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Stil 3 Min. Lesezeit

Symbolbilder

Pop. Life !

Erschienen in Ausgabe November 2025
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In der Jury des Lëtzebuerger Buchpräis 2025, der vor zwei Wochen im Rahmen der Walfer Bicherdeeg verliehen wurde, saßen der Literaturkritiker Jérôme Jaminet, die Autorin Claudine Muno, die Buchhändlerin Claudine Butterworth, die Grafikdesignerin Rachel Hoffmann und die Bibliothekarin des Nationalen Literaturzentrums Solange Häusler. Falls Sie sie auf dem Foto zu diesem Artikel, das von der dem Preis gewidmeten Website (Bicher.lu) stammt, nicht erkennen, liegt das daran, dass es aus einer Bilddatenbank stammt. Eine Google-Bildersuche ordnet es zudem einer Website zur „ Förderung des Selbstwertgefühls “, zur „ Sophrologie im Unternehmen “ oder auch zu „ Barrierefreiheitsstrategien für einen inklusiveren Arbeitsplatz “. Der Bildanbieter iStock von Getty Images beschreibt es als „Porträt von fröhlichen und entspannten Projektberatern im Büro“. Der Suchbegriff „Gruppe von fünf Personen im Büro“ liefert dort sofort mehr als 17.900 Bilder – allesamt glückliche Menschen, deren Vielfalt sorgfältig inszeniert ist, die gepflegt aussehen und sich in ihrem Arbeitsumfeld sichtlich wohlfühlen. Man kann die Nutzungsrechte für das Bild für 24 Euro pro Bild erwerben oder ein Monatsabonnement abschließen.

Zwar hat sich die Nutzung von Bilddatenbanken in der Verlagsbranche (und auch in der Presse) allgemein durchgesetzt, doch überrascht eine derart plumpe Verwendung zur Darstellung realer Personen seitens des Veranstalters des Buchpreises, dem Verband der luxemburgischen Verleger, der sich gerade für den Schutz origineller Inhalte einsetzt; zudem arbeitet er mit Luxorr zusammen, dem Verband zum Schutz der Urheberrechte von Autor*innen, Journalist*innen und Verlegern.

Zwar wusste die große Fotografiefilosofin Susan Sontag bereits, dass ein Foto „nur ein Fragment ist und mit der Zeit seine Verankerung verliert. Es driftet in eine abstrakte, schwammige Vergangenheit ab, die für jede Art von Interpretation offen ist (Über die Fotografie, Bourgois Verlag, 2008). Doch Stockfotos sind Bilder, die für „jede Art von Interpretation“ konzipiert und umgesetzt wurden. In seinem kurzen Essay zu diesem Thema bezeichnet der Publizist Thomas Nolte die Stockfotografie sogar als „Adoptivkind des Neoliberalismus“, weil die Bilder oft kostenlos von Amateurfotografen aufgenommen werden, während die Vertriebsplattformen dafür bezahlt werden, und weil sie „generisch, bedeutungsoffen und anonym“ sein müssen (Stockfotografie; Digitale Bildkulturen, Wagenbach, 2024).

In der Verlagswelt sind Stockfotos das visuelle „Lorem ipsum“ (Blindtext). Sie dienen als Platzhalter in Layouts, die von vorgefertigten Layout-Programmen erstellt werden, in denen ein/e Redaktionssekretär/in, ein/e Vereinsvorsitzende/r, ein/e PR-Beauftragte/r oder eine andere Person aus dem Verlagswesen verzweifelt nach einem Bild suchen muss, um den vorgesehenen Platz oder die Lücke auf der Seite zu füllen. Zwei oder drei Stichwörter in einer Suchmaschine reichen mittlerweile aus, um Hunderte oder sogar Tausende von Standardbildern zu generieren. Generative KI-Tools und ihre ideologischen Verzerrungen beschleunigen noch die beunruhigende Ästhetik einer „Brave New World“, in der alle unter allen Umständen lächeln und schön sind – die von Vince Gilligan geschaffene Serie „Pluribus“, die auf AppleTV verfügbar ist, macht daraus eine unterhaltsame Dystopie. Die Meme-Kultur basiert übrigens zum großen Teil auf diesen Stockfotos – der „distracted boyfriend“ ist dabei wahrscheinlich das bekannteste Beispiel.

Auch in der Welt des journalistischen Mediens ist die Verwendung von Stockfotos mittlerweile weit verbreitet, so auch in Luxemburg. Das „Luxemburger Wort“ ist voll davon, manchmal stammen sie aus dem eigenen Archiv, wobei die Bildunterschrift dann „Symbolbild“ lautet. Ihre Verwendung scheint sich bei abstrakten Themen wie der Arbeitswelt, Steuern (ach, diese Bilder von rosa Sparschweinen, in deren Schlitz Münzen stecken, oder von Taschenrechnern, die auf einem Papierstapel liegen) oder vor allem bei heiklen Themen wie häuslicher Gewalt oder Pädophilie. Doch seit der Revolution der sozialen Netzwerke, in der jeder Autor und/oder Fotograf ist, hat die Presse ihrem Publikum nur noch eines zu bieten: Vertrauen in geprüfte und originäre Inhalte.