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Musik 3 Min. Lesezeit

Sie wird nach Leningrad überwiesen…

…doch Schostakowitschs Siebte Symphonie erreicht in ihren zugleich traurigen und beruhigenden Klängen Universalität

Erschienen in Ausgabe Mai 2022
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Russische Künstler (wie auch Sportler) machen gerade eine schwere Zeit durch (man könnte einwenden, dass die Ukrainer erst recht die Hölle durchleben – mehr als fünf Millionen sind bereits geflohen). Die einen werden aufgefordert, Stellung zu beziehen – was für verstorbene Komponisten natürlich schwierig ist –, und so wird ein Schweizer Festival Tschaikowski durch Verdi ersetzen, wobei weiterhin dieselbe „Jeanne“ auf dem Programm steht; die anderen werden ins Exil gezwungen (und die Männer in einen ungleichen Kampf). Wie soll man da herauskommen, wenn es offenbar nicht ausreicht, laut und deutlich seinen Wunsch nach Frieden zu bekunden? Der Dirigent Tugan Sokhiev hat keinen Ausweg gefunden – oder doch: seinen Rücktritt von den Posten als Musikdirektor am Bolschoi-Theater und am Capitole in Toulouse, da er „unfähig war, sich zwischen seinen geliebten russischen und französischen Musikern zu entscheiden“.

Das Orchester aus Toulouse stand geschlossen hinter dem Maestro und bekundete ihm anlässlich eines Konzerts in der Halle-aux-Grains öffentlich seine Unterstützung. Tugan Sokhiev war in Salzburg beim Osterfestival, um dort zwei Konzerte an der Spitze der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu dirigieren. Auf dem Programm stand die Siebte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch – ach je, ein russischer oder sowjetischer Komponist – und ein Musikstück, das üblicherweise mit der Belagerung Leningrads und dem Widerstand gegen den Nazi-Angreifer in Verbindung gebracht wird. Dafür erhielt der Komponist 1942 den Stalin-Preis.

Das ist wirklich kompliziert, wie man sieht. Und in diesem Fall sogar noch viel komplizierter, als man vermuten könnte. Denn obwohl die „Siebte“ zwar 1942 uraufgeführt wurde – allerdings weit entfernt von Leningrad, in Kuibyschew (heute Samara) – und einige Monate später in Leningrad aufgeführt wurde, am 9. August trotz des Beschusses durch die deutsche Artillerie aufgeführt wurde, gibt es Grund zur Diskussion über ihre wahre Bedeutung: zweifellos ein antinazistisches Werk, aber auch – und vielleicht sogar noch mehr – ein antistalinistisches. Das hängt ganz davon ab, welches Datum man als Beginn der Komposition ansetzt. Oder davon, welchen Glauben man den späteren Aussagen Schostakowitschs selbst beimisst: Stalin habe Leningrad zerstört, Hitler habe es nur noch vollenden müssen.

Ich möchte nicht länger herumreden, wenn Tugan Sokhiev zusammen mit den sächsischen Musikern uns fast anderthalb Stunden lang in eine Musik eintauchen lässt, die sich sehr schnell über alle besonderen Umstände erhebt, ohne diese auszulöschen oder vergessen zu lassen, um so Universalität zu erreichen. Und die Leitung unseres Dirigenten, der zwar in Nordossetien geboren wurde, führt uns durch die extremsten Momente, die das Leben einem Menschen bereithalten kann, die die Geschichte den Völkern auferlegt – mal beschaulich, mal verhängnisvoll, mal düster. Übrigens war Tugan Sokhiev 2005 in Luxemburg, um Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ zu dirigieren, eine Oper, die damals vom Festival in Aix wiederaufgenommen wurde.

Die Siebte ignoriert die Weiterentwicklung der ursprünglichen Themen – seien sie nun kraftvoll und energisch oder friedlich und verträumt –, denn schon lässt sich, kaum wahrnehmbar, das sehr ferne Trommelrollen erahnen: eine fremde Invasion oder innere Zerstörung, auf jeden Fall die Unterwerfung der Geister. Es erinnert an den „Boléro“, doch der Geist ist ein anderer als bei Ravel. Die Spannung ist im Scherzo nach wie vor vorhanden, doch Schostakowitsch beruhigt uns: Man kann das Publikum nicht ständig in diesem Zustand halten.

Auf diese Weise wird die Musik manchmal melodiöser, bevor wieder eine Atmosphäre der Gewalt aufkommt, die sogleich von einem Hauch von Humor oder gar Sarkasmus abgelöst wird. So geht es weiter, von einer Emotion zur nächsten, bis hin zu etwas, das man als triumphalen Charakter bezeichnen könnte, der jedoch nicht frei von durchaus düsteren Akzenten ist.