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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Wo bleibt denn der Aufschwung?

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Januar 2022
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Man sollte sich der Sache klar bewusst sein und es sich unverblümt eingestehen: Die Menschheit ist im Jahr 2021 noch weit davon entfernt, die Wende geschafft zu haben, die sie auf einen Kurs des Überlebens gebracht hätte. Von den Unsicherheiten der Pandemie hin- und hergeworfen und nach wie vor besessen von der Illusion unendlichen Wachstums, bleibt sie auf einem Kurs, der sie – zusammen mit einem Großteil der Biosphäre – in den Untergang führt.

Die Klimakrise wird gerne als „wicked problem“ dargestellt : eine Herausforderung mit undefinierbaren, widersprüchlichen und sich ständig verändernden Merkmalen, die schwer oder gar unmöglich zu lösen ist und sich selbst Lösungen entzieht, wobei diese Lösungen vielfältig und gleichzeitig umgesetzt werden müssen, um eine Chance auf Erfolg zu haben.

Diese Definition, die an sich schon recht vage ist, entspricht zweifellos der Wahrnehmung, die die meisten von uns von dieser Krise haben, deren wissenschaftliche, soziale, politische, technische und wirtschaftliche Dimensionen vielfältig und miteinander verflochten sind. Sie hat jedoch den Nachteil, dass sie einen bemerkenswert einfachen Aspekt verschleiert: Solange nicht rasch ein Ausstieg aus fossilen Brennstoffen erfolgt, werden alle sonstigen Bemühungen vergeblich sein.

Soeben wurde bekannt, dass am 16. November, drei Tage nach der 26. COP, deren Vorsitz seine Regierung gerade innegehabt hatte, der Wirtschaftsminister Seiner Majestät, Kwasi Kwarteng, mit Vertretern von Ölkonzernen zu Abend gegessen hat, die durch die Reden der britischen Vertreter in Glasgow verunsichert waren, um sie zu ermutigen, weiterhin in der Nordsee zu bohren. Shell, BP, Equinor, Neptune Energy und EnQuest waren vertreten. Aus Sorge, dass der Anstieg der Gaspreise der britischen Wirtschaft ernsthafte Probleme bereiten könnte, wollte der Minister den Unternehmen versichern, dass sie weiterhin von Bohrgenehmigungen profitieren könnten.

Das hinderte Shell jedoch nicht daran, zwei Wochen später bekannt zu geben, dass das Unternehmen auf die Erschließung des riesigen Ölfeldes Cambo westlich der Shetlandinseln verzichte, das zugegebenermaßen Gegenstand besonders intensiver Lobbyarbeit seitens der Umweltorganisationen war.

Dieses Abendessen von Herrn Kwarteng verdeutlicht die Kluft, die nach wie vor zwischen Worten und Taten besteht. Ohne eine 180-Grad-Wende, bei der wir Öl, Gas und Kohle unverzüglich den Rücken kehren, sind das alles nur leere Worte. Ohne den Abbau der extrem großzügigen Subventionen, von denen fossile Energien profitieren, bleiben unsere Bemühungen um eine Dekarbonisierung nichts weiter als bloße Stilübungen. Solange die Regierungen weiterhin Bohrlizenzen vergeben, sind ihre Aufforderungen an die Bürger, ihren CO₂-Fußabdruck zu verringern, nichts als Augenwischerei.

Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, dass diejenigen, die trotz aller Widrigkeiten regelmäßig auf die Straße gehen, um ihre Bestürzung angesichts der Aussicht auf eine eskalierende Klimakrise zum Ausdruck zu bringen, nun ihren Zorn auf diesen ganz einfachen Aspekt der Herausforderung zu richten, vor der wir stehen, und gezielt und entschlossen den tatsächlichen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu fordern.