Institutionen und Demokratie 9 Min. Lesezeit

„Kein Selbstläufer“

Die Linke rotiert. Doppelporträt der künftigen Parlamentarier Ana Correia da Veiga und Gary Diderich

Erschienen in Ausgabe 4 September 2026
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Gary Diderich und Ana Correia da Veiga © Sven Becker

Als Treffpunkt haben Ana Correia da Veiga und Gary Diderich die Pizzeria Creole vor dem städtischem Bahnhof ausgewählt, ein kosmopolitischer, populärer Ort. Menschen mit Laptops, die Matcha trinken, trifft man hier nicht an, stattdessen werden Pizza, Pasta und Softdrinks serviert. Es herrscht reger Betrieb. Vor kurzem aus dem Urlaub zurückgekehrt, wendet sich das Gespräch erst der flygskam zu, der sogenannten Flugscham, die im Luxemburger Mainstream kaum eine Rolle spielt. Gary Diderich hat mit seiner Familie den Nachtzug aus Zagreb nach Saarbrücken genommen, Ana Correia hat ihre Europareise vor allem mit dem Zug absolviert, nur ein Rückflug musste sein.

Ähnlich wie diese Diskussionen ist auch die Linke in Luxemburg immer noch ein Randphänomen. Nachdem sie sich 2018 in den Wahlen gut geschlagen hatte, kam es 2023 zum schlechtesten Resultat seit 2009. Die beiden Sitze konnten gerade noch gerettet werden. Seitdem vertreten David Wagner und Marc Baum die Partei für die Bezirke Zentrum und Süden. Und konnten in diesem Zuge einige Erfolge feiern: Marc Baum, den Corinne Cahen den „besten Sprecher des Parlaments“ (d’Land, 6.6.2025) nannte, gelang der außerordentliche politische Coup, die Freiheit für einen Schwangerschaftsabbruch in der Verfassung zu verankern. Er legte Alternativvorschläge zur Pensionsreform vor. David Wagner kümmerte sich um die Außenpolitik, reagierte auf den Krieg in Gaza, auf Bildungsfragen wie die französische Alphabetisierung. Als die beiden Parlamentarier in den vergangenen Wochen auf ihre Arbeit zurückblickten, fiel ihr Fazit erwartungsgemäß positiv aus, die Linke sei „ein linker Magnet in der Kammer“ gewesen.

Dem Rotationsprinzip nach werden Marc Baum und David Wagner nun nach der Hälfte der Legislaturperiode durch die Zweitgewählten Gary Diderich und Ana Correia da Veiga ersetzt. Ab dem 14. Oktober obliegt ihnen die Aufgabe, die Arbeit bis zu den nächsten Wahlen weiterzuführen. Das Rotationsprinzip ist umstritten. Es existiert, um die Feminisierung und Verjüngung der Partei durch den Aufbau von fähigen Politiker/innen voranzutreiben. Und um eine One-Man-Show zu verhindern.

Engagiert sind Ana Correia da Veiga und Gary Diderich schon lange. Gary Diderich ist mit drei Brüdern in Differdingen aufgewachsen, seine Eltern bauten die Sektion der Grünen in seiner Heimatstadt mit auf, als es dort aufgrund der geplanten Mülldeponie Ronnebierg zu starkem Gegenwind kam. In jungen Jahren trieb es ihn zu den Jonk Gréng – dann drehte er der Parteipolitik länger den Rücken zu. Seine Politisierung führt der 43-Jährige auf das Jahr 1998 und die Umweltfrage zurück. Damals engagierte er sich in der Anti-Globalisierungsbewegung und in der Jugendorganisation des Mouvement écologique, Jeunes et environnement.

Er brach die Troisième im Lycée des Garçons in Esch/Alzette ab, um einen Freiwilligendienst zu leisten, organisierte eine Klimaschutzkampagne. Den Schulabschluss holte er später in Frankreich nach, absolvierte dann ein berufsbegleitendes Studium der Philosophie an der Uni Luxemburg. Er habe sehr viele Dinge in dieser Zeit gelernt, die in der Schule kein Thema waren, sagt Gary Diderich. Wie man Menschen zusammenbringt, Anträge schreibt, organisiert und Aufgaben delegiert, diesen Dreh hatte Gary Diderich früh raus. Neben dem Magazin Queesch gründete er die Life und 4Motion Asbl, für Letztere arbeitete er bis 2017. Danach widmete er sich Reso, einer société d’impact sociétal, die Bürgerbeteiligung fördert. Dort war er „Conseiller au Vivre ensemble interculturel“; heute arbeitet er in der gleichen Rolle für das Familienministerium.

Als er 2009 gefragt wurde, ob er für déi Lénk kandidieren würde, nahm er das Angebot an. Die Partei hatte zu diesem Zeitpunkt das Mandat im Parlament verloren und war dabei, sich neu aufzustellen. Gary Diderich wurde im gleichen Jahr Sechstgewählter in den Nationalwahlen, 2011 platzierte er sich bei den Gemeindewahlen hinter Jeannot Logelin, der auf sein Mandat verzichtete. Seitdem sitzt er mit einer Unterbrechung zwischen 2020 und 2023, als rotiert wurde, im Gemeinderat seiner Heimatstadt – und war maßgeblich am Untergang des grünen Bürgermeisters Roberto Traversini im Rahmen der Gaardenhaischen-Affäre beteiligt. Von 2016 bis 2025 war er Sprecher der Partei.

Die Rotation setzt er mit einer Halbzeit gleich, in der zwei sehr gute Spieler nun ersetzt werden. „Wir führen diese Arbeit nun weiter, aber wir sind ein Team.“ Marc Baum und David Wagner werden in der sensibilité politique weiter mitwirken, um ihre Sichtbarkeit nicht völlig zu verlieren. Dahinter steckt die Strategie, bei den nächsten Wahlen drei Sitze zu ergattern. Was für Akzente will Gary Diderich in der Kammer setzen? Er wolle sich um Wohnungsbau kümmern, insbesondere was den Mietendeckel angeht. Das Rententhema, ebenso wie die Plattformarbeit wird er besetzen. Als Umweltpolitiker will er die energetische Transition weiter vorantreiben. „Unsere Klimaziele erreichen wir nur, weil wir im Transport weit vorn sind. Überall sonst hinken wir deutlich hinterher.“ Er möchte die Verbindung zwischen dem Parlament und der Gesellschaft anders hinbekommen. „Mal sehen, ob mir das gelingt.“

Gary Diderich beherrscht die politische Kommunikation nach mehr als einem Jahrzehnt im Gemeinderat. (Im Gemeinderat ersetzt ihn die Zweitgewählte, Fio Spada.) Die Verve, die man am Parlamentspodium braucht, wird er sich aneignen müssen. „Gary kann mit wenig Vorbereitung sehr lange und gut über ein Thema sprechen“, sagt die ehemalige Schöffin und aktuelle Gemeinderätin Laura Pregno von den Grünen. Das sei sowohl seine Stärke, als auch seine Schwachstelle. David Wagner attestiert ihm eine große Organisations- und Koordinationsfähigkeit. Sowohl Gary Diderich als auch Ana Correia da Veiga arbeiteten viel und hätten „starke Überzeugungen“.

Ana Correia Da Veiga, 1983 in Luxemburg als älteste von vier Schwestern geboren, wird die erste afrikanischstämmige Person im Parlament sein. Sie ist Stater, von Kind auf: Als Kleinkind lebte sie in Hollerich, bevor sie die Grundschule in Bonneweg besuchte. Ihr Vater kam in den 70er-Jahren mit 16 Jahren aus Kap Verde nach Luxemburg, zu seinem Vater, der bereits hier arbeitete. Nachdem Ana Correia da Veigas Eltern sich per Fernheirat trauen ließen, wanderte die Mutter 1980 nach Luxemburg ein. Der Vater war Bauarbeiter, ihre Mutter verdiente ihren Lebensunterhalt als Putzhilfe. Nach einer „classe d’acceuil, hinten in der Ecke, mit Portugiesen und einer anderen Kapverderin“, ging das Aufnahmeexamen für die Sekundarschule daneben, erzählt sie. Mit Mühe schaffte sie es vom Préparatoire ins Technique des Fieldgen. Bis sie auf der Douzième die Schule abbrach. Wie Gary Diderich holte sie den Abschluss in Metz nach, studierte dann Sonderpädagogik in Lüttich. Ab 2017 arbeitete sie als éducatrice graduée im Service National de la Jeunesse mit jungen Schulabbrecher/innen, bis sie vor zwei Jahren in der sensibilité politique anfing, um sich auf ihre künftiges Mandat vorzubereiten.

„Ech sinn e gepraffte Bam“, sagt sie zur Identitätsfrage, die sich für sie in dieser Form nicht stelle. Die Wurzeln seien kapverdisch, der sichtbare Baum luxemburgisch. „Die Menschen, die wissen, wie das System funktioniert, die ein Netzwerk haben, kommen hier besser klar als jene, die keins haben“, sagt Ana Correia da Veiga auf der Terrasse der Pizzeria Creole. Die zweite Generation der Kapverder, die nun etabliert sei, könne ihren Kindern in der Schule schon besser helfen. Die, die heute aus Kap Verde hier ankommen, kämen im Gegensatz zu ihren Eltern mit Universitätsabschlüssen. Was bedeutet es Ana Correia da Veiga, die erste afrostämmige Politikerin im Parlament zu sein? „Wir fragen nach Sichtbarkeit, und jetzt gibt es sie.“

Auf eine Solidarität zwischen den Kapverdern angesprochen, antwortet sie, dass es für sie weniger ausschlaggebend sei, ob eine Firma von Schwarzen Menschen geführt sei, als ob sie ethisch und korrekt geführt werde. Sie wird die Themen Bildung, Familie, Gesundheit und Außenpolitik übernehmen. Gesundheit, Wasser, Strom und Bildung müssten öffentliche Güter sein, die außerhalb des „profitgesteuerten Dogma“ existieren. Was funktioniert am Luxemburger Schulsystem nicht? „Die Schule presst alle ins gleiche Rechteck, egal ob sie kreisförmig oder dreieckig daherkommen“, antwortet sie vage, „man bräuchte ein ganzheitlicheres Bild des Kindes“. Würde sie die öffentlichen europäischen Schulen auflösen, wenn sie morgen Bildungsministerin wird? „Schwierig. Das Baukastensystem mit der eigenen Muttersprache ist interessant, genauso wie die Verzahnung der formalen und non-formalen Bildung.“

Ein früherer Weggefährte sagt Ana Correia da Veiga einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit nach. Da liegt es nah, dass sie sich für Menschen einsetzen will, die aufgrund von ihrer Herkunft benachteiligt sind. Und für junge Menschen, für Frauen. Sie werde einen anderen Blickwinkel mit einbringen und zeigen, „dass Diskriminierung System hat und es nicht rein um Einzelfälle geht“. Sie möchte Suchtprävention und den Umgang mit Alkohol sowie Arbeitssucht thematisieren. „Ich möchte Tabus ansprechen.“

Als Jugendliche setzte sie sich nach dem tragischen Tod von Spencer Dos Santos Lima im „Comité Spencer“ ein, ein Verein, der gegen Gewalt unter Jugendlichen sensibilisierte. Im Rahmen der Gründung einer Nordsektion wurde sie vor etwa fünfzehn Jahren bei déi Lénk aktiv; 2018 und 2023 kandidierte sie bei den Nationalwahlen, 2017 und 2023 bei den Kommunalwahlen sowie 2024 bei den Europawahlen. Ihre realpolitische Erfahrung beschränkt sich auf die drei Jahre, die sie gemeinsam mit Guy Foetz im hauptstädtischen Gemeinderat saß und versuchte, Bürgermeisterin Lydie Polfer die Stirn zu bieten.

Mit Ana Correia da Veiga kommen ein anderer Duktus und eine andere Repräsentativität ins Parlament. Trotz ihres Selbstbewusstseins wirkt sie in ihrer politischen Eloquenz noch nicht standfest. Dass sie sich dreimal mehr anstrengen muss, als das Großbürgertum, das politische Mandate quasi in die Wiege gelegt bekommen hat, weiß sie. Und dass die Mehrheitsparteien ihr nichts schenken werden, wohl auch.

Nach der Wahlniederlage ging die Partei in sich und rekrutierte viele neue, vor allem junge Gesichter. Sie sollen nicht nur „Alibi sein“, sagt Ana Correia da Veiga. Déi Lénk beschäftigt sich seit ihrer Gründung mit ihrem Selbstverständnis. Wie linke Theorie, nämlich den Kapitalismus zu überwinden, mit Parlamentarismus zusammengeht – und was es zu erreichen gilt. Die Meinungen klaffen auseinander. Dass sie mehr „Gemeinschaft“ schaffen, mehr Menschen erreichen wollen, da sind sich die 550 Mitglieder und die Nationalkoordination seit Jahrzehnten einig. Doch wie das langfristige Engagement von Menschen, die sich in ihrer Freizeit politisch betätigen, entstehen soll, daran scheitert die kleine Partei weiter. Ihr basisdemokratisches Funktionsmodell, das ohne Hierarchien auskommt, macht die Konsensfindung bei Themen wie Impfpflicht und Waffenlieferungen an die Ukraine nicht einfacher. Diskussionen dauern lange, nicht immer kommt man zum Konsens. Man sei derzeit in einem „interessanten Prozess“ innerhalb der Partei, sagt David Wagner im Gespräch mit dem Land.

„Luxemburg ist als Finanzplatz ein spezifisches Umfeld für eine linke Partei“, sagt Gary Diderich. Es existiere die Befürchtung, Privilegien könnten verloren gehen, obwohl die von den Linken geforderten Maßnahmen in Steuer- und Wohnpolitik nur die wenigstens visierten. Es gebe eine Solidarisierung der Mittelklasse mit diesen fünf Prozent. Ähnliches gelte für die Erbschaftssteuer in direkter Linie, die nur für Mehrfachbesitzer greifen würde. „Wir sind radikal, aber wir sprechen auch den Mainstream an“, sagt Ana Correia da Veiga. Man habe schon vor elf Jahren vorgeschlagen, Palästina als Staat anzuerkennen. Zohran Mamdani, Alexandria Ocasio-Cortez und Jean-Luc Mélenchon zeigen, dass man „weit kommen kann“, sagt Gary Diderich. Doch all das sei „kein Selbstläufer“. p