Feuilleton 4 Min. Lesezeit

Eine Welt verschwindet

Die kleine Zeitzeugin

Erschienen in Ausgabe 25 September 2026
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Wo sind sie geblieben? Die, die Jahrzehnte lang bis in die Nacht hinein an so vielen Ecken Wiens standen, bei Hitze Hagel Niesel Nebel, allen Witterungen trotzend, an zugigen Kreuzungen, in den U-Bahnstationen, vor dem Stephansdom? In den schwärzesten Winkeln, im Scheinwerferlicht? Diese Männer, Frauen in ihren knallgelben Jacken, die Wien zuverlässig mit dem fütterten, was man damals noch Nachrichten nannte, aber auch mit dem überlebensnotwendigen Klatsch und Quatsch. V.a. natürlich mit der Kronen-Zeitung, der österreichischen Variante der Bild-Zeitung, nur versehen mit Katzerln, Hunderln, Herzerln, Dirndln, mit dem Gleitgel der Gemütlichkeit. In den Kaffeehäusern am Ring wedelten sie den Burgtheaterbesucher/innen mit Erlesenem für die kulturaffine Zielgruppe vor der Nase herum. Sie waren Jäger, Akrobaten, Tänzer, Desperados. Kamikazes, todesmutig stürzten sie sich in Straßenschluchten, wo ihnen das Blatt wie warme Semmeln ausfahrenden Autos aus der Hand gerissen wurde. Was wäre das umnachtete Herbstwien gewesen, zuverlässig stürzte sich die Schwarznacht schon nachmittags um vier über die damals noch graue Stadt, ohne diese Männer in ihren quietschentengelben Outfits? Die immer wieder ein gutes Wort für Passant/innen übrighatten, ein Schwätzchen oder einen Scherz parat hatten und so einen wichtigen Beitrag leisteten zur seelischen Gesundheit einer großen Stadt? Meist waren es Ägypter, bis in den letzten Jahren Inder und Pakistanis übernahmen.

Ein paar Relikte dieser Zeitungoasen gibt es noch. Sie wirken seltsam, aus der Zeit gefallen, beinahe schon unverständlich. Kunstinstallationen, museale Objekte vor einem wie eine Attrappe wirkenden Angebot mit den in einer endlosen Meditation erstarrten Verkäufern. Handy-Meditation. Hin und wieder noch ein verlassener Sikh in einer U-Bahnstation vor den paar Blättern auf dem Boden, die nur noch wie ein Zitat wirken. Aber wovon? Etwas, das ein junger Mensch verständnislos anschaut, warum liegt das da? So unappetitlich, im Wege?

Und auch die Alten Analogen bequemen sich immer seltener, zuzugreifen. Wer schleppt noch die tonnen- und bedeutungsschwere Die Zeit in seine Höhle, wenn er sie schnellschnell anklicken kann? Vorausgesetzt, er oder sie prallt nicht an der Paywall ab, weil zu arm zu blöd zu ADHS. Und in welchem Kiosk könnte man überhaupt noch Welt schnuppern, NYT The Guardian Le Monde El Pais, aber auch Charlie und Titanic, all die Appetizer die Lust auf die Große Weite Welt machten, einst, als es diese noch gab?

Die Alten Analogen humpeln natürlich auch der Zeit hinterher, nehmt mich mit! Wo ist das Briefkastenritual geblieben, die Vorfreude, die Lust, am Blättern, am Geruch, das Herumstreunen im Blätterwald am Küchentisch? Wo sind die Zeitungsstapel in der Küche geblieben, jetzt wo all die armen Bäume nicht mehr sterben müssen? Wobei all die Datenzentren oder was das ist vielleicht ja auch nicht gesund sind, oder? Wo sind die Zeitungscanyons geblieben, die verrutschenden Türme von all dem, was sicher bald gelesen wird?

Wo ist die Treue geblieben? Die Treue der Abonnentinnen? Einst gab es eine Zeitung, die hieß in einem Großteil des Landes DIE ZEITUNG. Es war die mit den besten Todesanzeigen. Sie lag eine Kindheit und Jugend lang verlässlich auf dem Tisch in der Stube, sie lag bei allen auf dem Tisch in der Stube. Als die Menschen noch treu waren, einem Gott, einem Arbeitsplatz, einem Ehegespons. Nur sich selber gegenüber nicht.

Eine betagte Freundin erzählt, dass sie in einer Wohnanlage in einer deutschen Stadt die letzte ihrer Art ist. Eine, die noch eine richtige Zeitung zum Anfassen im Briefkasten hat. Kurz danach stellt die taz die Print- Ausgabe mit Ausnahme der Wochenendnummer ein. Die Freundin, eine Abonnentin der ersten Stunde, wird sich arrangieren. Treu kann Mensch auch online sein.

Aber das patriarchale Sich-Verschanzen hinter Papierwällen, das wohlige Absacken neben Zeitung und Kaffeetasse, das Sich-Vertiefen und Verschwinden im druckerschwarzen Blätterwald, inkl. wichtigtuerischem Geraschel, das ist dann wohl Geschichte. Es war eine schöne Geschichte.