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Stil 4 Min. Lesezeit

Fast Pescatore

Letzte Woche hat mir YouTube zum ersten Mal in meinem Leben eine Werbung zur Bekämpfung von Prostataproblemen angezeigt. Ein riesiger Schock! Nur zur Klarstellung: Ich habe nicht speziell nach Videos zu chirurgischen…

Erschienen in Ausgabe November 2021
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Letzte Woche hat mir YouTube zum ersten Mal in meinem Leben eine Werbung zur Bekämpfung von Prostataproblemen angezeigt. Ein riesiger Schock! Nur zur Klarstellung: Ich habe nicht speziell nach Videos zu chirurgischen Eingriffen, Mercedes-Vergleichstests, einer Michel-Drucker-Retrospektive oder Online-Bridge-Kursen gesucht. Nein. Ich habe lediglich nach einem Video zu einem Lied gesucht, das ich im Radio gehört hatte. Wie viele andere habe ich mich dieser Erpressung noch nicht gebeugt und mich daher an die Flut sinnloser Werbespots gewöhnt, bis ich auf „Anzeige überspringen“ klicken kann, um mir das anzusehen, was mich interessiert. Doch dieses Mal prallte die Botschaft nicht wie Wasser an den Federn einer sorglosen Ente ab. Die künstliche Intelligenz, die zwar nicht die Welt regiert, aber entscheidet, welche Werbung wir erdulden müssen, bevor wir ein Video sehen können, hatte gerade unumstößlich festgestellt, dass ich nun alt sei: mit nur 44 Jahren und 2 Monaten! Ich bin noch nicht reif für die Pescatore-Stiftung, aber fast.

Solange man jung ist, fragt man sich, ab welchem Alter man alt wird. Ist es dann, wenn man ohne Stützräder Fahrrad fahren kann? Wenn man lesen kann? Wenn man auf die weiterführende Schule kommt? Wenn man den Führerschein macht? Die erste sexuelle Erfahrung hat? Den ersten Job antritt? Die erste eigene Wohnung bezieht? Das erste graue Haar entdeckt? Das erste Kind bekommt? Nein, all das hat eher mit Erwachsenwerden als mit Altern zu tun. Ist es dann, wenn man älter ist als die „Joffer“ seiner Kinder, als der aktuell angesagteste Sänger, als Jesus am Kreuz, als sein Chef, als das Staatsoberhaupt? Nein, all das ist eher ein Zeichen dafür, dass man lieber in seinem eigenen Tempo lebt. Es ist nicht so, dass man absolut gesehen alt ist, sondern einfach, dass man nach und nach von immer mehr jungen Menschen umgeben ist. Übrigens fühle ich mich eher „vintage“ als alt.

Und vielleicht stimmt das ja schließlich auch. Das Wort „colo“ weckt nicht mehr die Vorfreude auf den nächsten Urlaub und die Freude daran, am Lagerfeuer neue Freunde zu finden, sondern erinnert eher an eine vage beängstigende medizinische Untersuchung, neben der ein PCR-Test wie ein Kinderspiel wirkt. Mir ist auch aufgefallen, dass Friseure zwar Sonderpreise für langes Haar anbieten, aber nichts für Männer mit Glatze. Das sind keine Dinge, über die man in den besten Jahren nachdenkt. Ein letzter Hinweis: Als ich das letzte Mal an einem Wochentag den Zug um 14:09 Uhr am Bahnhof Dommeldange nahm, kam es mir vor, als würde ich zu einer Expedition in unbekanntes Terrain aufbrechen. Dieser Sprung ohne Dekompressionsstop in die Welt der unter Zwanzigjährigen in Luxemburg hat in mir Gedanken geweckt, die einem mürrischen alten Mann würdig sind. Ich fand all diese Gymnasiasten lächerlich nonchalant, obwohl sie Schuhe trugen, mit denen man einen Sprint schneller als Usain Bolt laufen müsste. Sie gaben sich rebellisch und unabhängig, während ihre Kleidung und ihre Vorliebe für Marken deutlich zeigten, wie fügsam und beeinflussbar sie durch die Vorgaben des Marketings waren. Man mag zwar wissen, dass man nicht alt sein muss, um ein alter Trottel zu sein, aber es hilft. Trotz jahrelanger Konfrontation mit Dummheit musste ich mich der Tatsache stellen: Ich hatte keine natürliche Immunität entwickelt, ich war sogar zu einem ziemlich fruchtbaren Nährboden geworden.

Wie man so schön sagt: Das Alter ist keine große Sache, aber es lässt sich nie wirklich heilen. Also habe ich beschlossen, das Beste daraus zu machen. Zum Beispiel: Gibt es eine bessere Gelegenheit, seinen Vorrat an guten Ausreden aufzufüllen? Sie haben keine Lust, Ihren Sonntagnachmittag mit Radfahren im Regen zu verbringen? „Fahrt ohne mich los, ich würde euch nur aufhalten.“ Sich taub zu stellen oder ungewollte Vergesslichkeiten vorzutäuschen, sind alles kleine Vorteile, während man auf den Heiligen Gral wartet: den Zugang zu den Vorrangplätzen in öffentlichen Verkehrsmitteln und das Recht, an der Kasse im Cactus an allen anderen vorbeizugehen.