Es ist Sommer in Innsbruck. Touristen schlendern durch die Gassen der Altstadt, am Horizont erheben sich die imposanten Gipfel der Tiroler Alpenwelt. Doch die Idylle trügt: Österreich erlebt die intensivste Hitzewelle der Geschichte, am Tag des Gesprächs wurden in mehreren Orten neue Hitzerekorde aufgestellt. „Der Klimawandel ist auch bei uns angekommen. Wir erleben aktuell erst die Vorboten“, meint Laura Lentz. Die Zweiundzwanzigjährige wurde als „Student of the Year in Management and Economics“ der Universität Innsbruck ausgezeichnet. Im Gespräch spricht sie über ihr soziales Engagement, das komplexe Verhältnis von Wirtschaft und Klimaschutz sowie die Herausforderungen für junge Menschen.
Der „Student of the Year“ Preis wird jedes Jahr an Studierende vergeben, die sich durch exzellente akademische Leistungen sowie durch gesellschaftliches Engagement auszeichnen. Die Jury hob insbesondere das Engagement für Zusammenhalt in Europa und eine nachhaltige Entwicklung hervor. Nicht nur zahlreiche Erasmus+-Aufenthalte, sondern auch Marketingtätigkeiten für den Akademischen Börsenverein Innsbruck gehören zum Werdegang der Studentin. Lentz bezeichnet den Preis als große Ehre, sieht es aber auch positiv, dass die Uni Innsbruck Studierende fördert, die „jenseits der Textbücher denken“. Es sei wichtig, sich über die Kursinhalte hinaus zu engagieren und das Ganze in den Blick zu nehmen, betont sie. Aber gerade für junge Menschen sei es wichtig, globale Prozesse im größeren Kontext zu verstehen. Partizipation beginnt mit Verständnis, ist Lentz überzeugt: „Der erste Schritt sich einzubringen, besteht darin, ein Verständnis für politische Mechanismen und Entscheidungsprozesse zu entwickeln.“
Das soziale Engagement begleitet die junge Luxemburgerin nicht erst seit dem Studium. Bereits in der Schulzeit sammelte sie erste Eindrücke als Youth Embassador für UNICEF in der Sensibilisierungsarbeit. Eine Erfahrung, die sie nachhaltig geprägt hat: „Hier habe ich das erste Mal gespürt, dass das was ich tue, Auswirkungen hat.“ Diesem Grundsatz ist sie auch an der Uni treu geblieben. Im Vorjahr nahm sie an einer Erasmus+-Exkursion nach Brüssel im Rahmen der AURORA University Alliance teil. „Die EU bietet jungen Menschen unglaublich viele Möglichkeiten“, betont sie, doch diese würden oft nicht wahrgenommen. Häufig stehen vor allem die Krisen im Vordergrund, während die Vorteile der EU als selbstverständlich gelten. Programme wie Erasmus+, die Bologna-Reformen oder das Ende der Roaming-Gebühren seien nur einige Beispiele dafür, wie insbesondere die jungen Generationen von der EU profitieren. Die größte Herausforderung, um junge Menschen stärker einzubinden, sieht sie in der Sichtbarkeit. Vielen sei nicht bewusst, welche Möglichkeiten die EU ihnen zur Mitgestaltung biete. Förderprogramme wie das Blue Book Traineeship oder der European Solidarity Corps verstecken sich oft im Algorithmus, weiß sie aus eigener Erfahrung: „Auch ich musste mich zuerst aktiv informieren, welche Möglichkeiten es gibt.“ Dennoch rät sie, sich auf freiwilliger Ebene einbringen, auch im kleinen Rahmen: „Man merkt erst, welches Gestaltungspotenzial man hat, wenn man beginnt, sich zu engagieren.“ Dies könne im politischen, sozialen oder kulturellen Bereich sein: „Jeder Mensch hat ein Interesse, für das es sich lohnt, sich einzubringen“, ist Lentz überzeugt.
Die Studentin sieht darin auch einen Weg, dem Gefühl der eigenen Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, das gerade die jungen Generationen häufig belastet. „Junge Menschen sind auf vielen Ebenen mit Überstimulation konfrontiert“, resümiert sie. Sowohl die geopolitische und klimatische Lage sei ungewiss, aber auch der Arbeitsmarkt befindet sich in einem Transformationsprozess. Das alles könne überfordernd wirken. In diesem Kontext tragen die Sozialen Medien zur zusätzlichen Polarisierung bei: „Soziale Medien versprechen einfache Antworten auf Fragen, auf die es momentan keine einfachen Antworten gibt. Genau das macht sie so verlockend.“ Es sei jedoch falsch, jungen Menschen zu unterstellen, sie würden Sachverhalte unkritisch übernehmen. Gute Aufklärung und die Vermittlung von Medienkompetenzen seien unerlässlich: „Der Algorithmus ist auf die Generierung von Aufmerksamkeit ausgerichtet und belohnt dramatisierte Darstellungen. Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu vermitteln.“ Auch mit Blick auf Künstliche Intelligenz dürfe man nicht die Augen vor den Entwicklungen verschließen, sondern müsse jungen Menschen einen differenzierten Umgang vermitteln. Dies sei im anglophonen Raum bereits stärker in den universitären Alltag eingedrungen. So besuchte Lentz im Austauschsemester ein Seminar, das sich explizit mit den Herausforderungen und Chancen durch Künstliche Intelligenz beschäftigte: „Der Umgang mit der Künstlichen Intelligenz setzt neue Kompetenzen und Strategien voraus. Wir müssen jungen Menschen vermitteln, wie man sie sinnvoll einsetzen kann und zugleich das Bewusstsein für die Risiken eines unreflektierten Umgangs schärfen.“ Zugleich weist Lentz auf den enormen Wasser- und Energieverbrauch der benötigten Datenzentren hin. Sie sieht auch den Einzelnen in der Pflicht: „Nicht jede Frage setzt eine KI-Suche voraus. Künstliche Intelligenz lässt sich sinnvoll einsetzen, aber wir sollten auch die Umweltfolgen eines omnipräsenten Einsatzes von Tools wie Chatgpt bedenken. Schließlich gibt es ja auch noch das gute alte Wikipedia,“ lacht sie.
Ihren Blick für die regionalen Auswirkungen von globalen Prozessen hat auch das Studium in Innsbruck geschärft. Neben den Inhalten ihres Studiengangs war für Lentz auch die Lage inmitten der Alpen ein Grund, sich für Innsbruck als Studienort zu entscheiden. Vom Hörsaal auf die Skipiste – solche Möglichkeiten bieten wenige andere Städte. Doch die Region, wirtschaftlich stark vom Tourismus abhängig, ist in besonderem Maße vom Klimawandel bedroht. Zugleich hat der Wintertourismus intensive ökologische Auswirkungen. „In Luxemburg habe ich die Zusammenhänge von Tourismus und Klimawandel weniger stark wahrgenommen“, reflektiert Lentz. „Im Alpenraum liegt auch auf wissenschaftlicher Ebene ein viel stärkerer Fokus darauf, wie man einen Ausgleich zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichen Strukturen gewährleisten kann.“
Die Komplexität dieses Gefüges hat ihr darüber hinaus die Erasmus+-Veranstaltung „Generation for the Earth“ vor Augen geführt. „Als Studierende haben wir bei der Klimakonferenz in Rom die junge Perspektive vertreten und ein Manifest ausgearbeitet, das bei der UN-Klimakonferenz in Istanbul präsentiert wird“, erzählt sie. Die Erfahrung hat ihr Bewusstsein für Klimaschutz weiter vertieft: „Klimaschutz und Wirtschaft werden oft als Spannungsfeld gedacht. In einer sehr schnellen Welt müssen wir Wege finden, den kurzfristigen Profit von Wirtschaft mit den langfristig gedachten Klimazielen in Einklang zu bringen.“ Eine bereichernde, aber mitunter auch desillusionierende Erfahrung: „Es gibt keine einfachen Lösungen für ein Problem mit derartigen globalen Verflechtungen. Einzelne Initiativen können Beispielcharakter haben und jeder kleine Schritt ist wichtig, aber die Klimaziele können nur erreicht werden, wenn die globalen politischen Akteure an einem Strang ziehen.“ Dennoch sieht die Studentin keine Alternative zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Folgen wie die zunehmende Unbewohnbarkeit ganzer Regionen und die daraus resultierende Klimamigration erleben wir erst in einer ersten Phase. „Die Konfliktlage wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verschärfen“, ist sie überzeugt. Zwar haben die zahlreichen internationalen Krisen den Klimaschutz auf der politischen Bühne in den Hintergrund rücken lassen. Doch mit den aktuellen Hitzewellen trete er wieder stärker ins Bewusstsein: „Jetzt, da wir die Folgen selbst erleben, bleibt der Klimawandel präsent. Dann wächst auch die Bereitschaft, etwas dagegen zu unternehmen“, zeigt sich Lentz optimistisch.
Doch die Herausforderungen der Zukunft können wir nur meistern, wenn wir als Gesellschaft im Gespräch bleiben. Die Studentin betont mehrfach, wie sehr die Begegnung mit Menschen, die andere Erfahrungen und Perspektiven mitbringen, sie geprägt hat. Man müsse ein Bewusstsein für Zusammenhänge entwickeln, um Entscheidungen nachvollziehen zu können. Insbesondere ihren Auslandsaufenthalt in Dublin empfand sie als bereichernd: „Dort ist mir bewusst geworden, wie sehr wir das Weltgeschehen aus einer europäischen Bubble heraus bewerten.“, erzählt sie. „Meine Mitbewohnerinnen in Dublin studieren in Bahrain. Sie haben den Kriegsbeginn im Iran im Februar ganz anders erlebt als wir in Europa.“ Hinter jeder Entscheidung gebe es einen ein Kontext, den man verstehen müsse, auf der globalen geopolitischen Bühne genauso wie innerhalb der EU. Wichtig sei es, verschiedene Quellen und Perspektiven einzubeziehen, auch wenn es meist nicht die eine richtige Antwort gebe: „Im Zweifelsfall muss man auch mal sagen, agree to disagree.“
Mit dieser Offenheit blickt Lentz auch der eigenen Zukunft entgegen. Im Herbst beginnt sie ein Masterstudium an der Wirtschaftsuni Wien, wo sie sich im zweiten Jahr auf Development Economics spezialisieren möchte. Ihr soziales Engagement will sie auf jeden Fall weiterführen und idealerweise auf einer professionellen Ebene verwirklichen. Eines Tages, so hofft sie, wird sie selbst in den großen Institutionen das politische und soziale Geschehen mitgestalten. Den Wechsel nach Wien sieht die Luxemburgerin als Chance, sind dort doch zahlreiche internationale Organisationen ansässig. Ob der Wegzug aus Innsbruck sie traurig stimmt? Wenngleich sie an der Alpenstadt hänge, so sei es doch Zeit für den nächsten Schritt. Und einer der Vorteile an Wien sei schließlich auch die gute Zugverbindung nach Tirol.