Das TOL setzt seine boulevardesken Abenteuer fort, und dieses Mal übergibt seine künstlerische Leiterin Véronique Fauconnet die Zügel an Aude-Laurence Biver, um ihr auf der Bühne zur Seite zu stehen. Die Grundlage enthält durchaus die typisch burlesken Elemente des Boulevards; das Stück besticht durch einen guten Rhythmus, die mitreißende Dynamik der Schauspieler, vor allem aber durch eine sehr gelungene Bühnenumsetzung dieses Textes von Florian Zeller, ganz ohne Pannen und millimetergenau auf die Anforderungen der Live-Aufführung abgestimmt. Nachdem sie sich intensiv mit dem Text auseinandergesetzt hat, verwandelt Biver die Komödie in eine Tragödie – oder fast. Sie verleiht dem Duo im Mittelpunkt des Stücks den Anschein griechischer Ikonen, geprägt von Leid und Selbstreflexion, die die Regisseurin durchgehend in ihre Inszenierung einfließen lässt. „Die Lüge“ wird so zu einem Konklave, das Untreue in Poesie verwandelt.
Lange bevor Zeller für die Verfilmung seines Textes „Le Père“ unter dem Titel „The Father“ (mit Anthony Hopkins) mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, hatte sich das TOL bereits entschlossen, sich mit seinem Werk „Mensonge“ zu befassen. Auch wenn dieser Text nicht die unglaubliche erzählerische Kraft der Oscar-prämierten Geschichte besitzt, muss man doch zugeben, dass er etwas an sich hat. Etwas, das man aus dem Überflüssigen, ja sogar aus dem „Schwerfälligen“ bestimmter Passagen herauslösen muss, aber eben ein kleines Etwas, das ganz tief im Subtext schlummert: die Zerrissenheit langjähriger Liebesgeschichten. Aude-Laurence Biver verwandelt das Vaudeville in eine Tragödie und lässt so eine Art Traumhaftigkeit auf die Bühne dringen, die zunehmend ihr Werk prägt. Ein Stil, der einer jungen Regisseurin eigen ist, die versucht, sich von einem durchaus langatmigen Text zu befreien, der wenig Durchschlagskraft hat und äußerst vorhersehbar ist.
Dennoch befreit sie uns auf brillante Weise von der Langeweile der überladenen und übermäßig repetitiven Dialoge – dank einer äußerst gekonnten Inszenierung und der Wahl einer szenografischen Gestaltung, die zugleich wirkungsvoll und schön ist und gemeinsam mit Marco Godinho entwickelt wurde. Ein Geniestreich, den bildenden Künstler damit zu beauftragen, das Konzept eines Bühnenbilds zu veranschaulichen, das in dieser Art von Aufführung normalerweise nur als schmückendes Element dient. Hier sind die szenografischen Mechanismen sinnvoll eingesetzt und die szenische Perspektive wird belohnt. Man spürt zwar die knappen Mittel, aber auch genügend Geschick, um der Bühne eine beeindruckende Präsenz zu verleihen.
In ihrer Inszenierung holt Biver jedoch das Maximum an Emotionalität heraus, das sie in diesem Kitsch finden konnte. Ihre Arbeit, diesem Text ein neues, spektakuläres Fundament zu verleihen, ist spürbar. Dieser Boulevard wird tragisch sein – und das ist er auch, und er hätte es noch mehr sein können. Gleichzeitig erweist sich Bivers „Le Mensonge“ als sehr sanft, seltsam zärtlich – ganz im Gegensatz zu der schuljungenhaften Leichtigkeit, die man mit dem Boulevardtheater assoziiert.
Die gesamte Truppe meistert den Boulevard so, wie es der Boulevard verlangt und wie es die Regisseurin konzipiert hat. Dennoch besticht Véronnique Fauconnet im Mittelpunkt durch ihre überraschende Darbietung, mit der sie einigen ursprünglich eher flachen Zeilen eine unerwartete Wendung verleiht. Sie entfaltet ihr ganzes Können auch, wenn sie die Poesie von Biver körperlich verkörpert, allein vor drei Spiegeln, und dabei die Scham durchdringt – die Scham der „betrogenen“ Frau im wörtlichen Sinne. Ihr Gegenpart, Olivier Foubert, strahlt zwar weniger Glanz aus, findet aber dennoch seinen ganz eigenen Moment, allein auf der Bühne, voller Wut und zerfressen von Geständnissen, bei denen er nicht mehr weiß, ob er Lüge oder Wahrheit schwört. Zusammen bilden sie ein Duo, das funktioniert: Der eine streckt die Hand nach dem Lachen aus, der andere nach dem Schluchzen.
Colette Kieffer und Raoul Schlechter hingegen haben nur wenige Zeilen zu sprechen. Ihre Rollen sind eigentlich fast überflüssig, auch wenn sie ordentlich gespielt werden. Dieses andere Paar, ebenfalls betrogen und betrügerisch, das erst durch die Enthüllung der Wahrheit zum Umdenken bewegt wird, ist darüber hinaus von geringem dramatischem Interesse. Es wäre interessant gewesen, nur ein Paar vor uns zu haben, das sich darüber zerreißt, ob es richtig oder falsch ist, sich nach Jahrzehnten der Liebe – und immer noch, auch weiterhin und für immer tief empfundenen Liebe – hin und wieder mit einem anderen Körper zu vergnügen.
Abschließend muss man das musikalische Werk von Benjamin Zana loben, das sehr passend und fein komponiert ist – man hat den Eindruck, dass dabei diese Leitzeile in der Nacht im Hinterkopf war, über die man entweder unwillkürlich lacht oder die einen aus eigener Erfahrung bewegt: „ Die Lüge ist ein Beweis der Liebe “.