Bühne gespielten Text beschränken lässt, sondern sich zu einem Gesamtkonzept erweitert, in dem Gesten, Stimmen, Licht, Objekte und Räume zusammenwirken, um ein einzigartiges Erlebnis zu schaffen. Die hier versammelten Werke präsentieren sich eher als Fragmente, Rituale, Aktionen und zu entschlüsselnde Bilder denn als in sich abgeschlossene Erzählungen. Man muss sich für jedes einzelne Werk Zeit nehmen. Aufmerksam hinschauen und die Resonanz verstehen, die sie in uns auslösen. Man denkt an eine Therapiesitzung, doch es ist vielmehr eine Auseinandersetzung mit dem, was uns durch die Kunst am tiefsten berührt. Die Kunst wirkt wie ein Spiegel, der unsere aktuellen Emotionen widerspiegelt und verdeutlicht – ebenso wie das Stendhal-Syndrom, diese intensive körperliche und emotionale Reaktion, beispielsweise angesichts des virtuosen und virtuellen Videos von Ed Atkins. Der britische Künstler, bekannt für seine hyperrealistischen Videos, in denen digitale Avatare auftreten, erschafft Figuren, die zugleich präsent und zutiefst entkörperlicht sind. Die Grausamkeit verlagert sich somit auf den Bereich eines digitalen Körpers, der zu leiden, zu schreien und zu singen scheint, ohne jemals wirklich verstanden werden zu können. Wir befinden uns in einer Art Zwischenzone zwischen Simulation und Empfindung, die die Art und Weise hinterfragt, wie wir mediatisierte Emotionen konsumieren.
Einige Werke stellen die szenische und performative Dimension in den Vordergrund. Die Arbeit von Angélique Aubrit & Ludovic Beillard nimmt mit ihrer Installation „Une solitude vraiment terrible“, die von einer Performance begleitet wird, einen wichtigen Platz ein. Die Performer, die schwere Kostüme tragen, bewegen sich langsam durch eine Inszenierung, die Unbehagen und Gefahr in einem geschlossenen Raum heraufbeschwört. Körperlich anstrengend, an der Grenze der Ausdauer, wird Grausamkeit hier eher als Dichte von Zeit und Materie verstanden, nämlich als Druck.
Auch der Dialog mit Tadeusz Kantor ist von entscheidender Bedeutung. Als bedeutende Persönlichkeit des polnischen Avantgarde-Theaters, geboren 1915 und verstorben 1990, beschäftigte sich Tadeusz Kantor ebenso wie Antonin Artaud mit der Idee eines Theaters, das von der Erinnerung an den Tod und sich wiederholenden historischen Traumata geprägt ist. Seine Präsenz in der Ausstellung ordnet „Theatre of Cruelty“ in eine Genealogie ein, die die Avantgarden des 20. Jahrhunderts mit zeitgenössischen Praktiken verbindet. Die Radikalität Kantors, die sich in seinen „Maschinen“ des Todes zeigt, steht im Einklang mit der Idee von Exorzismus-Handlungen.
Bei Pan Daijing, einer in Berlin lebenden chinesischen Performerin und Musikerin, werden Klang, Stimme und Atem zum Material der Grausamkeit. Ihre Arbeit, die sich zwischen Performance, Klangkomposition und Installation bewegt, ist in intensiven emotionalen Registern verankert. Schreie, Flüstern, Atemzüge und Sprachfragmente werden zu Elementen einer Sprache, die zerbricht und zur reinen Schwingung wird. Diese „ zerbrochene Sprache “, von der in der Präsentation die Rede ist, knüpft an Artauds Vorstellung einer Sprache an, die nicht mehr nur ein einfaches Kommunikationsmittel ist, sondern eine Kraft, die auf den Körper einwirkt.
Liza Lacroix arbeitet mit dunklen, gestischen Flächen, auf denen die Spuren des Körpers sichtbar sind, fast schon aggressiv. Die Malerei wird zum Ort, an dem Triebe, Verletzungen und Versuche der Befreiung zum Ausdruck kommen. Michel Nedjar verankert mit seinen Figuren und Puppen, die durch die Wiederholung von Geste und Material geprägt sind, die Grausamkeit im Gedächtnis und im Ritual: Seine Objekte wirken zugleich wie Reliquien und Talismane, Träger von Traumata, aber auch von Überlebenskraft.
Das gesamte Projekt wird von einem umfangreichen Vermittlungsangebot begleitet. Zur Ausstellung gehören insbesondere Workshops für Kinder, in denen diese dazu eingeladen sind, ihre Eindrücke in visuelle Formen umzusetzen. Mit „Theatre of Cruelty“ wird das Casino zu einem Experimentierfeld für eine Raumdramaturgie, die über die reine Hängung hinaus auch die Besucherführung, die Verweildauer und die Auseinandersetzung mit teilweise verstörenden Werken berücksichtigt.
Der Einführungstext betont zudem die potenziell schwierige Dimension bestimmter Werke und weist darauf hin, dass diese für empfindliche oder sehr junge Zuschauer möglicherweise nicht geeignet sind. Dieser Haftungsausschluss erinnert daran, dass Agnes Gryczkowskas Vorschlag keineswegs ein neutraler Spaziergang ist. In Anlehnung an Antonin Artaud fordert sie eine Form bewusster symbolischer Gewalt, bei der Kunst nicht dazu dient, zu beruhigen, sondern zu wecken und Bereiche des Unbehagens sichtbar zu machen.
„Theatre of Cruelty“ ist weder eine historische Ausstellung über Artaud noch ein Überblick über die zeitgenössische Performancekunst. Es handelt sich um ein Konzept, das theoretisches Erbe, szenische Praktiken und plastische Objekte miteinander verknüpft, um zu hinterfragen, was eine „grausame“ künstlerische Geste heute noch sein kann &: nicht ein blutiges Gewaltspektakel, sondern eine Intensivierung der Wahrnehmung, eine Erfahrung, die Körper und Vorstellungswelten erschüttert. Unter der Leitung von Agnes Gryczkowska reiht sich dieses Projekt in ein Netzwerk von Überlegungen zum Verhältnis zwischen Kunst, Ritual, Trauma und Rezeption ein und macht das Casino zu einem Theater im wahrsten Sinne des Wortes, das heißt zu einem Ort, an dem das, was sich dort abspielt, weit über den bloßen Rahmen der Ausstellung hinausgeht.
Der Titel ist ein Zitat von Antonin Artaud
„Theatre of Cruelty“ im Casino Luxembourg bis zum 8. Februar. Details zum Rahmenprogramm unter casino-Luxembourg.lu